Ein Küken kam angeflattert

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Hamburg- 01.10.2016 - Mit 19 Jahren hatte Adele, derzeit erfolgreichste Sängerin weltweit, ihre ersten großen Hits veröffentlicht. Als Birdy beim Talentwettbewerb Open Mic UK gewann, war sie zwölf. Und als sie ihre erste Single in die Hitparaden brachte, erst 14 Jahre alt. Mittlerweile ist die junge Britin 20, tourt mit ihrem dritten Album und es werden immer größere Hallen angemietet. Eine von nur sechs Deutschland-Auftritten war im Mehr! Theater am Großmarkt, das mit knapp 2000 Zuschauern nicht ausverkauft war.

Von ihrer Mutter, der belgischen Konzertpianistin Sophie van den Bogaerde, lernte sie mit sieben Jahren das Klavierspielen, mit acht Jahren begann sie eigene Songs zu schreiben. Ihren Spitznamen Birdy bekam sie von ihren Eltern, da sie bereits als Baby den Mund so weit aufsperrte wie ein hungriger Vogel im Nest, der gefüttert werden wollte.

Newcomer Lawrence Taylor spielte sich beim Reeperbanhnfestival letzte Woche mit Gitarre und seiner überraschend reif klingenden, bluesigen Stimme direkt ins Herz der Musikpresse. Er begleitet die britische Sängerin auf ihrer Deutschlandtour mit seinem halbstündigen Support.

Das Soulkid aus Lymington Birdy kam und setzte sich an ihren Flügel, ihr bis zur Hüfte reichendes Haar schwang bei seltenen Kopfdrehungen mit, meist wenn sie mal ins Publikum sah. Sie begann mit ihrem ersten Song, der „Shadow“ heißt. Er findet sich auf „Beautiful Lies“, ihrem jüngsten Album. Nach etlichen Liedern stand sie auf, nahm ihre Gitarre und sang am Bühnenrand. Ihre Stimme ist wie geschaffen für Balladen, davon gab es reichlich. Kein falscher Ton, keine Unsicherheit. Sie sprach sehr wenig mit ihrem Publikum, stellte ihre einzelnen Stücke nur knapp vor, wirkte ruhig und konzentriert.

Sie schreibt seit dem zweiten Album ihre Songs selbst. Schöne, einprägsame Melodiebögen, aber auch echte Pophymnen. Der Abend ging einmal quer durchs neue Album, zwischendurch die alten Hits. Ihr Sound ist dichter, orchestraler geworden und wurde auf der Bühne umgesetzt von zwei Keyboards, Schlagzeug, Bass, Gitarre, Geige, manchmal auch Flöte. Ihre Band hielt sich aber zurück, einige Musiker wechselten ständig die Instrumente und unterstützen sie beim Gesang.

 

Bei „Take my Heart“ schließlich trat sie zum zweiten Mal ans Mikrofon am Bühnenrand, ohne Flügel, ohne Gitarre, überließ sich ihrer Stimme, wurde zur großen Pop-Soul-Sängerin. Ernst und leidenschaftlich, ganz eingeschlossen in ihre eigenen Welt.

Die Bühnenausstattung war minimiert, die Produktion will besonders ihre Stimme in den Mittelpunkt stellen. Etwas hundert abgerollte 10er Mullbinden hingen von der Decke und reflektierten die sparsame aber effektvolle Lightshow. Zwischendurch coverte sie Birdy Kate Bushs Hit „Running up that Hill“. Sei stellte ihr neues Album nahezu vollständig vor. Mit den Produzenten Craig Silvey und Jim Abbiss wurde sie im Studio von zwei Profis betreut, die unter anderem für Florence + The Machine und für Adele gearbeitet haben. Auffällig einmal mehr, dass Birdy auf diesem Album wieder einmal mindestens zehn Jahre reifer und abgeklärter klingt als sie in Wirklichkeit ist.

Nur wenige ältere Songs runden die Show ab – ihre erste Single „Skinny Love“ die sie mit 14 sang, eine Coverversion eines Songs von Bon Iver, sowie „Wings“ und „People help the People“, das bereits früh als vierter Song der Setlist kam. Das Publikum war außergewöhnlich gemischt: Die vorderen Stehplätze waren von Teenies um oder unter 20 Jahren belegt. Auf den Sitzplätzen die Älteren und ließen sich von der schön klingenden Musik berieseln.

„Let it all go“ hieß das erste Stück der Zugabe. Die Meisterin der Ballade holte den Sänger Lawrence Taylor noch einmal auf die Bühne, der mit seiner rauen Stimme im Duett mit ihr sang. Mit „Keep you Head up“ schickte die zurückhaltende Träumerin ihre Fans ganz zuletzt nach Hause.