Fazit 2018: Sommer, Sonne, Staub

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Nordholz-Wanhöden, 22.07.2018 – Der Sonntag - letzter Festivaltag- brachte wieder einige gute Acts auf die Bühne. Wegen dem Staub hatte die Security die Auflage bekommen, Mundschutz zu tragen. Raja, Yogalehrer und beim „Green Circus“ zuständig für die Angebote Yoga am Morgen, Massage Coaching und Bieryoga, konnte sich über angenehme Temperaturen freuen. Auch das bunte Angebot der Zirkusschule „TriBühne“ aus Hamburg verleitet zum Mitmachen - besonders voll war es aber nicht, als die Jonglierbälle und Diabolos herausgeholt wurden.

Alligatoah aus dem Cuxland ist ein gern gesehener Gast auf dem Deichrand Festival. Vorbei die Zeiten im stickigen Palastzelt, als die Zuschauer Schlange standen und nicht mehr in das überfüllte Zelt kamen. Als Solo-Artist oder auch mit Trailerpark – längst bespielt er die großen Bühnen. So auch dieses Jahr mit seinem Musikbegleiter Sebel lediglich mit Hammondorgel untermalt. In seinen Tracks nimmt er kein Feigenblatt vor den Mund. Und genau das ist es, was ihn so positiv herausstechen lässt aus dem Gros der Deutschrap-Dudes.

Nach Punk-Rock mit Itchy aus Eislingen gab es einmal mehr auf diesem Festival Neue Deutsche Härte von Eisbrecher. Frontmann Alex Wesselsky hatten wir zuletzt auf der After-Show-Party von Maffay Tabaluga-Musical getroffen, bei dem er Bösewicht „Arktos“ verkörpert hatte. „Alexx“ machte wieder seine Scherzchen. "Früher war ich einsichtig, heute bin ich nur noch gleitsichtig" sagte er als er seine Sonnenbrille abnahm. "Wenn ich euch jetzt nicht mehr sehen kann, will ich euch wenigstens hören!" forderte er das Publikum auf. Bei fast 30 Grad tauchte die Band mit dicken Jacken und Mützen auf um ihren Song "Eiszeit" zu performen. Der Bayer war gut aufgelegt und so gab es zum Schluss auch das Freddy-Quinn-Lied "Junge komm bald wieder". 

Danach gab es Postrock und Posthardcore von der Stuttgarter Band Heiskalt aus Sindelfingen auf der Water-Stage. Probleme mit der Gitarre von Leadsänger Mathias Bloech überspielte die Band gekonnt. 
Fünf Sterne deluxe, die deutsche Hip-Hop-Gruppe bestehnd aus den Rappern Das Bo, Tobi Tobsen, dem Designer marcnesium und DJ Coolmann - alle mittlerweile über 40 Jahre alt-, begrüßten die Crowd mit ihrem Song "Moin Bumm Tschak“. Es folgte Elektrofolk von den beiden Kasseler Songwritern Milky Chance. Sänger Clemens Rehbein nahm mit dem Schlauchboot ein Bad in der Menge, um Pfandflaschen für Viva Con Aqua zu sammeln. Milky Chance ließ nichts unversucht und forderte die Fans auf, einen riesigen Moshpit zu machen. Das gelingt und die Band war begeistert: “Das ist der größte Moshpit, den wir je gesehen haben. Also auf unseren Konzerten...”

Der omnipräsente Bosse durfte auch dieses Jahr nicht fehlen, irgendwann haben wir aufgehört die Auftritte von ihm bei Deichbrand und anderen Festivals mitzuzählen, zu oft standen wir zu seinen Füssen im Graben. Bosse spielte perfekt zum Sonnenuntergang Songs mit Tempo, Gefühl und Tanzlaune und verausgabten sich dabei wieder so, wie es sich auf einer Festivalbühne gehört. Die Deutschrapper von SDP verbreiteten wieder gute Laune, sie sind ja auch mit ihrem genreübergreifenden Musikmix einige der lustigsten Phänomene der deutschen Musiklandschaft. Ein kurzer Stromausfall konnten die beiden Rapper nicht aus der Ruhe bringen, sie improvisierten mit der Akutstikgitarre. Zum Schluss gab es ein kleines Feuerwerk von der Bühne.

Auch im Palastzelt war wieder einiges los. Intergalactic Lovers, die beiden Damen von Gurr oder Gloria mit Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol (ehemaliger Bassist von Wir sind Helden) traten auf, um nur einige zu nennen.

 

Klaas kam mit einer orangenen Rettungsweste auf die Bühne, um an das gegenwärtige Flüchtlingsproblem aufmerksam zu machen, da die Rettungsschiffe in einigen Ländern nicht mehr anlanden dürfen. Blackout Problems mussten wir natürlich sehen, Nordevents hatte ja kürzlich ihr neues Album "Kaos" rezensiert. Nach ihrem Auftritt machten Kaputto & Concorde für dieses Jahr im Zelt das Licht aus.

Sie haben 14 Millionen Platten verkauft und machen seit 3 1/2 Jahrzehnten die Bühnen unsicher - Die Toten Hosen aus Düsseldorf. Als Headliner des letzten Tages kamen sie zum zweiten Mal an die Nordsee. Von seinem Hörsturz hat sich Campino wieder gut erholt. Auf seiner Tour „Launen der Natur“ hatte er am 7. Juni einen Hörsturz erlitten. Wegen der Natur eines gestressten Körpers des Nachtbaders musste die Band mehrere Konzerte absagen, nun ist er wieder fit.

Mit einem langanhaltenden Konfettiregen verabschiedete sich die Kultband bei den Zuschauern. Von "eisgekühlten Bommerlunder" bis hin zu "Tagen wie diesen" war aus jedem Jahrzehnt der Bandgeschichte etwas dabei. Nach einem frenetischen Auftritt der Düsseldorfer durfte ein “You’ll Never Walk Alone” nicht fehlen. Ob sie nach dem um gut eine halbe Stunde verlängerten Auftritt ihr kürzlich vorgestelltes eigenes Bier „Hosen Hell“ trinken werden? Wir wissen es nicht.

Insgesamt muss man Deichbrand wieder bescheinigen, dass sie alles richtig gemacht haben- zumindest aus kommerzieller Sicht. Und so wird es im Gegensatz zu anderen Festivals noch weiter wachsen, auch wenn der permanente Deichbrandgänger immer wieder die gleichen Interpreten vor sich hat. Leider werden wir immer mehr die rockigen Bands vermissen, nachdem man sich von dem Zusatz „Das Rockfestival an der Nordsee“ verabschiedet hat.

Es wird also immer mehr ein Festival für „die Jüngeren“ mit Electro, Hip-Hop und Rap. Auch wenn es dieses Jahr erneut einen Besucherrekord in der bemerkenswerten Festival-Geschichte einbrachte, der Charme der frühen Jahre - als man noch mit familiärer Atmosphäre und kurzen Wegen warb - sind seit dem letzten Jahr endgültig vorbei. Immer größer ist nicht immer besser - auch wenn die Kasse klingelt.

Dennoch, es war ein tolles Festival bei Traumwetter. Mit allen Beteiligten zusammen – Zuschauer, Feuerwehr, Polizei, Medien und viele, viele Helfer waren knapp 60.000 auf dem Gelände- und die haben dieses Jahr wirklich viel Staub aufgewirbelt. Die Carwaschsalon-Besitzer werden in den nächsten Tagen auch noch den Festivalmachern dankbar sein. Und nachdem sich der Staub gelegt hat, kann man bereits schon jetzt wieder Tickets für das nächste Deichbrand kaufen, das vom 18. bis 22. Juli 2019 stattfinden wird. Vielleicht hat Deichbrand das Hurricane überholt - dieses Jahr fehlten 5000 Tickets - und ist dann nach Wacken das zweigrößte Open-Air Festival im Norden.