Klassik trifft mal wieder Pop

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Bremen, 06.12.2015 – Der Nikolaus hatte es in diesem Jahr gut gemeint mit den Bremern. Schließlich hatte er einen ganzen Proms-Tross im Gepäck: Maria Mena, Johannes Oerding, OMD und The Beach Boys. Die Konzertreihe Night of the Proms gastierte wie jedes Jahr auch in der Bremer ÖVB-Arena und war wieder geprägt von stilistischen Gegensätzen und außergewöhnlicher musikalischer Bandbreite.

In der Hallenmitte war schon die norwegische Sängerin Maria Mena platziert um James Newton Howards „The Hanging Tree“ aus der Hollywood-Saga „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1“ anzustimmen. Auch die Mädels des „Scala“-Chores hatten sich auf schwarzen Kästen in den Gängen zwischen den 8000 Zuschauern postiert und stimmten eine nach der anderen in das Lied ein. Der 20-köpfige Mädchenchor Scala & Kolacny Brothers übernahmen die Rolle des "Haus-Chors". Sie sind eigentlich dafür bekannt, dass sie Indie-Rock-Klassiker und Indie-Songs zu Chor-Hymnen pimpen. Großen Erfolg hatten sie mit ihrer Interpretation des Ärzte-Hits „Schrei nach Liebe“.

Der erfrischend natürlichen junge Dame aus Oslo gelang bereits im Alter von sechzehn Jahren der Durchbruch, als sie das Lied „My Lullaby“ über die Scheidung ihrer Eltern schrieb. Die nun 29-Jährige veröffentlichte letzten Freitag ihr siebtes Studioalbum mit dem Titel "Growing Pains". An diesem Abend sang sie weiterhin „I don`t wanna see you with her“ und „Just Hold Me” als sie im langen schwarzen Kleid und barfuß die Bühne betrat. Wunderbare Songs und eine hinreißende Ausstrahlung – eine echte Entdeckung und die schönsten Momente an diesem Abend. Sie hatte auch schon deutsche Worte gelernt: „Danke schön“, „Ich liebe dich“ und Glühwein. Sie forderte die Zuschauer auf, auch ein paar norwegische Worte nachzusprechen ("Jeg elsker deg", ich liebe dich.)

NDR 2 Moderatorenlegende Uwe Bahn führte wie immer durch das Programm, so forderte er auch dieses Jahr zu Club-Urlaub-Spielchen auf, wie z.B. den Nachbarn einzuhaken und zu schunkeln. Erst danach lässt Maestro Robert Groslot sein 75-köpfiges Orchester „Il Novecento“ mit dem Blumenwalzer an den Start und einige Gäste tanzten in den Gängen.

Der knubbelige Puerto Ricaner Fernando Varela begann seinen musikalischen Siegeszug als Tenor auf Youtube. Auftritte in 31 Ländern sorgten schnell für Kooperationen mit den ganz großen Stars wie Barbara Streisand, Lionel Richie oder Neil Diamond. Dieses Jahr ist er der Klassiksolist bei Night of the Proms. Die überwältigende Stimme des Nachwuchs-Tenors musste man insbesondere bei der „Nessun Dorma“-Version anerkennen. Er scheint einen Schuhtick zu haben, je nach Lied kam er entweder und Lacklederschläppchen oder beim schnellen „Vivere“ auch in Sportschuhen.

Singer/Songwriter Johannes Oerding macht beim Durchstarten einen Abstecher in die großen Arenen von Night of the Proms und hatte extra dafür seinen Hut mitgenommen. Er war mit bereits mit Joe Cocker und den Skorpions auf Tour. Sein neues Album "Alles brennt" brachte eine exzellente Arbeitsgrundlage für das Orchester.

 

Nach dem gleichnamigen Song war er so außer Atem, das er kaum sprechen konnte. Auch seine beiden weiteren Songs „Traurig aber wahr“ und „Heimat“ brachten ihn mächtig außer Puste.

Natürlich durfte auch der Mitbegründer der Night Of The Proms, John Miles wieder nicht fehlen. Er ist schon seit 25 Jahren Bestandteil der Show. Er mühte sich noch mit Miley Cyrus’ „Wrecking Ball“ ab, richtig gut und zum Glück nicht halbnackt. Natürlich durfte seinen Klassiker "Music (Was My First Love) " nicht fehlen.

Auch ein klasse Auftritt von der 80er Synth-Pop-Band Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz OMD. Sie war in England Anfang der Achtziger die bekannteste Band in der britische New-Wave Szene. Andy McCluskey und Paul Humphreys Synthie-Balladen wie "Maid of Orleans" , "Talking Loud And Clear", "Forever Live And Die" und "Sailing on the Seven Seas" wurden an diesem Abend in orchestralem Gewand performt. Andy bewegte sich die ganze Zeit wie eine Duracell-Windmühle als wirbelnde Rampensau über die Bühne indem er ständig mit dem Armen ruderte. Das Publikum war begeistert. Sie hatten sich längst von ihren Sitzplätzen erhoben, tanzten und jubelten mit. Die Fans hatten bis dahin ihren Höhepunkt. Nachdem das Publikum dann kurz zur Drum Machine gemacht wurde, und Arme schwenkte, als sei es in der Zumba-Stunde, ging es direkt zum avisierten Höhepunkt des Abends: Die gut abgehangenen Beach Boys.

Sie haben genug Hits, um den Abend alleine zu gestalten. Man durfte sich u.a. auf zwei Medleys freuen. "Surfin' U.S.A", "I Get Around", "Kokomo", „Barabara Ann“ und "California Girls" machten gerade im Dezember mit Orchester wieder richtig Lust auf den Sommer. Ja, seit 1961 tun es die betagten Herren Mike Love und co., immer noch. Sogar gänzlich ohne Gehhilfe und ohne Hawaii-Hemd, dafür dick geschmückt mit Brillis an jedem Finger. Den zum Teil über 70-Jährigen Bandmitgliedern fehlt leider die nötige Dynamik. Größte Enttäuschung aber ist, dass Brian Wilson, der kreative Kopf der Band, nicht dabei ist. Die anderen beiden Wilson-Brüder sind bereits gestorben. Die Skeptiker konnten sie an diesem Abend aber dennoch überzeugen.

Alle Interpreten sang zum Abschluss dieser 22. Ausgabe der Night Of The Proms nicht wie in den vergangenen Jahren einen Beatles-Klassiker, sondern „Good Vibrations“ von den ergrauten Beach Boys. Und wie jedes Jahr wurden am Ende der Veranstaltung die Ticketschalter geöffnet und viele kauften sich bereits für 2016 ihre Karten.