Ray Wilson kehrte in die Music Hall zurück

Zur Bildergalerie

Worpswede- „Was für ein Song“ dachte sich der jetzt 46 jährige Ray Wilson, als er als Jugendlicher zum ersten Mal den Genesis-Titel "Mama" hörte. Als Nachfolger von Phil Collins stand der Sänger danach plötzlich selbst mit der legendären Rockband vor Zehntausenden auf der Bühne und sang diesen Wahnsinnssong mit atemberaubender Stimme, so auch am 12.12.2014 in der fast ausverkauften MusicHall Worpswede.

Der Aufkleber auf der Rückseite seiner akustischen Gitarre machte es deutlich: Ray Wilson hat zur MusicHall eine ganz besondere Beziehung. Der Schotte war in der 20-jährigen Geschichte des Worpsweder Clubs bereits sehr häufig aufgetreten. Wir selbst hatten zuletzt im letzten Jahr über seinen Auftritt berichtet. Selbst eine Live-CD nahm er in der Music Hall auf. Auch an diesem Abend betonte er, wie auch viele, viele andere Künstler vor ihm, dass er in der MusicHall immer gut verpflegt und empfangen wird.

Gegen 21 Uhr tauchte Wilson plötzlich mit seiner Band Stiltskin aus dem Off ganz unspektakulär auf der Bühne auf. Im Gegensatz zum letzten Jahr gab es keinen Supportact von Stiltskin mit eigenen Titeln vorweg. Kein großes Hallo, sofort ging es los mit den Genesis-Hits „No son of mine“, „That´s all“ und „Carpet Crawlers“, einem Song aus der progressiven, frühen Genesis-Zeit mit Peter Gabriel als charismatischem Frontmann. Wilson hingegen legte mehr Wert auf seine Musik und drückt seine authentische Persönlichkeit aus. Er kam daher in Jeans und grauem T-Shirt, mit Dreitagebart, wendet sich locker und sympathisch ans Publikum. Ali Ferguson (Gitarre, Gesang) hatte in der ersten Hälfte große Probleme mit seinen Verstärkern, ständig wurden durch ihn und einem mitgereisten Techniker alle technischen Möglichkeiten überprüft den Fehler zu finden. Seine Sorgenfalten wurden von Lied zu Lied tiefer.

Für optischen Glamourfaktor in seinem sechsköpfigen Ensemble sorgen die beiden attraktiven Geigerinnen Barbara Szelagiewicz und Alicja Chrzaszcz. Die Violinistinnen verleihen den Arrangements der Genesis-Hits mit den Streicherklängen einen klassischen Touch, boten aber auch ein brillantes Vivaldi-Duell oder Geigensolo zur E-Gitarre. Die beiden stammen aus Polen, nicht ungewöhnlich, da der Schotte seinen Wohnsitz derzeit in Polen hat.

Außerdem hat Wilson für diese Classic-Versionen der Welthits den dynamisch spielenden Pianisten Darek Tarczewski und seinen Bruder Steve Wilson an der Gitarre um sich versammelt. Diese raffinierte Instrumentation gibt den Stücken einen etwas anderen Klangcharakter Richtung Classic-Rock. Mit Lawrie MacMillan (Bass, Gesang) und Ashley MacMillan (Schlagzeug, Percussion) sowie Marcin Kajper (Saxofon, Flöte, Klarinette) waren weitere langjährige und neue Begleiter mit von der Partie.

 

Mit dem rhythmisch schwingenden „Congo“, der Ballade „Shipwrecked“ und „About Us“, das tief unter die Haut ging, waren drei Songs des Albums Calling All Stations vertreten, das Wilson 1997 mit Genesis eingesungen hatte.

Natürlich waren auch Eigenkompositionen wie „The Actor“ und "Inside" dabei, dem Welthit, den der Sänger mit seiner Band Stiltskin hatte, bevor ihn dann die Genesiscrew Rutherford und Banks nach dem Abgang von Phil Collins zu Genesis holten. Warum, das ist bei diesem Konzert gut nachzuvollziehen, Ray Wilson ist ein vielseitiger Sänger mit prägnanter Stimme.

Ebenso in der Setlist war „Another Day“, einem Song aus eigener Feder, den er für den Bassisten seiner ersten Band geschrieben hat, nachdem sich dieser das Leben genommen hatte.

Da die Probleme mit Ferguson´s Gitarre nicht in den Griff zu bekommen waren, gab es eine Pause bereits nach gut einer Stunde. Zuvor wurde die Setlist mehrmals kurzfristig umgestellt. Ein weiterer Veranstaltungstechniker bekam dann die Probleme in den Griff und brachte wieder ein entspannteres Minenspiel auf Fergusons Gesicht.

Danach folgten mehrere Unplugged-Stücke auf Akustic-Gitarren. Das Publikum wiegte sich altersgemäß euphorisch im Rhythmus, im letzten Jahr wurden mehr schnelle Titel gewählt.

Und da war es dann: „Mama“. Wilson legt sich kraftvoll in den Song und die Streichertremoli der Background-Geigerinnen unterstützen seinen Gesang. Es kommt Gänsehaut-Feeling auf, obwohl Wilson offensichtlich seine Taschenlampe vergessen hatte, mit der er im letzten Jahr sein Gesicht von unten beleuchtete, um das verzerrte Lachen in der Mitte des Songs noch etwas hervor zu heben. Um Mitternacht nach 3 Stunden war Schluss. Wilson kündigte an, im nächsten Dezember wieder in Worpswede aufzutreten.