Von Gregor Eder
Vergangenes Jahr im September erschien ein Album, welches mich bis jetzt noch begleitet. „Retrogott – The Return: No World Order II“ wurde von niemand anderen als ROKKO RAMIREZ, „Österreichs härtestem DJ der Welt“ aka Gerold „Haubi“ Haubner, auf die Welt da draußen losgelassen. Gemeinsam mit BEN CATMAN und EVE VON KLEHI, hat er sich daran gemacht, den Nachfolger von „No World Order“ zu kreieren und am 06.09.2025 war es dann endlich soweit.
In logischer Abfolge geht es nach der Thematisierung des Ersten Weltkriegs, in „Retrogott: No World Order“, mit der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg weiter. Hier wird nicht nur simpel die Zeit beschrieben, sondern auch der beängstigende Kontext zur aktuellen Zeit hergestellt. Genaueres dazu könnt ihr in der Rezension, welche unten verlinkt ist, lesen.
Dankenswerterweise durfte ich mich mit Rokko zu einem Interview zusammensetzen, um ein paar Fragen hinsichtlich des neuen Konzeptalbums zu klären und auch generell etwas zu plaudern. Meine erste Frage lautete: „Woher kommt deine Faszination für Geschichte im Generellen und im Speziellen für den Expressionismus?“
„Geschichte hat mich schon in der Schulzeit sehr interessiert, im Gegensatz zu Geografie. Wo was war, keine Ahnung (lacht), aber das, was war, hat mich immer interessiert. Wir mussten damals immer mit dem Zug in eine gewisse Stadt, zu einer gewissen Buchhandlung fahren, um uns eben die Geschichtsbücher zu kaufen. Damals waren da immer Beipackhefte zum Ausfüllen dabei und meist hatte ich schon auf dem Heimweg drei Viertel des Heftes fertig ausgefüllt. Ja, für mich ist es einerseits eine Faszination, was geschah, andererseits auch dass die Menschheit so „deppert“ ist und aus der Geschichte nichts lernt.
Das ist sozusagen die zweite Faszination und auch eigentlich das Traurige an der Geschichte, dass eben niemand etwas dazugelernt hat. Wenn wir uns heute umschauen ist es eigentlich fürchterlich was schon wieder abgeht. Man nehme nur den einen Typen der selbst Migrationshintergrund hat und sich eine der SA- oder SS-ähnliche Truppe aufbaut, damit ihm nicht das Hemd wegfliegt, oder warum auch immer. Sie schießen wieder durch die Landschaft, weil sie mit einem Handy bedroht wurden oder sonstigen Wahnsinn. Das „Grausliche“ an der Geschichte ist eben, dass sie sich immer wieder wiederholt, weil die Menschen einfach nichts dazulernen.“ lautete die Antwort von Rokko.
Schon beim ersten Album führte Rokko den Dichter Georg Trakl als große Inspiration an. Jener ist speziell durch sein Gedicht „Grodek“ bekannt und verstarb in seinem 27. Lebensjahr 1914. Nun taucht auf der neuen Scheibe eine Vertonung eines Gedichts von Trakl auf und so musste ich folgende Frage stellen: „Georg Trakl ist ja sozusagen von dir nicht mehr wegzudenken. Der, wie du gerne sagst, wirkliche Begründer des Club 27 ist ja 1914 verstorben und so hat sich mir die Frage gestellt, was er nun mit dem Zweiten Weltkrieg aus deiner Sicht zu tun hat?“
„Naja, er hat sich ja angeblich 1914 umgebracht und sein letztes Gedicht war ja „Grodek“. Aus meiner Sicht hat die ganze expressionistische Mythologie nie aufgehört. Jene geht immer weiter und auch wenn er 25 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg gestorben ist, hat er damals schon geschrieben, was schlussendlich passiert ist. Mich hat Trakl schon immer fasziniert, schon in der Schulzeit und ich glaube, es war gar nicht im Deutschunterricht, sondern in Philosophie, dass wir uns mit dem Gedicht „Grodek“ auseinandersetzen mussten beziehungsweise durften. Für meine Mitschülerinnen war es eher fad, aber für mich war es einfach interessant. Heutzutage würde man sagen, dass es mich total „gecatched“ hat.
Daraufhin habe ich mehr von ihm gelesen und bin zu dem Schluss gekommen, dass dieser Typ schon damals wusste, wie das Ganze weitergehen wird. Man könnte sagen, er war ein expressionistischer Hellseher (lacht). Aber auch seine ganze „lustige“ Geschichte, wenn auch tragisch genug, war sehr spannend. Wenn man bedenkt, dass er in einer Apotheke gearbeitet hat, um schneller am Stoff (Kokain) dran zu sein, was schlussendlich sein Ende bestimmte. Er hat sich aber sicherlich bei seinen Werken schon einiges gedacht und jene lösen Bilder in meinem Kopf aus, auch wenn ich nicht den selben Weg wie er gehe. Ich muss mir jetzt keine Drogen einschmeißen, um seine Texte zu verstehen, das kann ich auch einfach so und meine Faszination jene betreffend hat nie aufgehört.“ erklärte Rokko.

Fotocredit: Pasacal Reisinger
Nachdem Rokko schon beim ersten Album aus seiner Familiengeschichte geschöpft hatte, hakte ich etwas bezüglich der biographischen Hintergründe der neuen musikalischen Aufarbeitung nach: „Durch dein Interview mit Kollegen Mike Seidinger (Starkstrom) durfte ich ja auch schon etwas mehr über deine interessante Familiengeschichte erfahren. Mitunter hast du da auch das Leben deiner Großmutter angesprochen, welches ja nicht gerade „un-turbulent“ war, oder?“
Rokko erklärte: „Also meine Großmutter ist im Ersten Weltkrieg durch einen großen Zufall geboren worden. Der sozusagen zukünftige Mann meiner Urgroßmutter war an der Ostfront im Ersten Weltkrieg eingerückt, hatte keine Zeit heimzukehren, doch meine Urgroßmutter war schon schwanger. Zu dieser Zeit, um 1915 herum, wäre es noch etwas schwierig gewesen nicht verheiratet zu sein und ein Kind zu bekommen. So ist sie damals nach Mährisch Ostrau gefahren und hat versucht, dort ihren Freund zu finden, um ihn zu heiraten. Vor Ort hat sie dann aber erfahren, dass jener vor Kurzem gefallen war und daraufhin bekam sie eine Frühgeburt, meine Großmutter. Ich habe dann etwas nachrecherchiert und herausgefunden, dass der polnischstämmige Pfarrer in Ostrava bei der Taufe sozusagen ein paar Hatscheks verteilt hat.
So änderte er den Nachnamen meiner Großmutter, was dann in der Nazizeit zu einem Problem wurde, da die Nazis meinten, sie stamme von irgendwo dort oben und solle sich gefälligst „ham schleichn“. Damals musste sie dann beweisen, dass sie eigentlich nur sozusagen „1 Tag und 10 Minuten“ dort war und dann wieder in die Steiermark zurückgereist ist, wo sie schlussendlich von ihrer Mutter ausgesetzt wurde. Da es damals noch keine Kinderdörfer oder ähnliches gab, wuchs meine Großmutter dann bei einer Frau mit neun Ziehgeschwistern auf. Sie durfte nie eine Schule besuchen und hätte nicht lesen und schreiben gelernt, wenn nicht der dortige Schuldirektor im gleichen Haus gewohnt hätte, welcher sie in der Nacht dann unterrichtete. Eine wirklich arge Geschichte, wo weiterführend auch noch einige Schicksale der Ziehgeschwister herausgekommen sind.“
Ich meinte etwas schelmisch darauf: „Da hättest du ja familiär gesehen noch genügend Material, das du verarbeiten könntest!“ Rokko schmunzelte und meinte: „Da könnt‘ ich noch 15 Alben schreiben!“
Um wieder direkt aufs Album zurückzukommen stellte ich folgende Frage: „ Wie sah eigentlich der Aufnahmeprozess beziehungsweise die Produktion des neuen Albums aus?“
Rokko antwortete: „Wir sind ja ein ganz kleines Team. BEN CATMAN hat die neue Platte aufgenommen und Mike Wolff hat sie gemastert. Ich selbst habe mich neben Ben sozusagen auch ein bisschen als Produzent beteiligt. Die Gitarren und Bässe habe ich selbst eingespielt und Drum-Fills haben wir uns von einem Drummer, den ich sehr sehr schätze, Nicholas Barker, ausgeborgt. Grundsätzlich haben wir gesagt, dass das Album möglichst roh sein soll. Das erste Album war auf gewisse Art und Weise ein Experiment, bei welchem wir ausgetüftelt haben, wie man das Ganze am besten machen kann. Damals haben wir uns die Drum-Samples auch schon von Nicholas Barker geholt, denn ich muss ehrlich sagen, dass ich nie wirklich mit einem Schlagzeuger in ein Studio gehen wollte, um dann wochenlang zu warten, ob der die Songs einspielen kann.
Beim ersten Album habe ich noch genau den Takt angegeben, damit die Songs auch so klingen, wie ich sie im Kopf hatte. Beim neuen Album hat sich Ben hingesetzt und zu den Riffs, die ich im Kopf hatte, den Drum-Beat gefunden. Mit Eve war es dann ähnlich. Ich habe ihr die Texte geschickt – worum es geht, erklärte sich ja sowieso aus dem Inhalt (lacht) – und ihr den Titel des Songs gesagt. Anschließend habe ich ihr die Songs rein instrumental vorgespielt und sie ist sofort darauf eingestiegen. Das ist eben das Großartige, dass das, wie auch beim ersten Album, sofort funktioniert hat. Das neue Album war binnen einem Tag eingesungen.“
Eine beachtliche Leistung! Die Vocals klingen wirklich deftig, abgesehen von den eher zärtlichen Parts von Eve. Die Songs haben bei mir ein paar konkrete Bilder im Kopf ausgelöst, mich aber auch daran erinnert, warum man die Gräuel dieser Zeit nicht vergessen darf. Daher meinte ich zu Rokko: „Einerseits regen die Songs natürlich zum Nachdenken an und heizen das Kopfkino an, andererseits wirkt das gesamte Werk wie ein Mahnmal, wenn man den Inhalt der Texte zusammenfasst.“
„Denkt nach, bevor ihr sprecht! Recherchiert gut und glaubt nicht jeden Blödsinn! Und kämpft gegen Dinge, die einfach nicht richtig sind. Was nicht richtig ist, das merkt man dann schon.“
ROKKO RAMIREZ
„Ja, das kann man so sagen. Einen konkreten roten Faden findet man aber nicht. Jede Geschichte malt sozusagen ihr eigenes Bild und da kommen wir eigentlich wieder zum erwähnten Klerikalen zurück, denn das Ganze ist etwas aufgebaut wie ein Kreuzweg. Du gehst von einem Bild zum anderen und merkst immer wieder: Da ist das passiert und hier dies, bis du dich schlussendlich in einer religiösen Mythologie wiederfindest, die eigentlich nicht so lange her ist und auch wirklich passiert ist. Wenn man heute über Religion diskutiert, kann man sich ja auch fragen, ob Jesus existiert hat, oder ob das ein über Jahrtausende zusammengetragenes Sammelsurium an geschönten Geschichten ist. Man nehme beispielsweise die Schriftrollen von Qumran, in welchen steht, dass Jesus einen Bruder namens Jakobus gehabt hat, aber es steht nicht im Neuen Testament. Wie soll sich das ausgehen? Hopalla! Ich sage es einmal so: Eine interessante Zeitungsschlagzeile wäre einmal: „Geschichte und Weltreligionen – Wer lügt mehr?“antwortete Rokko.
Meine Antwort auf diese durchaus berechtigte philosophische Frage war, dass wir die dazugehörige Beantwortung gerne bei einem dafür eigens anberaumten Treffen ausarbeiten könnten.
Nachdem Rokko schon über seine Vorfahren und deren Erfahrungen erzählt hatte, legte ich kurz, zum Ausgleich, eine Erzählung über meinen Urgroßvater ein.
Mit meiner Geschichte entlockte ich Rokko folgendes: „Eine ähnliche Geschichte habe ich auch von meinem Großvater. Nachdem er gefangen genommen wurde, wanderte er zuerst nach Belgien, wo er mit letzter Kraft noch die Ruhr überlebte. Danach kam er nach England und wurde als Erntehelfer eingesetzt. Unter den Gefangenen war auch ein damaliger Schauspieler des Theaters in der Josefstadt, neben den ganzen anderen, welche damals von überall zusammengesammelt wurden. Dieser hat ihnen dann über die Zeit ein paar Lieder oder „Gstanzl“ gezeigt, bis sie sich aus Kartoffelsäcken Kostüme zusammengebastelt haben. Der „Sergeant XY“, welcher natürlich Deutsch konnte, hat das Ganze so lustig gefunden, dass er sie von Montag bis Donnerstag arbeiten und Freitag bis Samstag spielen ließ.
Dafür bekamen sie sonntags frei. Mein Großvater konnte gut singen und so war er immer sozusagen die Vor- und Nach-Band. Schlussendlich ist die Partie dann in ihren Kartoffelsäcken auf der Bühne herummarschiert, der Sergeant hat dazu Klavier gespielt und, wenn es notwendig war, vor der Szene übersetzt, um was es geht. Also sozusagen ein lebendiger, lauter Stummfilm. Da die Darbietungen die Ansässigen immer wieder begeistert haben, wurden die Schauspieler bestens mit Essen versorgt. Als mein Großvater schlussendlich heimkehrte, war er so „ausgfressn“, dass meine Mutter, als jüngstes Kind, ihn nicht einmal mehr erkannt hat. Einerseits tragisch, andererseits aber auf eine gewisse Weise eine schöne Geschichte. Dankenswerterweise hat mir meine Großmutter das alles noch erzählt.“
An diesem Beispiel sieht man einmal wieder, dass Kunst und Musik selbst in den düstersten Zeiten kleine Wunder bewirken können. Zum krönenden Abschluss unseres Gesprächs stellte ich meine berühmte letzte Frage: „Hast du irgendeine Message, die du an die Leute da draußen richten möchtest?“
„Denkt nach, bevor ihr sprecht! Recherchiert gut und glaubt nicht jeden Blödsinn! Und kämpft gegen Dinge, die einfach nicht richtig sind. Was nicht richtig ist, das merkt man dann schon. So Dinge, die sich nicht gut anfühlen, wie Unterdrückung, Bösartigkeit, Neid, Hass. Kämpft dagegen und schaut nicht weg!“ antwortete Rokko.
Auf diese Aussage hin, erwiderte ich, dass ich Rokko verspreche, diese Punkte ernst zu nehmen. Ich hoffe, ihr da draußen denkt auch etwas darüber nach! Abschließend kann ich mich nur bei Rokko für das schöne und auch lehrreiche Interview bedanken und euch empfehlen, beide bisher veröffentlichte Teile der Retrogott-Serie zu hören!
Hier findet ihr noch unsere Rezension zu –> „Retrogott – The Return: No World Order II„:














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