Interview mit Thomas Lindner von SCHANDMAUL

Gregor Eder

Von Gregor Eder

Am 11.09. haben sich Schandmaul mit ihrem neuesten Werk „Sternensegler“ zurückgemeldet. Das Album bringt einiges an Veränderung mit sich und über genau jene und noch viel mehr durfte ich mit Thomas Lindner via Zoom plaudern.

Die Diagnose und der Wechsel ans Instrument

Wie gewohnt schoss ich nach einer kleinen Begrüßungsrunde mit der ersten Frage los: „Seit dem letzten Album sind ja nun 4 Jahre vergangen. Würdest du bitte einmal zusammenfassen, was sich in dieser Zeit getan hat?“

Thomas legte direkt los: „Man kann sagen, es waren Höhen und Tiefen par excellence. Wir waren mitten in unserer Tournee zu „Knüppel aus dem Sack“, hatten sozusagen die A-Tour gerade hinter uns gebracht und planten den zweiten Teil. Corona fand ein Ende und wir planten unser Jubiläumskonzert. Dann kam die Diagnose.

Darauf wurde alles einmal auf Eis gelegt und keiner, inklusive mir, wusste, wohin die Reise geht. Dann verging die Zeit wie im Fluge und ich war eher so das passive Blatt im Malstrom. Als ich wieder aufrecht stand, war die Frage, wie und ob wir weitermachen. Tatsächlich stand es nie im Raum, dass wir wirklich aufhören, da wir noch einiges zu sagen hatten. Im Laufe der Zeit kam dann aber heraus, dass meine Stimme leider als Kollateralschaden baden gegangen ist. Das war der Bestrahlung geschuldet.

Wir hatten noch ein paar Nachholtermine, für welche wir uns dann natürlich um Ersatzsänger umgeschaut hatten und da halfen uns Georgij und eben Till. Als dann klar war, dass mit meiner Stimme absolut nichts mehr ging, war aber auch klar, dass ich einfach in die Instrumentalistenriege wechsle. Es war aber auch sehr schnell klar, dass Till den Gesang übernehmen muss. Wir haben ihn dann gefragt und er hat ja gesagt. Wie bei einer Hochzeit.“

Wie Thomas Lindner und Till Herence am Album arbeiteten

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie viel Kraft eine solche Situation erfordert. Ich erklärte Thomas, dass ich sehr froh bin, dass die Band nun so stark wieder zurück ist und legte direkt folgende Frage nach: „Wie sah das Ganze dann nach all diesen Herausforderungen bei der aktuellen Albumproduktion aus? Was hat sich diesbezüglich verändert? Hast du mit Till gemeinsam noch an den Vocals gearbeitet, oder hast du dich vollends auf die Instrumentalseite konzentriert?“

„Es ist etwas witzig, denn ich habe früher schon mit Till als Vocal-Coach, aber auch als Recordingtechniker, zusammengearbeitet. Auf beiden Seiten. Ich habe ihn mit seiner Band aufgenommen und er hat auch mich beim letzten Album als Coach und Recorder unterstützt. Wir haben uns also schon früher als Sänger und am Mischpult gegenseitig kennengelernt. Somit habe ich ihn diesmal einfach wieder aufgenommen.

Singen ist eben immer so eine Sache, da es ja schon eine sehr intime Geschichte ist. Man macht sich mehr oder weniger nackig und das macht man nicht vor jedem. Nachdem wir uns schon kannten, haben wir diesmal einfach gemeinsam an dem Album gearbeitet.

Wir haben teilweise Ideen von vor der Diagnose, aber auch gemeinsame, die erst entstanden sind, verarbeitet. Beispielsweise ist erst im Studio der letzte Song entstanden und es war einfach ein großartiges Zusammenarbeiten, nun eben zu siebt. Ein weiterer Koch hat die Küche betreten mit seinem eigenen besonderen Gewürz und man kann sagen, dass da ein ganz frischer Wind durch die Bude gerauscht ist. Es hat einen Riesenspaß gemacht und ich kann für alle sprechen, dass das Ganze ein gewisses „Phönix aus der Asche“-Gefühl hatte. Zu sagen, dass ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde, ist schon fast zu klein. Ein Buch wurde zu Ende geschrieben und nun folgt ein neuer Teil, sozusagen die Fortsetzung.“ erklärte Thomas.

Thomas Lindner von Schandmaul mit Gitarre am Mikrofon auf der Bühne

Fotocredit: Nordevents

Ich wage zu behaupten, dass man die Freude an der beschriebenen Zusammenarbeit auch am Album hören kann! Thomas hatte schon angesprochen, dass die Band nun aus insgesamt 7 Personen besteht, daher lag folgende Frage nahe: „Wie schafft ihr es eigentlich, zu siebt alles zu koordinieren? Arbeitet ihr getrennt Sachen aus, oder findet die meiste Arbeit noch immer im Proberaum statt?“

Thomas meinte: „Beim Schreiben der Songs hat natürlich jeder eine gewisse Idee, sei es nun als Lagerfeuerversion auf Gitarre oder Klavier. Diese Versionen werden dann einmal vorgestellt und dann entscheiden wir gemeinsam, ob wir das Lied machen wollen. Danach setzen wir uns gemeinschaftlich in den Proberaum, arrangieren und spielen. Dann wird weiterentwickelt und dann findet das Ganze seinen Lauf.

Im Studio nehmen wir dann nacheinander auf, aber auch in Teams. Als das Schlagzeug aufgenommen wurde, waren zum Beispiel noch zwei, drei weitere Bandmitglieder mit dabei und haben sozusagen ihren Senf dazu abgegeben, gemeinsam mit unserem Produzenten. So war es dann auch mit Gitarre, Bass und Gesang. Es wurde alles zusammengetragen und das Ganze hat sich dann über Monate gezogen. Es wurde immer wieder durchgehört und herumgefeilt. Irgendwann musste dann jemand auf den Tisch hauen und sagen: „Jetzt sind wir fertig!“. Man verliert sich da gerne drinnen, aber es macht ja auch viel Spaß.“

Das Bonusalbum mit Harfen-Versionen

Ach wie recht Thomas da nicht hat. Als Musiker kann ich dieses monatelange Arbeiten, welches mit jedem gelungenen Feinschliff noch mehr Motivation bringt, vollends nachvollziehen. Nachdem die Band nicht nur das Album, sondern auch obendrein ein Bonusalbum mit Harfen-Versionen veröffentlicht hat, musste meine nächste Frage wie folgt lauten: „Jetzt habt ihr ja auch noch ein Bonusalbum obendrauf gelegt. Wie ist es dazu gekommen?“

„Es geht ja immer auch irgendwo um Compilations, man muss irgendwo etwas bieten und wir hatten schon so viel gemacht. Wir hatten ja auch schon so eine Akustikgeschichte und weiß der Geier was. Glücklicherweise kam dann die Harfenspielerin von sich selbst auf uns zu, welche das Album gehört hat und sich davon inspirieren hat lassen. Sie hat das Ganze dann sozusagen auf Harfe übersetzt und das fanden wir unfassbar spannend. Dann saß sie bei uns im Studio und hat die Harfe aufgenommen und es war einfach toll.

Wer schon einmal in einem Orchesterkonzert war, kann erahnen, was das für ein tolles Instrument ist. Andererseits ist sie da aber im Orchester auch etwas auf einem verlorenen Posten, neben dem ganzen Streicheralarm und den Bläsern. Wenn sie jetzt alleine solo spielt, ist es ein Wahnsinn was da alles drinnen ist mit ihren Lautmalereien. Ich kann mich erinnern, wie sie bei „Nosferatu“ ihn anklopfen hat lassen, indem sie auf ihren Kasten geklopft hat. Was ich für mich persönlich schön finde, ist, dass ich bei Instrumentalmusik für mich im Kopf einen Text schreiben kann und nicht so konzentriert sein muss wie bei Musik mit Gesang. Insgesamt finde ich das Ganze super und entspannend.“erklärte Thomas.

„Wir spielen unseren Song „Bunt und nicht braun“ auf nahezu jedem Konzert, aber irgendwie ändern sich die Zeiten zunehmend und wir haben das Gefühl, noch etwas lauter schreien zu müssen.“

Thomas Lindner (SCHANDMAUL)

Haltung zeigen mit „Flagge“

Da konnte ich Thomas nur zustimmen, denn auch ich bevorzuge in letzter Zeit immer mehr rein instrumentale Musik. Ein Song des Albums, welcher mir speziell imponiert hat, war „Flagge“, da jener ganz klar Stellung bezieht und wenn man so will, vor den aktuellen Rattenfängern warnt. Daher stellte ich diese Frage: „Warum ist es speziell in der heutigen Zeit wichtig, die Flagge zu hissen?“

Thomas antwortete etwas zögerlich: „Sagen wir es einmal so. Wir halten die Fahne hoch und es wurde Zeit, dass wir noch etwas lauter schreien. Wir spielen unseren Song „Bunt und nicht braun“ auf nahezu jedem Konzert, aber irgendwie ändern sich die Zeiten zunehmend und wir haben das Gefühl, noch etwas lauter schreien zu müssen. Es ist uns einfach wichtig, dass die Leute wissen, wo wir stehen. Sie sollen wissen, woran sie sind. Jeder sollte das wissen. Klar, Musik soll unterhalten und Spaß machen, entführen in andere Welten, aber man kann nicht unpolitisch sein. Alles, was man tut, ist politisch. Wir wollten unseren Standpunkt mehr als laut hinausbrüllen, weil wir das Gefühl haben, dass es mehr als an der Zeit ist.“

Die neue Besetzung auf der Bühne

Ich schließe mich dem Geschrei an und hisse ebenso meine Flagge! Nachdem die Band ja nun mit dem Album vor Augen in der jetzigen fixen Besetzung ein paar Konzerte hinter sich gebracht hat, fragte ich: „Wenn du jetzt auf die letzten Konzerte zurückblickst, würde mich interessieren, wie sich jene, nun wissentlich, dass die Besetzung so fix ist und das Album ansteht, angefühlt haben?“

„Es hat sich durch die Bank sehr sehr gut und organisch angefühlt. Natürlich ist das alles neu gewesen, doch man kannte sich, oder besser gesagt kennt sich ewig schon. Till ist ja kein Unbekannter für uns. Aber jetzt in der neuen Konstellation musste sich natürlich auch alles noch eingrooven. Wer steht wo, wer guckt wie und wer springt nicht nach hinten und so weiter. Blöd gesagt muss man sich auch einfach aneinander gewöhnen, auch wenn man sich kennt. Es hat sich auf jeden Fall eingegroovt und es gab durchwegs positives Feedback von den Leuten. Die haben das super angenommen, stützen und halten uns und sind schlussendlich der Rückenwind in unseren Segeln. Einfach toll!“ meinte Thomas.

Es tut wirklich gut zu hören, dass sich nicht nur die Band in sich selbst wieder fein arrangiert hat, sondern auch die Fans da draußen noch immer felsenfest hinter der Truppe stehen und brav auf den Konzerten abgehen. Genau so muss das!

Wie gewohnt schoss ich zum Abschluss meine berühmte Schlussfrage raus: „Hast du eine direkte Message, die du über dieses Interview an die Leute da draußen richten möchtest?“

Thomas legte direkt los: „In 2 Jahren gibt es uns nun schon 30 Jahre und ich habe Leute kennengelernt, die uns in ganz verschiedenen Phasen live gesehen und schätzen gelernt haben. Jetzt passiert tatsächlich etwas ganz was Neues und es schmeckt, wir waren ja vorhin bei den Köchen, gut und anders, aber vor allem gut und frisch. Ich würde den Versuch wagen! Wir machen Spaß, kommt vorbei!“

Nachdem ich die Band auch schon ein paar Mal genießen durfte, kann ich Thomas wieder nur zustimmen und bin gespannt, wie sehr mir das Album live „schmeckt“. Somit möchte ich mich noch einmal bei Thomas für das entspannte Interview bedanken und euch da draußen „Sternensegler“ wärmstens ans Herz legen, falls ihr Lust auf richtig feinen Folk-Metal habt. Unsere Rezension zum Album findet ihr hier.


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