Von Gregor Eder
Am 31.01.2026 ließen The Hirsch Effekt ihr 7. Studioalbum auf die Welt los. „Der Brauch“ ist ein wirklich komplexes Album, wie eigentlich für die Band üblich, doch dankenswerterweise durfte ich mir von Sänger und Gitarrist Nils Wittrock ein paar Fragen dazu beantworten lassen.
Ich habe selbst die Band 2017 einmal live genießen dürfen, aber auch direkt gemerkt, dass das Dargebotene noch einige Hördurchgänge brauchen würde, um mich satt zu hören. Das komplette Spektrum der Band zu beschreiben, ist schon etwas schwer. Trotzdem stellte ich zum Einstieg folgenden Frage: „Für die Leser, die euch noch nicht kennen: Wie würdest du The Hirsch Effekt beschreiben?“
„Ui! Das ist ja irgendwo auch unser Problem, dass man unsere Musik nicht wirklich gut beschreiben kann, weil das Ganze nicht so einheitlich ist. Ich habe immer Bands gehört, welche nie direkt eine gewisse Musikrichtung gemacht haben. Da gibt es ja im Pop recht viele Bands, wenn man beispielsweise an Genesis denkt. Im Metal kommt das, glaube ich, nicht ganz so oft vor, aber vielleicht ist das ja gerade im Kommen. Für uns war Metal eigentlich eine lange Zeit die Hauptsprache, aber das heißt ja nicht, dass jeder Song ein Metal-Song ist. Beim neuen Album geht es aktuell in eine etwas andere Richtung, sodass man sich schon fast streiten könnte, ob das überhaupt noch Metal ist.“: erklärte Nils.
Ich grätschte dazwischen und meinte, dass das Album sehr wohl noch genug Metal bringt, aber wiederum komplex genug ist, um auch Freunde der Klassik anzuziehen. Unverfroren wie immer, legte ich direkt mit der zweiten Frage nach: „Auch wenn es bei euch nicht so einfach ist, in welchen Genre habt ihr euch in der Anfangszeit gesehen und wo würdet ihr euch eher jetzt verorten?“
Nils antwortete zögerlich: „Also ich glaube, dass wir uns insgesamt eher im Progressive-Metal verorten und das war ja auch bisher das Genre in dem wir uns gesehen haben. Ich habe ja auch immer gesagt, dass wir Metal im weitesten Sinne machen. Wenn man sich nun aber die erste The Hirsch Effekt Platte anhört, dann merkt man eigentlich, dass wir da nicht herkommen, vor allem ich. Ich habe die Band ja ursprünglich mit einem anderen Schlagzeuger als Duo gegründet und da war eher er derjenige, welcher mich dann langsam zum Metal gebracht hat. Vorher hatte ich eher Punk und Screamo gehört. Mit Thrash-Metal und Prog-Metal, wie Between The Buried And Me, habe ich mich dann erst später auseinandergesetzt.“
Ich fand es sehr lustig, dass Nils Between The Buried And Me erwähnte, da ich jene schon als Vergleich in meinem Kopf hatte. Mitunter haben beide Bands ja schon miteinander gespielt und Nils erklärte, dass jene auch um 2010 eine Inspiration für The Hirsch Effekt waren.

Fotocredit: Freakshot
Eine Band die für mich immer schon eine große Inspiration war, aber doch genretechnisch etwas ab von The Hirsch Effekt ist, hat sich trotzdem mit ihnen die Bühne geteilt. Knorkator ist eine meiner absoluten Lieblingsbands und daher musste ich einmal folgende Frage stellen: „Wie kam es eigentlich dazu, dass ihr euch mit Knorkator die Bühne geteilt habt?“
„Das hat sich eigentlich über den Stumpen entwickelt. Wenn ich mich nicht irre, dann hat er uns einfach einmal über Instagram angeschrieben, oder irgendwas gepostet. Dann sind wir einmal auf ihn eingegangen, haben ihn ein bisschen genervt und so durften wir zweimal bei ihrer „Hometown-Show“ in der Columbia-Halle als Support spielen. Seither treffen wir immer wieder einmal aufeinander, weil auch irgendwo die Veranstalter gemerkt haben, dass das wir uns sehr sympathisch sind. So ist das also zustande gekommen.“ erklärte Nils
Um wieder etwas auf das Album selbst zurückzukommen, fragte ich: „Wie sah nun eigentlich die Arbeit an der aktuellen Scheibe aus? Wie seid ihr an das Ganze herangegangen?“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Uns gibt es ja schon sehr lange und wir haben ganz unterschiedliche Lebenswege. Als ich 2024 an dem Album zu schreiben begann, war ich guter Dinge, da wir einige erfolgreiche Konzerte gespielt hatten und so ging ich einfach davon aus, dass wir uns direkt an eine neue Scheibe machen würden. Dann habe ich aber gemerkt, dass meine Kollegen doch schon sehr beschäftigt waren und so habe ich mir erbeten, zumindest alleine schon einmal an etwas Neuem schreiben zu dürfen. Da waren wir uns auch schnell einig und dann habe ich mich mit unserem Live-Mischer und unseren Produzenten zusammengetan. Denen habe ich dann im Studio auch schon recht früh die Demos gezeigt und die Feedbackschleife etwas in diese Richtung verlagert. Moritz ist dann nach der Zeit auch etwas mehr dazu gestoßen und er, sowie Ilja, haben dann ihre Parts vor der Aufnahme noch einmal ausgearbeitet. Vorab hatte ich Schlagzeug und Bass programmiert, wobei ich den Bass teilweise auch eingespielt habe, und dann an die Kollegen weitergeleitet. Die haben dann ihr Ding gemacht, aber die Arrangements im Groben und die Songabläufe habe ich ursprünglich alleine gemacht. Ganz so neu war diese Herangehensweise ja eigentlich nicht, da wir schon oft auch einfach jeweils alleine Songs geschrieben haben. Was natürlich neu war, war, dass eben ein ganzes Album so entstand.“
Was neben dem Songwriting-Prozess noch neu ist, sind die ganz klaren deutschen Songtitel. Daher fragte ich: „Wie kam es eigentlich dazu, dass ihr auf diesem Album so klare Songtitel habt? Das war ja bisher doch etwas anders.“
„Ja! Das ist eigentlich auch aus dem Produktionsprozess entstanden. Das hat etwas damit zu tun, dass ich alleine in unserem Proberaum saß und nicht direkt mit den Kollegen reden konnte. Es war ja auch oft so, dass ich erst nach dem gemeinsamen Ausarbeiten der Instrumentals die Vocals gemacht habe. Diesmal bin ich eher Stück für Stück vorgegangen. Zuerst habe ich einmal die Instrumentals programmiert beziehungsweise eingespielt und mich darauf direkt zum Mikro gestellt. Ich habe also direkt versucht, nach der Fertigstellung des Songs, den Text zu machen und so ist einfach ein anderer Prozess entstanden. Mir war schon relativ früh klar, worum es auf dem Album gehen sollte und ich hatte auch direkt die Idee zu „Der Brauch“. Gemeint ist damit ja eigentlich der Brauch, welchen wir uns als Band selbst geschaffen haben. Ich sehe das ja so, dass wir uns über die Zeit so viele Rituale entwickelt haben, egal ob jetzt auf Tour, oder beim Albumschreiben.
Man kann ja diesen ganzen Prozess aus Albumschreiben, Mixing-Phase, Veröffentlichungs-Phase, Tour und zurück zum Schreiben eigentlich auch als Brauch bezeichnen. In der Zeit bevor ich das Album geschrieben habe stand bandintern in Frage, ob wir nicht einmal eine Pause einlegen würden, oder besser gesagt uns etwas rar machen. Mir stellte sich darauf die Frage, was ich nun eigentlich machen sollte. Ich habe lange versucht die Band zu meinem Hauptberuf zu machen, was auch mehr oder weniger funktioniert hat. Nun bin ich in der Situation, dass ich zwar nur von der Band nicht leben könnte, aber ohne sie auch wiederum nicht. Jedenfalls kam durch die damalige Lage das Gefühl auf, dass ich ja eigentlich gar nicht so viele Möglichkeiten hätte, etwas anderes zu machen. Mit der Arbeit am neuen Album hat sich dann wieder ein klares Ziel ergeben, auch wenn ich die Frage: „Was mache ich falls…?“ damit nur aufgeschoben wurde. Andererseits hat sich mir durch die Arbeit auch wieder gezeigt, welchen Wert der nicht wirtschaftliche Aspekt des „Musikmachens“ hat.
Auch wenn wir natürlich mit der Band versucht haben so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einen stetigen Fortschritt zu haben, ist mir bei diesem Album aufgefallen, dass es auch unabhängig von diesen Aspekten einfach zu meiner Person gehört mich über Musik auszudrücken, Songs zu schreiben und Gitarre zu spielen. Und eben nicht Gitarre zu spielen, ich sage das jetzt etwas abschätzig, um irgendwelche Klicks auf Instagram zu generieren. Ursprünglich bin ich ja durch das Gitarrespielen zur Band gekommen, in welcher ich meinen eigenen kleinen Mikrokosmos habe und mich entfalten kann. Während des Schreibprozesses hatte ich eben die Erkenntnis, warum ich das Ganze überhaupt mache und was ich für mich daraus schöpfen kann.“: erklärte Nils.
„Auch wenn wir natürlich mit der Band versucht haben so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einen stetigen Fortschritt zu haben, ist mir bei diesem Album aufgefallen, dass es auch unabhängig von diesen Aspekten einfach zu meiner Person gehört mich über Musik auszudrücken, Songs zu schreiben und Gitarre zu spielen.“
Nils Wittrock (THE HIRSCH EFFEKT)
Man kann also sagen, dass das neue Album schon bei der Entstehung etwas sozusagen Identitätsstiftendes innehatte. Schön, dass Nils durch die Arbeit am Album, abgesehen vom positiven Feedback danach, auch schon durch den Prozess etwas mitnehmen, oder besser gesagt eben durch jenen wachsen konnte.
Nachdem wir etwas von der Grundfrage abgeschwiffen waren, legte Nils nach: „Aber um jetzt nochmal konkret auf deine Frage bezüglich der Liedtitel zu kommen. Ich hatte ja beschrieben, wie ich auf den „Brauch“ gekommen bin und anschließend hatte ich auch direkt Assoziationen mit alten deutschen Bräuchen. Mitunter haben sich ja auch die aktuellen Bandfotos in diese Richtung orientiert. Die schlussendlich genutzten Titel sind ja auch irgendwo alte deutsche Begriffe, welche man mit Tradition oder Brauchtum verbindet. Ich fand es auf jeden Fall passend derartig „straighte“ Songtitel zu machen. Ilja meinte, als er die Titel sah, dass jene neu und frisch wirken und er es cool fände, wenn jene so bleiben. Früher hatten wir ja eher Einwort-Titel, wo man sich eher erarbeiten musste, was der Titel zu bedeuten hat. Das haben wir jetzt aber schon oft genug gemacht und ich glaube nach dem sechsten Mal darf man das auch einmal anders machen.“
Somit hätten wir das zum Abschluss auch noch geklärt. Meine letzte Frage lautete: „Nun habe ich ja schon ein paar Interpretationen des Albumcovers gelesen. Was sieht man nun wirklich auf dem Cover und wie ist jenes entstanden?“
„Ja, da kann ich eigentlich nur genauso wie du herumrätseln! Das ist eigentlich das Spannende. Was das Cover angeht, sind wir uns seit der ersten EP treu geblieben und arbeiten mit einem Künstler aus San Francisco zusammen, welchen wir noch nie persönlich getroffen haben. Der macht das wahrscheinlich aus einer alten Vertrautheit uns gegenüber. Jedenfalls schicke ich ihm immer Übersetzungen der Texte und grobe Beschreibungen, worum es geht. Dann macht er einfach was und es ging mir bisher bei allen Alben so, dass ich das Resultat gesehen habe und mir dachte: „Das passt so!“. Mehr kann ich dir dazu leider nicht sagen.“ erklärte Nils.
Zum Schluss möchte ich mich bei Nils für das Interview nochmal bedanken, euch „Der Brauch“ wärmstens empfehlen und dazu raten, dass ihr euch die Band ehestmöglich einmal live anseht. Die Studioalben sind schon etwas Feines, doch auf der Bühne liefert die Band aus meiner Sicht noch einmal heftiger ab. Unsere Rezension zur neuen Scheibe findet ihr –> hier.














1 Gedanke zu „Interview mit Nils Wittrock von THE HIRSCH EFFEKT“
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