Wilhelmsburg feierte seine Feuertaufe als Rock-Standort

Wolfgang Karg


Hamburg, 07.08.2026 – Zum Auftakt des neuen Amplifire Festivals sollten Biffy Clyro, Bad Religion und Frank Turner & The Sleeping Souls die ersten großen Ausrufezeichen setzen. Zwischen Hafenkulisse und drei parallel bespielten Bühnen zeigte sich am ersten Tag, ob das ambitionierte Line-up zwischen Alternative-Rock, Post-Hardcore und Punk auch live überzeugte. Ein Festival, das sich nicht hinter Newcomern versteckte, sondern mit internationalen Schwergewichten warb. Gitarrenfeedback, Drumgewitter, jene ungebändigte Energie, die Rockmusik in den Neunzigern zum Sprachrohr einer ganzen Generation machte.

Da das Festival eher als Tagesevents denn als klassisches Camping-Festival positioniert wurde, war für von weiter weg Anreisende ein Nachteil: Zum Eintrittspreis musste ein Hotel oder Ferienwohnung gebucht werden und ein PKW-Parkplatz am Infield kostete teure 40 €, insofern war der Parkplatz auch wenig gebucht.

Impressionen

© Nordevents / Antje und Wolfgang Karg

Der Freitag war der Tag, an dem Amplifire zum ersten Mal seine Bühnen öffnete. Auf dem MS-Artville-Gelände in Wilhelmsburg trafen an diesem Nachmittag die ersten Fans ein, während im Hintergrund die Elbe und die Industriekulisse des Hafens den Rahmen für ein neues Kapitel der Hamburger Festivalgeschichte bildeten. Es verlieh dem Festival eine optische Identität, die sich von austauschbaren Wiesenveranstaltungen abhob. Die Bedeutung des Events lag weniger in seiner Größe – rund 12.000 Besucherinnen und Besucher fasst das Gelände – als in seiner Nische. Rock- und Punkvarianten haben zuletzt selten ein derart konzentriertes Zuhause gefunden.

Ein Festival stellte sich zum ersten Mal vor

Der erste Tag trug naturgemäß die größte Last: Er musste zeigen, ob aus einer vollmundigen Ankündigung tatsächlich ein funktionierendes Festival wurde. Amplifire trat mit dem Anspruch an, die Energie der lauten Gitarrenfestivals der Neunziger wiederzubeleben, und der Freitag bot dafür die erste Bewährungsprobe. Einlass, Wegeführung zwischen den drei Bühnen und die erste Belastungsprobe für Bars und Foodstände – all das musste an diesem Tag erstmals im laufenden Betrieb funktionieren, ohne Routine aus Vorjahren.

Für das Publikum bedeutete der Freitag vor allem eines: die Gelegenheit, gleich zwei internationale Headliner an einem einzigen Abend zu erleben. Das war für ein Debütfestival keine Selbstverständlichkeit und weckte entsprechend hohe Erwartungen.

Biffy Clyro und Frank Turner als Anker des Abends

Den musikalischen Rahmen steckten am Freitag Biffy Clyro und Frank Turner ab. Das schottische Trio um Sänger Simon Neil, mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte Bandgeschichte, brachte jene Mischung aus Spielfreude und unerwarteten Songwendungen mit, die es seit Jahrzehnten zu einer der verlässlichsten Headliner-Bands des internationalen Rockzirkus machte. Die Band hatte bereits bei ihrem Hamburger Konzert im Februar gezeigt, wie groß die Liveproduktion ausfallen kann. Titel wie „Black Chandelier“, „Many Of Horror“ oder „Mountains“ zählten zu jenen Songs, bei denen ein Festivalpublikum erfahrungsgemäß am lautesten mitsang. Auf der Bühne standen neben den drei Kernmitgliedern zusätzlich Streicherinnen.

Frank Turner setzte mit seiner Band The Sleeping Souls einen anderen Akzent: weniger Bühnenspektakel, mehr direkte, textnahe britische Rockmusik. Diese Kombination aus großer Geste und persönlicher Nähe verlieh dem Freitagabend eine dramaturgische Balance, die selten zufällig zustande kommt.

Weiter versammelte sich ein Programm, das die eigentliche Substanz des Festivals ausmachte. Das Aachener Trio FJØRT und The Intersphere standen für jene deutsche Post-Hardcore- und Alternative-Szene, die im Line-up bewusst Raum bekam. Auch auf dem Amplifire-Gelände funktionierte die Mischung aus brachialen Gitarren, dynamischen Wechseln und emotionaler Intensität.

Die US-amerikanischen The Get Up Kids brachten Emo- und Alternative-Rock-Geschichte mit, während Newcomer wie die Brightoner Queer-Power-Pop-Band ARXX, die Hamburger Hyper-Rocker Pabst oder die britische Band Gallus mit ihrem ungezügelten Indie-Punk für Entdeckungen abseits der großen Namen sorgten. Karen Dió aus Brasilien fügte dem Festivalprogramm eine weitere Facette hinzu. Der Auftritt zeigte, dass das Amplifire trotz seiner deutlichen Rock- und Punk-Ausrichtung nicht ausschließlich auf maximale Lautstärke setzte. Die Alternative-Klänge sorgten für einen Kontrast zu den härteren Bands und lockerten das Programm auf.

Rauchen, LETO und Skirt rundeten das Freitagsprogramm ab und unterstrichen den Anspruch, nicht nur auf bekannte Namen zu setzen, aber auch die Kosten gering zu halten.

Artio, Karen Dió, Skirt, ARXX, Rauchen, Pabst und The Get Up Kids

© Nordevents / Antje und Wolfgang Karg

Drei Bühnen, ein dichtes Programm

Dass drei Bühnen zeitgleich liefen, sorgte am ersten Tag für das klassische Dilemma eines dicht getakteten Line-ups: Wer Biffy Clyro von Beginn an sehen wollte, musste zwangsläufig auf Teile anderer Sets verzichten. Für ein Festival mit derart vielen Acts war das kaum vermeidbar, blieb aber ein Wermutstropfen, den auch erfahrene Festivalbesucher an einem Eröffnungstag ungern in Kauf nahmen.

Die Industriekulisse am Wasser tat der Atmosphäre unterdessen sichtlich gut. Das raue Ambiente aus Kränen, Hafenbecken und Elbblick gab dem Freitagabend eine optische Note, die sich von austauschbaren Wiesenfestivals deutlich abhob und zur musikalischen Ausrichtung zwischen Alternative-Rock und Punk passte.

Frank Turner, FJØRT, Hotwax, Gallus und Biffy Clyro

© Nordevents / Antje und Wolfgang Karg

Bewertung des Auftakttages

Journalistisch betrachtet, verdiente sich der Freitag Respekt für seine Programmdichte. Zwei Headliner vom Format Biffy Clyro und Frank Turner an einem einzigen Abend zu bieten, war für ein Debütfestival ein selbstbewusster Schritt. Kritisch ließ sich anmerken, dass ein derart vollgepacktes Programm zwangsläufig Kompromisse beim Publikum erzwang – wer alles sehen wollte, musste zwischen den Bühnen pendeln, statt sich auf einzelne Sets einzulassen. Gerade bei einem neuen Festival war dieser erste Praxistest oft aussagekräftiger als jedes noch so ambitionierte Line-up auf dem Papier. Auf der Bühne selbst blieb davon vor allem eines bestehen: Gitarrenmusik in sehr unterschiedlichen Ausprägungen.

Fazit

Der Freitag lieferte mit Biffy Clyro und Frank Turner zwei starke Anker und ein Vorprogramm, das musikalisch weit mehr war als bloße Aufwärmung. Amplifire überzeugte organisatorisch und brachte Vertrauensvorschuss für den zweiten Tag, an dem auch mehr Zuschauer erwartet werden.


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