Amplifier Festival: Bad Religion spielten einzige Deutschlandshow

Wolfgang Karg

Hamburg, 08.08.2026 – Am zweiten und letzten Tag von Amplifire stand ein Ereignis im Mittelpunkt, das viele Fans monatelang im Kalender markiert hatten: der einzige Deutschlandauftritt von Bad Religion. Flankiert von einer Turbostaat-Albumshow und einem dichten Nachwuchsprogramm, sollte der Samstag zeigen, ob das Festival seinen Auftakt bestätigen konnte.

Nach dem Auftakt am Vortag lag die Erwartung nun auf einem einzigen Namen, der das gesamte Wochenende zu tragen schien: Bad Religion.

Impressionen © Nordevents/ Antje Karg

Der zweite Tag als Höhepunkt des Debüts

Wo der Freitag das Festival ins Rollen brachte, sollte der Samstag den eigentlichen Höhepunkt liefern. Dass sich die US-amerikanische Punkrock-Institution Bad Religion ausgerechnet Amplifire für ihre einzige Deutschlandshow des Jahres aussuchte, war ein Coup, der dem jungen Festival schon Monate vor dem ersten Ton internationale Aufmerksamkeit verschaffte. Für viele Besucherinnen und Besucher war dieser Auftritt allein Grund genug, das Wochenende in Wilhelmsburg zu verbringen.

Der Samstag musste sich damit an einem selbst gesetzten hohen Maßstab messen lassen. Ein Festival, das seinen zweiten Tag um eine derart exklusive Show herum aufbaute, konnte sich organisatorische Schwächen noch weniger leisten als am Vortag.

Den frühen Auftakt auf der Vorschot übernahmen Seven Blood. Die Berliner Formation eröffnete den zweiten Tag mit modernem Alternative Metal und Emo-Einflüssen. Auf der Nest-Bühne starteten parallel 6two7. Die unterschiedlichen Bühnen machten bereits zu Beginn deutlich, welches Problem das Amplifire seinem Publikum stellte: Wer möglichst viele Bands sehen wollte, musste sich frühzeitig entscheiden.

Arson,South Arcade, Nikra, Blood Command, Overgrown und High Vis

© Nordevents / Antje und Wolfgang Karg

Das Samstagsprogramm war stärker auf Genrevielfalt innerhalb der Rocknische als am Vortag ausgelegt. Die Londoner Band High Vis, John Coffey aus den Niederlanden, die britische Band South Arcade und Jools brachten internationale Post-Hardcore- und Punk-Spielarten mit. Während Van Holzen als alternative Rockband aus Ulm und Tribute To Nothing mit einer eigenen Albumshow zu „How Many Times Did We Live“ das Programm ergänzten. Overgrown, Still Talk, Nikra, Arson, The Hebridean Sheep und malheur bildeten das breite Fundament aus Newcomern und Geheimtipps, das schon am Freitag als Anspruch formuliert worden war, aber auch die Kosten niedrig halt.

Auf der Butterland-Bühne wurde derweil Blood Command erwartet. Die norwegische Band steht für eine besonders aggressive Verbindung aus Hardcore, Punk und Metal. Der Auftritt gehörte damit zu den härteren Programmpunkten des Samstags. Blood Command leben von hohem Tempo, abrupten Wechseln und einer Bühnenpräsenz, die kaum Pausen zulässt. Die australische ex-Pagan Sängerin Nikki Brumen zeigte sich als Wirbelwind. Sie stand keine Sekunde still, spuckte vor sich hin und warf sich fürs Stagediven in die Menge.

Bad Religion und Turbostaat als Schwergewichte

Seit 1981 stand die kalifornische Band Bad Religion um Sänger Greg Graffin und Gitarrist Brett Gurewitz für Westcoast-Punk, der rasante Melodien mit gesellschaftskritischen Texten verband. Die Band gehört zu den ältesten und einflussreichsten Formationen des Genres und brachte entsprechend viel Bühnenerfahrung mit. Mit 17 Alben im Rücken, darunter Klassiker wie „Against The Grain“ oder „Stranger Than Fiction“, brachte Bad Religion ein Repertoire mit, das sich über Jahrzehnte in die Punkgeschichte eingeschrieben hatte. Schnelle Gitarren, kompakte Songs und gesellschaftspolitische Inhalte prägten das Set. Der Auftritt dieser Band war selten Routine, sondern ein Abend voller Hymnen, die mehrere Fangenerationen gleichermaßen ansprachen.

Direkt davor positionierte sich Turbostaat mit einer Albumshow zu „Vormann Leiss“ – ein Format, das der Band Raum gab, eines ihrer prägenden Werke im Ganzen zu präsentieren, statt ein gewohntes Best-of-Set zu spielen. Für Kenner der deutschen Punk- und Rockszene war das eine der interessantesten Programmentscheidungen des gesamten Wochenendes. Die Songs wirkten kantig, direkt und weniger auf spektakuläre Showelemente als auf ihre musikalische Wirkung ausgerichtet.

John Coffey, Turbostaat, Still Talk, und Bad Religion

© Nordevents / Antje und Wolfgang Karg

Eine Bühne für die Album-Idee

Bemerkenswert am Samstag war, dass Amplifire mit gleich zwei Albumshows – Turbostaat und Tribute To Nothing – ein Format bespielte, das auf klassischen Rockfestivals selten so prominent platziert wurde. Diese Entscheidung unterschied den zweiten Tag deutlich vom eher headlinerzentrierten Freitag und zeigte, dass die Veranstalter musikalische Akzente setzen wollten, die über reine Namenslisten hinausgingen.

Die Industriekulisse am Hafen, die bereits am Vortag für Atmosphäre gesorgt hatte, hatte am Samstagabend durch tief stehendes Sonnenlicht eine noch stimmungsvollere Kulisse für den Bad-Religion-Auftritt geboten – ein Rahmen, der trotzdem zur rauen, unprätentiösen Attitüde der Band passte.

Bewertung des Abschlusstages

Der Samstag war der Tag, an dem sich Amplifire endgültig als ernstzunehmendes Festival etablieren konnte. Die Verpflichtung von Bad Religion für eine Deutschland-Exklusivshow war eine mutige und kostspielige Entscheidung, die sich nur auszahlt, wenn Sound, Zeitplan und Publikumsführung an diesem Abend reibungslos funktionieren. Auch aus Kostengründen wurde wohl die ersten Stunden mit Newcomern gefüllt.

Positiv ließ sich der Mut zu den beiden Albumshows hervorheben, der dem Samstag eine eigene musikalische Handschrift gab, statt ihn zur bloßen Fortsetzung des Freitags zu machen.

Fazit

Der Samstag war der Tag, an dem Amplifire seinen größten Trumpf ausspielte. Mit Bad Religion holte sich das Festival einen Auftritt, der weit über Hamburg hinaus Beachtung fand, und mit den Albumshows von Turbostaat und Tribute To Nothing setzte es eigene musikalische Akzente. Ein Line-up, das seinen Anspruch mehr als untermauerte, und mit einer Location, die dem Festival optisch eine eigene Handschrift verlieh.

Rund 10.000 Besucher*innen erlebten auf dem MS Artville Gelände im Hamburger Hafen ein internationales Line-up von 30 Bands. Sicherlich haben die Veranstalter auf mehr Publikum gehofft, für ein Debüt war es sicherlich ok. Ob Wilhelmsburg nun dauerhaft einen Platz im hart umkämpften Hamburger Festivalkalender findet, wird sich entscheiden. Gerade wenn man stetig von Konzert- und Festivalabsagen wegen zu wenig verkaufter Tickets hört, ist es mutig, ein neues Festivalformat zu starten. Die Grundlagen für einen gelungenen Einstand waren jedenfalls gelegt und einen Termin für das nächste Jahr gibt es auch schon: 06. & 07. August 2027. Der Vorverkauf ist bereits gestartet.


Weitere Festivalbeiträge
Schon geteilt?