Baltic Open Air: Finale mit Spielleuten, Gitarrenlegende und Solo-Diva

Wolfgang Karg

Schleswig/Busdorf, 22.08.2026 – Der letzte Konzerttag der zwölften Festival-Ausgabe im Wikingerland Haddeby setzte auf einen Spannungsbogen von handgemachtem Deutschrock über Mittelalter-Klänge bis zu internationalem Gitarren- und Gesangsformat. Acht Bands verteilten sich über den Tag, bevor am Abend mit Saltatio Mortis der wohl passendste Headliner für diese Kulisse die Bühne betrat.

Vogelfrey brachten Mittelalter-Dance-Metal

Den Auftakt machten Vogelfrey aus Hamburg in ein selbst erfundenes Genre: Mit ihrem aktuellen Album „Make Mittelalter Great Again” verschmolzen die sechs Musiker mittelalterliche Instrumentierung mit elektronischen Beats und harten Riffs – von der Band selbst als „Mittelalter Dance Metal” bezeichnet. Ein überwiegend gelungenes, energiegeladenes Experiment mit starker Bühnenpräsenz, die die Band zu einer der unterhaltsamsten Formationen der Mittelalter-Rock-Szene mache.

Impressionen © Nordevents

Lacrimas Profundere mit dunkler Melancholie

Mit Lacrimas Profundere aus Waging am See haben schon oft den Weg in den Norden gesucht. So haben wir in den letzten Jahren über Auftritte vom Rock For Animals Rights Festival oder Mera Luna berichtet. Die Dark-Rock-Band, seit 1993 aktiv, steht für eine Mischung aus düsterer Melancholie und Schwere mit intensiver Publikumsinteraktion sowie eine durchgehend hohe Energie auf der Bühne – ein Kontrastprogramm zu den folkigeren Programmpunkten des Tages.

Artefuckt mit Deutschrock-Wucht

Artefuckt, eine Band, die seit ihrer Gründung 2015 für harte Riffs und offenherzige, deutschsprachige Texte steht. Ein Gig der energiegeladen und publikumsnah war, mit einer Setlist, die zwischen druckvollen Nummern und akustischen Momenten wechselte.

Rauhbein mit Herz und Humor

Rauhbein um Sänger Henry M. sorgten anschließend für eine Mischung aus Folk-Rock und ausgelassener Feierlaune. Die Band riss ihr Publikum von der ersten Sekunde an mit – inklusive spontaner Coverversionen und viel Interaktion mit den vordersten Reihen. Diese Mischung aus Mittelalter-Bezug und Partytauglichkeit machte Rauhbein zu einem naheliegenden Programmpunkt für die Wikinger-Kulisse in Haddeby.

Barock zollten AC/DC Tribut

Einen ungewöhnlichen Programmpunkt lieferten Barock, die sich selbst als „Europe’s Greatest Tribute To AC/DC” bezeichneten. Ihr nachgebautes Bühnenbild, Kanonen- und Glockenrequisiten konnten wegen kurzer Umbauzeiten nicht auf der Bühne Platz finden. Dafür bot der Gig eine Setlist, die sich eng an den australischen Originalen orientierte. Ob eine Tribute-Band neben noch aktiven Originalen und allen Bands des Festivals mit eigenen Songs Berechtigung hat, zeigte das Publikum: solange der Spaß nicht zu kurz komme, beantwortet sich diese Frage von selbst. Überall waren leuchtende Teufelshörner zu sehen.

Lacrimas Profundere, Artefuckt, Rauhbein und Barock © Nordevents

Floor Jansen mit gefeiertem Solo-Auftritt

Einen der prestigeträchtigsten Namen des Tages brachte Floor Jansen mit, bekannt als Frontfrau von Nightwish und mittlerweile auch als gefeierte Solokünstlerin. Im Moment ist die Sängerin in absoluter Bestform, ihr Stimmumfang von tiefen, klaren Passagen bis zu kraftvollen Höhen ist beachtlich. Ihr Set spannte dabei den Bogen über ihre gesamte Karriere – von Nightwish-Klassikern über ihr Hardrock-Projekt Northward bis zu Songs ihres Soloalbums „Paragon”. Für das Publikum in Haddeby versprach das einen der gesanglich anspruchsvollsten Programmpunkte des gesamten Festivals. Wer sieh noch einmal sehen möchte, sollte öfters bei uns hineinschauen, es gibt demnächst eine Ticketverlosung für zwei Venues im Norden.

Axel Rudi Pell mit Gitarren-Klasse

Als einer der dienstältesten deutschen Hard-Rock-Musiker überhaupt trat Axel Rudi Pell mit seiner Band auf, die seit über 35 Jahren für kraftvolle Gitarrenriffs und eingängige Melodien stand. Pells Gitarrenspiel wirkt niemals überladen, sondern präzise und beinahe gesanglich phrasiert, während Sänger Johnny Gioeli der Band ihre Durchschlagskraft verlieh. Pells Konsequenz in einer Ära wechselnder Trends wirkte weniger nach Sturheit als nach Meisterschaft – ein Statement, das sich unmittelbar auf den Auftritt in Haddeby übertragen ließ.

Floor Jansen und Axel Rudi Pell © Nordevents

Saltatio Mortis als würdiger Festivalabschluss

Den Schlusspunkt der zwölften Ausgabe setzten standesgemäß Saltatio Mortis. Die Mannheimer Mittelalter-Rock-Institution um Frontmann Alea galt seit über zwei Jahrzehnten als Garant für energiegeladene, pyrotechnisch aufwendige Live-Shows. Konzertberichte der laufenden „Burgentour” beschrieben eine Band, die trotz jahrelanger Bühnenpräsenz nichts von ihrer Spielfreude eingebüßt habe – mit einer präzise strukturierten, aber lebendigen Inszenierung, in der die Nähe zum Publikum im Mittelpunkt stand. Sogar mit einem aufgeblasenen Wikingerboot wurde über die Crowd geschifft. Für ein Festival, das seine gesamte Ästhetik der Wikinger-Kulisse verdankte, war Saltatio Mortis als Schlussakkord kaum treffender zu wählen.

Fazit

Der Samstag bündelte die stilistische Bandbreite des gesamten Festivals noch einmal auf engstem Raum: von hausgemachtem Deutschrock über Mittelalter-Experimente und AC/DC-Nostalgie bis zu internationalem Gesangs- und Gitarrenformat. Dass mit Saltatio Mortis ausgerechnet jene Band den Schlussakkord setzte, die seit Jahren wie kaum eine andere für die Verbindung von Mittelalter und Rock steht, gab dem dritten Festivaltag einen konsequenten roten Faden. Und dem gesamten Baltic Open Air 2026 einen Abschluss, der die historische Kulisse von Haddeby noch einmal voll ausspielte.

Und nun könnten die Tornados wieder über die Wiese starten und landen, bis zum nächsten Baltic Open Air vom 18.- 21.08.2026.

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