Feuer, Wasser, Bass: Der Freitag beim Deichbrand entfesselte seine volle Wucht

Wolfgang Karg

Nordholz/Wanhöden, 17. Juli 2026 – Wenn der Donnerstag das Deichbrand sanft aufweckt, dann ist der Freitag der Moment, in dem das Festival endgültig die Augen öffnet, tief durchatmet und loslegt. Schon am Vormittag lag spürbare Spannung in der Luft über Wanhöden – heute spielen die ersten ganz großen Namen, und das Gelände füllte sich sichtbar dichter als am Vortag.

Am Freitag startet das Programm bis 19 Uhr auf den großen Bühnen mit ATTIC109 auf der New Port Stage um 13:00 Uhr. Die Band verbindet modernen Indie-Rock mit eingängigen Melodien und energiegeladenen Live-Auftritten.

Impressionen

© Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Frühstart mit Herz: No Angels weckTen das Infield

Den Auftakt machte ausgerechnet ein waschechtes Pop-Comeback: Beim Frühsport Special übernahmen No Angels die Bühne und holten mit ihren bekannten Hits ein Stück 2000er-Nostalgie zurück auf den Acker. Es war ein charmanter, fast familiärer Einstieg in den Tag – zwischen Kaffeebechern und ersten Bierdosen wird hier schon vormittags mitgesungen, während sich das Festivalgelände langsam mit Leben füllte.

Die Ochmoneks auf der New Port Stage lieferten ehrlichen Deutschrock mit viel Herz und Mitsing-Potenzial. Um 15:00 Uhr sorgen Le Fly auf der Fire Stage mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus Rock, Reggae, Ska und Hip-Hop für ausgelassene Stimmung. Anschließend präsentiert Panicbaby modernen Indie-Pop mit elektronischen Einflüssen, emotionalen Texten und vielen Plüschbärchen. Querbeat brachten die Water Stage mit ihrem energiegeladenen Brass-Pop und ihrer mitreißenden Performance zum Tanzen. Auf der New Port Stage folgte Jolle, die mit gefühlvollem Indie-Pop und persönlichen Songs überzeugt. Auf der Fire Stage übernahmen Feine Sahne Fischfilet und liefern ihre kraftvolle Mischung aus Punkrock, Bläsern und klaren politischen Botschaften inklusive mehrfachem Stagediven von Monchi, zuletzt mit seinem Freund Marten (Marteria). Marlo Grosshardt präsentierte mit deutschsprachigem Indie-Folk voller poetischer Texte und Mehnersmoos einen humorvollen Mix aus Hip-Hop und Trap.

No Angels, Le Fly, Panicbaby, Querbeat, Jolle und Feine Sahne Fischfilet

© Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Elektronische Vielfalt zwischen den Bäumen

Wer dem Trubel der Hauptbühnen für ein paar Stunden entfliehen wollte, fand an der ElecTrees-Stage sein Zuhause. Die Electronic Selection des Freitags versammelte ein breites Spektrum an DJs und Live-Acts: Andhim und Paraçek sorgten mit treibenden House-Grooves für Bewegung, während Kid Simius Live mit seiner energiegeladenen Bühnenpräsenz das Tanzbein in Schwung brachte. Dazwischen setzten Cara Elizabeth, Davyboi, DJ Dreckisch, Kuestenklatsch und Nina Hepburn eigene Akzente – ein bunter Nachmittag, der zeigte, wie ernst das Deichbrand seine elektronische Schiene inzwischen nimmt.

Auch die neue New Port sorgte bereits ab 13:00 Uhr mit ihrem frisch gestalteten Bühnenbild für Aufsehen: Wer zwischendurch vorbeischaute, erlebte schon jetzt, wie sich das immersive Licht- und Sounddesign selbst bei Tageslicht in Szene setzte und das Infield optisch neu ordnet.

Beatsteaks eröffneten den Abend mit purer Spielfreude

Um 19:40 Uhr betraten die Beatsteaks die Fire Stage und lieferten genau das, wofür die Hamburger seit Jahrzehnten stehen und sie auch schon einige Male bei Deichbrand zeigten– ungebremste Energie, mitreißende Riffs und eine Frontmann-Präsenz, die auch die hintersten Reihen erreicht. Ihre Songs sind längst Festivalklassiker, und entsprechend textsicher singt die Menge jede Zeile mit. Es ist der perfekte Übergang von der entspannten Nachmittagsstimmung in den ausgelassenen Abend.

Mehnersmoos, Beatsteaks, Marteria und Electric Callboy

© Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

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Marteria: Poesie trifft Wucht

Kaum verklangen die letzten Töne der Beatsteaks, wechselte der Fokus zur Water Stage, wo um 21 Uhr Marteria zum 4. Mal bei Deichbrand erwartet wurde – für viele einer der emotionalsten Programmpunkte des Tages. Seit mehr als 15 Jahren prägt er die deutsche Musikszene mit Hymnen wie „Verstrahlt“ oder „Lila Wolken“, die längst Kultstatus erreicht haben. 2026 bringt er mit seinem neuen Album frischen Wind mit auf die Bühne, Songs, die persönliche Tiefe mit kraftvoller Energie verbinden. Live entfaltet Marteria genau jene Mischung aus ehrlichem Storytelling und mitreißender Bühnenpräsenz, die ihn zu einem der gefragtesten Acts des diesjährigen Line-ups macht. Zwischen nachdenklichen Textzeilen und explosiven Refrains entstand ein Auftritt bei untergehender Sonne, der lange nachhallt. Auch sein Sohn Louis durfte mit auf die Bühne und 3 Songs gemeinsam mit seinem Vater performen auch seine Mutter holte er beim letzten Song auf die Bühne. Der Mann, mit dem seine Mutter in zweiter Ehe lebt, kommt aus Cuxhaven – ein kleines Familientreffen im Hause Laciny.

Electric Callboy: Der kollektive Ausnahmezustand

Direkt im Anschluss folgte auf der Fire Stage das, worauf ein Großteil des Publikums den ganzen Tag hingefiebert hat: Electric Callboy. Mit viralen Erfolgen in über 40 Ländern und spektakulären Kollaborationen hat sich die Band längst über Genregrenzen hinweg einen Namen gemacht. Live verwandeln Electric Callboy jede Bühne in einen kollektiven Ausnahmezustand – Breakdowns, Beats und wilde Euphorie verschmelzen zu einem Erlebnis, das man nicht einfach verlässt, sondern lange mit sich trägt. Mit ihrem neuen Kapitel, größer, mutiger und internationaler als je zuvor, brachten sie genau diese Wucht mit an die Nordsee. Wer im Publikum stand, spürte förmlich, wie sich Zehntausende gleichzeitig in einen einzigen pulsierenden Organismus verwandelten.

Scooter: God Save The Rave

Den krönenden Abschluss lieferte schließlich um 00:20 Uhr Scooter auf der Water Stage. Seit den frühen Neunzigern stehen H.P. Baxxter und seine Mitstreiter für Techno, Hardcore-Rave und unverwechselbare Live-Energie – mit über 30 Millionen verkauften Tonträgern gehören sie zu den erfolgreichsten deutschen Acts überhaupt. Ihre Show ist ein Feuerwerk aus Klassikern wie „Hyper Hyper“ und neuen „lyrisch ausgefeilten“ Tracks, bei dem die Menge von der ersten bis zur letzten Minute mitgerissen wird. Es ist der perfekte, ausgelassene Schlusspunkt eines Abends, der von Punk über Hip-Hop bis Techno praktisch jedes Genre bedient hat – und genau das macht diesen Festivalfreitag so besonders vielseitig.

Was für ein Tag

Der Freitag beim Deichbrand 2026 war ein einziger Steigerungslauf. Vom sanften Pop-Erwachen mit No Angels über die elektronischen Nachmittagsstunden bis hin zu einem Abend, der mit Beatsteaks, Marteria, Electric Callboy und Scooter praktisch jede Facette des Festivals in ihrer intensivsten Form zeigte. Die neue New Port hat sich schon am zweiten Tag als echter Anziehungspunkt bewiesen, und spätestens als die letzten Scooter-Beats über das Gelände donnerten, war klar: Dieses Festival hat gerade erst richtig Fahrt aufgenommen. Wer diese Nacht müde, aber glücklich ins Zelt gefallen war, tat das mit einem Grinsen im Gesicht – denn wenn der Freitag schon so viel Feuer hatte, was erwartet uns dann erst am Wochenende?


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