Der große Schlussakkord am Eichenring

Wolfgang Karg

Scheeßel, 21. Juni 2026 – Drei Tage Ausnahmezustand, unzählige Konzerte, staubige Schuhe und glückliche Gesichter: Mit dem Sonntag fand das Hurricane Festival 2026 seinen krönenden Abschluss. Zum 30-jährigen Jubiläum verwandelte sich der Eichenring in Scheeßel erneut in einen Treffpunkt für Fans aus ganz Deutschland und Europa. Das Festival steht seit Jahrzehnten für eine stilistische Vielfalt zwischen Rock, Indie, Pop, Hip-Hop und elektronischer Musik und präsentierte auch 2026 ein Programm, das Generationen und Genres miteinander verband.

Auf vier Bühnen sorgten internationale Headliner, aufstrebende Newcomer und etablierte deutsche Acts für ein abwechslungsreiches Wochenende. Der Sonntag versprach dabei noch einmal besondere Höhepunkte – und hielt dieses Versprechen eindrucksvoll ein.

Impressionen © Nordevents – Antje Karg

Früher Aufbruch in den Festivaltag

Bereits am Mittag füllten sich die Wege zwischen Forest Stage, River Stage, Mountain Stage und Wild Coast Stage. Den musikalischen Auftakt übernahmen Ecca Vandal und Delilah Bon, die mit energiegeladenen Performances früh für Bewegung vor den Bühnen sorgten. Kurz darauf folgten Unpeople, Skindred, Rosmarin, Davina Michelle und Paula Engels. Besonders Skindred bewiesen einmal mehr, warum sie seit Jahren als Garant für mitreißende Festivalshows gelten. Ihr Mix aus Rock, Metal und Reggae brachte die ersten größeren Moshpits des Tages hervor.

Skindred stehen für einen Stil, den kaum eine andere Band in dieser Form beherrscht. Die Mischung aus Metal, Reggae, Punk und elektronischen Elementen macht ihre Shows einzigartig. Besonders der legendäre „Newport Helicopter“ gehört inzwischen zu den kultigsten Festivalmomenten Europas. Frontmann Benji Webbe dirigierte das Publikum mit beeindruckender Leichtigkeit. Wer Skindred an diesem frühen Nachmittag live erlebt, verstand schnell ihren Ruf als außergewöhnliche Festivalband.

Mit Zebrahead betrat anschließend eine Band die Bühne, die wie kaum eine andere für amerikanischen Fun-Punk steht. Ihre Mischung aus Punkrock, Rap-Elementen und humorvollen Ansagen sorgte für ausgelassene Stimmung am frühen Nachmittag. Die Energie blieb vom ersten bis zum letzten Song konstant hoch. Die Band suchte permanent den Kontakt zum Publikum. Dadurch entstand eine Atmosphäre, die perfekt zu einem Festival passt.

Parallel überzeugten Vicky und Tors mit modernen Pop- und Indieklängen, während The Beaches auf der River Stage frischen Indie-Rock mit internationalem Format präsentierten. Die Sängerin trug ein Kleid im Stil “Recyclter Platikmüllsack”.

Clueso liefert den Soundtrack für den Sommer

Am späten Nachmittag gehörte die River Stage einem Künstler, der seit vielen Jahren zu den verlässlichsten Live-Acts Deutschlands zählt: Clueso. Schon die ersten Töne seines Auftritts wurden von lautem Jubel begleitet. Der Erfurter Sänger schaffte es mühelos, die große Festivalfläche in eine gemeinsame Singalong-Arena zu verwandeln. Das erste Mal wollte Clueso nicht fotografiert werden- ist seine neue Frisur schiefgegangen?

Zebrahead, The Beaches, The Butcher Sisters und A Day To Remember

© Nordevents

Zwischen Härte und Gefühl

Zeitgleich sorgten die The Butcher Sisters und Filow auf ihren jeweiligen Bühnen für völlig unterschiedliche Klangwelten. Während die Mannheimer Metalcore-Parodisten mit maximaler Selbstironie und druckvollen Breakdowns – laut, chaotisch und bewusst überzeichnet- auftrumpften, setzte Filow auf moderne Internet- und Rap-Kultur. Levin Liam überzeugte anschließend mit seiner atmosphärischen Mischung aus Indie, Pop und Soul und unterstrich seinen Status als einer der spannendsten deutschsprachigen Newcomer der vergangenen Jahre. Bei TBS gab es zwischendurch noch einen offiziellen Heiratsantrag im Publiku

Auch A Day To Remember lieferten genau das, was ihre Fans erwarteten: eine explosive Verbindung aus Pop-Punk, Hardcore und Metalcore. Circle Pits, Crowdsurfer und laute Chöre dominierten die Forest Stage. Live entstand ein permanenter Wechsel aus Chaos und Gemeinschaftsgefühl bereiteten den Boden für die großen Abendacts.

Empire of the Sky, BHZ, Provinz und Billy Talent

© Nordevents

Empire of the Sun verwandelten Scheeßel in eine andere Welt

Als die Sonne langsam tiefer stand, begann einer der visuell eindrucksvollsten Auftritte des gesamten Festivals.

Empire of the Sun machten die River Stage zu einer futuristischen Traumlandschaft. Das australische Duo ist seit Jahren für spektakuläre Shows bekannt, doch auch auf dem Hurricane gelang es ihnen, die Erwartungen noch einmal zu übertreffen. Zwischen opulenten Kostümen, leuchtenden Farben und einer perfekt abgestimmten Lichtshow entstand eine Atmosphäre, die eher an ein Musical als an ein klassisches Festivalset erinnerte.

Musikalisch verband die Band Synth-Pop, elektronische Klangwelten und große Refrains zu einem Gesamterlebnis, das sowohl langjährige Fans als auch neugierige Erstbesucher begeisterte. Die bekannten Hits wurden euphorisch gefeiert und verwandelten den gesamten Bereich vor der Bühne in eine tanzende Menschenmenge.

Gerade im Kontext eines Rock- und Alternative-Festivals zeigte sich die besondere Stärke von Empire of the Sun: Sie boten einen Kontrast zum übrigen Programm und schufen damit einen der magischsten Momente des Wochenendes. Viele Besucher dürften diesen Auftritt noch lange in Erinnerung behalten.

Halsey setzt ein emotionales Ausrufezeichen

Nach dem farbenprächtigen Spektakel von Empire of the Sun richteten sich die Blicke auf die Forest Stage. Dort wartete mit Halsey einer der international größten Namen des Sonntags.

Die US-Künstlerin präsentierte sich als vielseitige Entertainerin zwischen Pop, Alternative und Rock. Ihre Bühnenpräsenz war beeindruckend: selbstbewusst, emotional und zugleich nahbar. Halsey verstand es hervorragend, zwischen energiegeladenen Songs und persönlichen Momenten zu wechseln.

Vor allem die Intensität ihrer Performance beeindruckte. Wo andere Headliner auf Distanz setzen, suchte Halsey die direkte Verbindung zum Publikum. Die Fans dankten es mit lautstarken Reaktionen und textsicheren Chören. Ihr Auftritt entwickelte sich schnell zu einem der meistdiskutierten Konzerte des Tages.

Provinz übernAhmen die Nacht

Direkt nach Halsey stand mit Provinz einer der beliebtesten deutschsprachigen Acts der Gegenwart auf der River Stage. Die Band aus Süddeutschland hat sich in den vergangenen Jahren von einer Indie-Hoffnung zu einem festen Bestandteil der großen Festivalbühnen entwickelt.

Ihr Hurricane-Auftritt zeigte eindrucksvoll, warum. Provinz kombinierten große Melodien mit emotionalen Texten und erzeugten eine bemerkenswerte Nähe zum Publikum. Die Band wirkte eingespielt, souverän und zugleich angenehm ungekünstelt. Sänger Vincent sagte, die Band hat in der Nähe vor 5 Jahren noch auf einen Dorffest gespielt und nun spielen sie vor vollem Infield.

Besonders die ruhigeren Momente entfalteten eine starke Wirkung. Tausende Besucher sangen die Texte mit und schufen eine Atmosphäre, die gleichzeitig intim und überwältigend wirkte. Während über dem Festivalgelände langsam die Dunkelheit hereinbrach, lieferten Provinz einen Auftritt, der die emotionale Seite des Festivals perfekt verkörperte.

Billy Talent krönten den Abschluss

Kurz vor Mitternacht gehörte die große Bühne schließlich Billy Talent. Die Kanadier zeigten vom ersten Song an, weshalb sie seit Jahren zu den beliebtesten Festivalbands Europas zählen. Druckvolle Gitarrenriffs, hymnische Refrains und eine beeindruckende Spielfreude bestimmten ihren Auftritt. Das Publikum reagierte sofort: Moshpits öffneten sich, Crowdsurfer zogen über die Menge, und selbst in den hinteren Reihen wurde lautstark mitgesungen.

Besonders bemerkenswert war die Energie, die Billy Talent auch nach jahrzehntelanger Karriere noch auf die Bühne bringen. Die Band wirkte weder routiniert noch abgeklärt, sondern spielte mit derselben Leidenschaft wie in ihren frühen Jahren. Jeder Song wurde gefeiert, jede Ansage bejubelt.

Als die letzten Töne über den Eichenring hallten, war klar, dass Billy Talent den perfekten Schlusspunkt unter das Hurricane Festival 2026 gesetzt hatten. Es war ein Headliner-Auftritt, wie ihn sich Festivalveranstalter wünschen: laut, emotional und voller gemeinsamer Erinnerungen.

Fazit: Ein Sonntag, der dem Jubiläum gerecht wurde

Der Sonntag des Hurricane Festivals 2026 vereinte alles, was das Festival seit drei Jahrzehnten auszeichnet: musikalische Vielfalt, internationale Stars, starke deutsche Künstler und eine besondere Atmosphäre zwischen Euphorie und Wehmut.

Clueso berührte mit seiner Nahbarkeit, Empire of the Sun begeisterten mit einer spektakulären Inszenierung, Halsey überzeugte als charismatische Weltklasse-Künstlerin, Provinz lieferten einen emotionalen Triumphzug und Billy Talent sorgten für einen würdigen Festivalabschluss.

Nach drei intensiven Tagen verabschiedete sich das Hurricane Festival 2026 mit einem Sonntag, der eindrucksvoll zeigte, warum Scheeßel auch nach 30 Jahren zu den wichtigsten Festivalstandorten Europas gehört. Ein Jubiläum, das seinem besonderen Anlass in jeder Hinsicht gerecht wurde. Leider gab es auch eine negative Nachricht: Eine 41-jährige Frau verstarb trotz Reanimierungsversuchen – sie war körperlich schon vorbelastet.

Das nächste Hurricane Festival wird vom 18. bis 20. Juni 2027 stattfinden.

Unsere bisherigen Publikationen über das Hurricane Festival

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