Scheeßel, 19. Juni 2026 – Es gibt Festivals, die kommen und gehen. Und dann gibt es das Hurricane. Seit drei Jahrzehnten verwandelt sich der Eichenring im niedersächsischen Scheeßel jedes Jahr im Juni in eine temporäre Stadt aus Zelten, Musik und kollektiver Energie – und 2026 feiert das Festival seinen 30. Geburtstag mit allem, was dazugehört. Und 78.000 Besucher feiern mit – ausverkauft. Wichtiger Bestandteil ist auch das Wetter, und das spielte wieder einmal weitgehend mit. Rechtzeitig waren die Temperaturen auf schwüle 32 Grad gestiegen, leider stieg damit auch die Unwettergefahr. Den ersten Gewitterschauer mussten die Camper in der Nacht schon überstehen.
Dreißig Jahre und kein bisschen leise
Etwa 78.000 Musikfans pilgerten auch in diesem Jubiläumsjahr wieder in die niedersächsische Heide, um drei Tage lang zu feiern, was Livemusik in ihrer reinsten Form bedeutet. Vier Bühnen – Forest Stage, River Stage, Mountain Stage und Wild Coast Stage – bieten dabei für jeden Geschmack das Richtige: vom melodischen Indie-Rock über stampfenden Punkrock bis hin zu elektronischen Beats weit nach Mitternacht.
Impressionen © Nordevents – Antje und Wolfgang Karg
Was ist neu in 2026?
Eine der größten organisatorischen Änderungen betrifft das Ticketsystem. 2026 wurden Festivalpass und Campingoption erstmals konsequent voneinander getrennt verkauft. Besucher entscheiden separat, ob sie regulär campen, den Hurricane Park nutzen oder zusätzliche Upgrades buchen möchten. Neu eingeführt wurden auch die sogenannten „Unity Tickets“. Diese werden vom Veranstalter als neue Ticketkategorie beschrieben, die den Festivalbesuch zugänglicher machen soll.
Der Donnerstag vor dem eigentlichen Festival wurde in diesem Jahr deutlich aufgewertet. Bereits am Anreisetag fanden mehrere Konzerte und Programmpunkte auf der Wild Coast Stage statt. Acts wie Juli, Disarstar oder Paula Carolina machten den Donnerstag faktisch zu einem zusätzlichen Festivaltag.
Weiterhin führt das Hurricane Festival erstmals konsequent ein vollständig digitales Bezahlsystem ein. Bargeld spielt auf dem Festivalgelände praktisch keine Rolle mehr. Stattdessen wird jeder Besucher beim Einlass mit einem RFID-Chip ausgestattet, der direkt im Festivalarmband integriert ist. Dieses Armband dient während des gesamten Wochenendes als digitale Geldbörse. Auch das Becherpfand ist 2026 vollständig in das Cashless-System integriert.
Ankommen und aufwärmen – die Nachmittagsstunden
Der Freitag, traditionell der erste richtige Festivaltag, trägt beim Hurricane eine besondere Magie in sich. Das Wochenende ist noch jung, die Stimmbänder noch frisch, die Erwartungen hoch. Wer am Donnerstagabend bereits mit der Warm-Up-Party in Stimmung gekommen war, betrat das Konzertgelände am Freitagmittag mit dem wohligen Kribbeln eines langen Wochenendes vor sich.
Das Hurricane liebt es, sein Publikum früh abzuholen. Schon am frühen Nachmittag füllten sich die Wege zwischen den Bühnen, und wer pünktlich erschien, wurde belohnt. Der kanadische Sänger Grandson eröffnete seinen Slot auf der Forest Stage mit einer Mischung aus Alternative und politischem Pathos, die das noch überschaubare Publikum sofort aufhorchen ließ.
Sondaschule haben sich in den vergangenen Jahren von einem Geheimtipp zu einer festen Größe im deutschsprachigen Punkrock entwickelt. Ihre Songs verbinden gesellschaftliche Beobachtungen mit Feierlaune und einem unverwechselbaren Bläsersound. Gerade auf Festivals entfaltet die Ruhrgebietsband regelmäßig ihre größte Stärke: eine unmittelbare Verbindung zum Publikum. Ihr Konzert wirkte gleichermaßen ausgelassen und nahbar. Zwischen Pogokreis und Mitsingchoren blieb immer Raum für persönliche Momente. Dadurch entstand eine Atmosphäre, die weit über klassische Punkrock-Energie hinausgeht.
Grandson, Rikas, Sondaschule, Kayla SHYX und Donots
Royel Otis – Australiens Indie-Sensation
Die australisch-britische Indie-Pop-Formation Royel Otis auf der River Stage zog derweil mit lockerer, sonnenbeschienener Leichtigkeit ihren ganz eigenen Bann – ein perfekter Einstieg in den Festivaltag.
Die Nachmittagsstunden gehörten auch den Veteranen der Punkrock-Szene: The Ataris auf der Mountain Stage erinnerten ihr treues Publikum daran, warum Gitarrenmusik nie wirklich weggeht. Für die jüngere Generation hielt die Wild Coast Stage mit Kayla Shyx und Esther Graf zwei deutschsprachige Stimmen bereit, die zeigten, dass die heimische Popszene längst auf Augenhöhe mit internationalen Acts agiert.
Bosse – Deutschsprachige Emotionen mit Festivalformat
Mit seiner Mischung aus eingängigen Melodien, persönlicher Lyrik und energiegeladenen Live-Shows gehört Bosse seit Jahren zu den festen Größen der deutschen Festival-Landschaft. Seine Songs verbinden Leichtigkeit und Tiefgang und entwickeln gerade unter freiem Himmel eine besondere Wirkung. Beim Hurricane dürfte der Braunschweiger erneut auf eine große Mitsingkulisse treffen, die Hits wie „Schönste Zeit“ oder „Der letzte Tanz“ zu kollektiven Festivalmomenten werden lässt. Vorab gratulierte Aki noch vor heruntergelassenem Bühnenvorhang dem Hurricane zum Jubiläum und appelierte Vielfalt und sprach sich gegen die AfD aus. Gemeinsam sang er mit den Hansemädchen “Lasst euch nicht fi**cken”.
The Offspring – Punkrock-Klassiker mit ungebrochener Wucht
Um 20:30 Uhr wurde es auf der Forest Stage laut – sehr laut. The Offspring aus Garden Grove, Kalifornien, betraten die Bühne und schossen das Festivalgelände in eine andere Dimension. Die Band um Sänger Dexter Holland und Gitarrist Noodles ist seit den frühen Neunzigern eine feste Instanz im Punkrock-Universum, und auch 2026, nach mehr als drei Jahrzehnten Bandgeschichte, ließen sie keine Zweifel daran, dass sie live noch immer zu den zuverlässigsten Energiemaschinen des Genres gehören.
„Come Out and Play”, „Self Esteem”, „Pretty Fly (for a White Guy)” – die Setlist las sich wie eine Best-of-Sammlung aus der Jugend einer ganzen Generation, und das Publikum quittierte jeden Song mit ekstatischem Mitgrölen. Es war keine Nostalgie-Show – es war ein Konzert voller Gegenwart, voller Energie und mit dem unverkennbaren Witz, der The Offspring schon immer ausgezeichnet hat. Wer an diesem Abend auf der Forest Stage stand, spürte, warum Punkrock manchmal einfach die beste Medizin ist.
Bosse, The Offspring, Yungblud und Kraftklub
© Nordevents Nordevents – Wir arbeiten aktuell an einer Bildstrecke mit vielen weiteren Bildern
Yungblud – der Generationslautsprecher zwischen Hysterie und Herz
Während The Offspring die Forest Stage zum Beben brachten, spielte sich auf der River Stage zeitgleich ein ganz anderes, aber mindestens ebenso intensives Set ab. Yungblud – bürgerlich Dominic Harrison aus Doncaster – ist spätestens seit seinem Nummer-eins-Doppelalbum Idols (2025) auf dem Sprung zur nächsten Stufe internationaler Rockstardom. Und das Hurricane 2026 erlebte ihn auf diesem Weg.
Mit einer Energie, die an einen Kurzschluss erinnerte, warf sich Yungblud ins Publikum, deklamierte, schrie, flüsterte und tanzte, als würde er gleich von der Bühne abheben. Songs wie „Zombie” – inzwischen in einer Version mit The Smashing Pumpkins eingespielt und Grammy-nominiert – sorgten für Schauer im Publikum, das jeden Text auswendig kannte. Was Yungblud von vielen seiner Zeitgenossen unterscheidet: Er meint es wirklich. Die Leidenschaft, die er auf der Bühne versprüht, ist keine kalkulierte Performance, sondern das Ergebnis einer fast manischen Hingabe an seine Musik und sein Publikum. Der River Stage war an diesem Abend sein Wohnzimmer – und die zehntausenden Fans seine Familie. Zum Abschluss gab es noch ein kleines Feuerwerk.
Kraftklub – wenn Chemnitz die Welt regiert
Und dann war da noch der Moment, auf den viele gewartet hatten. Um 23 Uhr übernahmen Kraftklub die Forest Stage mit einem riesigen Konfettiregen – und machten sie zum emotionalen Mittelpunkt des gesamten Festivaltages. Die fünf Jungs aus Chemnitz um Frontmann Felix Brummer sind spätestens seit ihrem fünften Studioalbum „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ (November 2025) auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die Hallentour zu Beginn des Jahres war nahezu überall ausverkauft – auf großen Festivalstages aber entfaltet Kraftklub eine Wucht, die Hallenkonzerte kaum replizieren können.
Hits wie „Schüsse in die Luft” oder „Songs für Liam” trafen die zehntausenden Fans ins Mark. Felix Brummer sprach zwischen den Songs mit einer Direktheit und Wärme, die den Abend über das Musikalische hinaus zu etwas Besonderem machte. Kraftklub sind keine Band, die auf Distanz spielt – sie holen ihr Publikum an sich heran, und das Publikum lässt es gerne zu. Die Lichtshow war kraftvoll ohne Bombast, die Performance tight und zugleich lebendig. Um kurz nach Mitternacht, als die letzten Töne verklungen waren und der Applaus nicht aufhören wollte, stand fest: Dieser Freitagabend war mehr als ein Konzertabend. Er war ein Versprechen.
Fazit: Ein Auftakt, der bleibt
Der erste Festivaltag des Hurricane 2026 hielt, was er versprochen hatte – und mehr. Von den ersten Tönen am Nachmittag bis tief in die Nacht zeigte Scheeßel, warum dieses Festival seit dreißig Jahren Bestand hat: weil es Musik ernst nimmt, sein Publikum ernst nimmt und immer wieder Momente schafft, die über das Kurzlebige hinausreichen.
The Offspring lieferten Punkrock-Therapie für eine ganze Generation, Yungblud war das lauteste Herz des Abends, und Kraftklub bewies eindrücklich, dass deutscher Indie-Rock längst Weltformat hat. Wer am Freitag dabei war, durfte sich glücklich schätzen. Das Wochenende hatte erst begonnen – und das war bereits gut.
Unsere bisherigen Publikationen über das Hurricane Festival
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