Hurricane Festival 2026 – Der zweite Tag brannte

Wolfgang Karg

Scheeßel, 20. Juni 2026 – Wer am Freitag gedacht hatte, das Hurricane habe sein Pulver schon verschossen, wurde am Samstag eines Besseren belehrt. Der zweite Festivaltag ist traditionell der vollste, lauteste und emotional intensivste – und das Jubiläumsjahr 2026 bildete keine Ausnahme, obwohl Abends ein WM-Spiel der deutschen Mannschaft stattfand.

Der dichteste Tag des Festivals

Über dreißig Acts verteilten sich auf vier Bühnen, von den Mittagsstunden bis tief in die Nacht. Der Eichenring in Scheeßel summte wie ein überdrehter Verstärker, und die etwa 78.000 Festivalbesucher des ausverkauften Festivals füllten jeden Winkel des Geländes mit Leben. Dieser Samstag war ein Gesamterlebnis bei erneuten 30 Grad.

Impressionen © Nordevents – Antje Karg

Nachmittags: Indie-Perlen und Gitarren-Erinnerungen

Schon früh am Nachmittag zeichnete sich ab, was den Samstag von anderen Tagen unterschied: die schiere Dichte an Momenten, die man nicht vergisst. All Time Low auf der Forest Stage lieferten punkigen Pop-Rock in Bestform und erinnerten daran, wie viel Energie in drei Akkorden und einem Refrain stecken kann. Auf der River Stage sorgte Natasha Bedingfield für einen der charmantesten Momente des gesamten Festivals – „Unwritten” hallte über das Gelände wie ein Song, der nie aufgehört hat, wichtig zu sein, und das Publikum sang jeden Ton mit, als hätte es nie etwas anderes getan.

Die Kanadier von Alexisonfire genießen Kultstatus innerhalb der Alternative- und Hardcore-Szene. Seit ihrer Wiedervereinigung begeistert die Band mit einer Mischung aus brachialer Energie und emotionaler Tiefe. Ihr Zusammenspiel aus melodischen Passagen, explosiven Ausbrüchen zwischen Härte und Atmosphäre machte den Auftritt zu einem intensiven Erlebnis.

Kaffkiez – Die Stimme einer neuen deutschen Indie-Generation

Kaffkiez haben sich mit ehrlichen Texten und eingängigen Gitarrenarrangements in kurzer Zeit eine treue Anhängerschaft erspielt. Die Band steht für modernen deutschsprachigen Indie-Rock, der Alltagsthemen authentisch verarbeitet. Ihre stetig wachsende Präsenz auf Festivals zeigt, wie stark ihre Songs inzwischen beim Publikum verankert sind. Viele Songs entwickelten live eine zusätzliche emotionale Kraft. Besonders die Mitsingmomente sorgten für intensive Festivalbilder.

Nothing But Thieves gaben auf der Forest Stage ein konzentriertes, atmosphärisches Set, das die Stimmung für den Abend auf das richtige Niveau hob. Mit ihrem markanten Sound und der unverwechselbaren Stimme von Frontmann Conor Mason haben sich Nothing But Thieves international etabliert. Die Briten verbinden Alternative Rock mit modernen Pop- und Elektronikeinflüssen. Ihre Songs sind gleichermaßen radiotauglich und festivalerprobt. Besonders die dynamischen Refrains entfalteten vor großem Publikum ihre volle Wirkung.

Wer pendelte, wurde belohnt: Wolf Alice auf der River Stage bewiesen mit beißendem Gitarrensound und Ellie Rowsells unnachahmlicher Bühnenpräsenz, dass britischer Indie-Rock 2026 noch immer eine eigene Sprache spricht.

Natasha Bedingfield, Alexisonfire, Kaffkiez und Nothing But Thieves

Um 20:30 Uhr übernahmen Papa Roach die Forest Stage – und machten unmissverständlich klar, warum sie seit über zwei Jahrzehnten zu den verlässlichsten Liveacts des Rockzirkus gehören. Frontmann Jacoby Shaddix, der die Band seit ihrer Gründung Anfang der Neunziger in Vacaville, Kalifornien, anführt, ist live eine Naturgewalt: raumfüllend, charismatisch, nie kalkuliert. Mit dem im Laufe des Jahres erschienenen zwölften Studioalbum im Gepäck – dem lang erwarteten Nachfolger des 2022er Werks Ego Trip – hatte die Band frisches Material dabei, das die Fans bereits kannten: Singles wie „BRAINDEAD” und „Even If It Kills Me” hatten im Vorfeld für Vorfreude gesorgt.

Als Secial Guest spielten die Leoniden im Palastzelt, das so voll wurde, das der Einlass gesperrt werden musste.

Orville Pack, Edwin Rosen und Twenty One Pilots

Melancholie traf Outlaw-Country – Edwin Rosen und Orville Peck

Etwas früher und auf der benachbarten Wild Coast Stage betrat Orville Peck die Bühne, dessen Gesicht niemand kennt — und dem das herzlich egal zu sein scheint. Der maskierte kanadische Country-Künstler verbindet düsteren Outlaw-Country mit Crooner-Romantik und staubiger Highway-Atmosphäre. Beim Hurricane ist Orville Peck damit ein Exot im besten Sinne: kein Gitarren-Lärm, kein Moshpit-Kalkül, sondern ein Auftritt, der das Publikum in eine andere Zeit und einen anderen Ort zu versetzen schien.

Die Mountain Stage stand im Zeichen von deutschem Indie und Rock als Edwin Rosen mit seinem Headlineslot des Abends auf dieser Bühne auftrat. Er taucht auf und hinterlässt Gänsehaut: ein Phantom zwischen Nostalgie und Neonlicht. Wer den Stuttgarter Musiker noch nicht kannte, bekam an diesem Abend eine Einführung in sein Universum aus treibenden Beats, atmosphärischen Synthesizern und einer Stimme, die gleichermaßen verletzlich und eindringlich klingt. Er selbst sagte, dass er bei seinem größten Gig bislang aufgeregt sehr aufgeregt war, ob überhaupt jemand vorbeischaut.

Florence + The Machine – wenn eine Stimme eine Welt erschafft

Was dann auf der River Stage geschah, war von einer anderen Qualität. Florence + The Machine – die seit ihrer Gründung 2007 in London zu den außergewöhnlichsten Erscheinungen des britischen Indie-Rock zählen – traten um 21:45 Uhr auf und verwandelten das Hurricane für neunzig Minuten in etwas, das sich weniger als ein Konzert anfühlte und mehr wie ein Ritual. Florence Welch, bekannt für barfüßige Auftritte, fließende Kleider und eine Stimme, die selbst in der größten Halle noch jeden einzelnen Zuhörer zu berühren scheint, gab alles.

Dog Days Are Over”, „Shake It Out”, „You’ve Got the Love” – die Hymnen flossen ineinander, jede eine Welt für sich, und doch formten sie zusammen einen Abend von fast sakraler Intensität. Welch rannte, tanzte, ging ins Publikum, bat alle, ihre Handys wegzustecken und einfach da zu sein. Und die Zehntausenden, die vor der River Stage standen, taten es. In einer Zeit, in der Festivals manchmal mehr Hintergrundkulisse für Social-Media-Inhalte als Ort echter Begegnung sind, war dieser Moment ein Gegenmodell: Musik als geteilte Gegenwart.

Twenty One Pilots – eine Show, nicht nur ein Konzert

Headliner auf der Forest Stage waren ab 22:55 Uhr Twenty One Pilots – und wer das Duo aus Columbus, Ohio, schon einmal live erlebt hat, weiß: Was Tyler Joseph und Josh Dun auf einer Bühne vollbringen, lässt sich kaum in Worte fassen. Mit ihrem achten Studioalbum „Breach“ (September 2025) im Rücken befinden sich Twenty One Pilots in einem ihrer stärksten kreativen Kapitel, und die Festivalshow in Scheeßel war der Beweis dafür. Theatralische Produktionen, ein Weltenbau aus Licht und Narrativ, Drums hoch oben auf dem Bühnenkonstrukt – Twenty One Pilots denken Konzerte als Gesamtkunstwerk.

Songs aus allen Phasen ihrer Karriere bildeten ein Set, das keine Lücken kannte: von „Stressed Out” und „Ride” über „Jumpsuit” bis hin zu neuen Tracks, die bereits nach Klassikern klangen. Der Moment, als das gesamte Gelände „Holding On to You” sang, gehörte zu jenen, die man am nächsten Tag noch im Körper spürt. Ein Festival-Headliner-Set der seltenen Sorte.

Fazit: Ein Samstag für die Bücher

Der zweite Festivaltag des Hurricane 2026 war der volle Beweis dafür, was dreißig Jahre Festivalgeschichte bedeuten: die Fähigkeit, an einem einzigen Tag mehrere Generationen von Musikliebhabern gleichzeitig zu erreichen und jedem von ihnen seinen Moment zu geben. Papa Roach lieferten Nu-Metal-Therapie, Florence + The Machine schufen kollektive Magie, Twenty One Pilots erinnerten daran, warum Liveshows keine Konzerte sein müssen, sondern Erlebnisse. Scheeßel war an diesem Samstag mehr als ein Festivalgelände. Es war, für einen Tag, die Mitte der Musikwelt.

Unsere bisherigen Publikationen über das Hurricane Festival

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