M’era Luna 2025 – Der Sonntag

Wolfgang Karg

Hildesheim, 10. August 2025 – Flugplatz Drispenstedt – Der Festivalsonntag wartete auf mit Mittelalter-Metal und Dark Electronica mit EBM-Einschlägen.

Schwarz war natürlich die dominierende Farbe bei der Kleidung der Besucher, ob Vampir-Outfits, Steampunk oder Kleidung der viktorianischen Epoche. Sehen und gesehen werden war das Motto. Viele planen und kreieren ihren einzigartigen Look bereits weit im Voraus. Zwar war es am Sonntag nicht so heiß wie am Vortag, aber viele merkten vielleicht, dass schwarz nicht unbedingt die beste Farbe für ein Hochsommerwetter ist.

Der Mittelaltermarkt lud mit seinen Gauklern und seinem Flair aus einer längst vergangener Zeit zum Verweilen ein. Der Markt bot einen Gold- und Silberschmied, Feuershows, Gaukelei, Musik mit mittelalterlichen Klängen, Tanz und Kulinarisches. Auch standen Grills zur Verfügung und die hungrigen Gäste brauchten nur das eigene Grillgut mitzubringen.

Impressionen © Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Willkommen zum grossen Blackwalk

Beyond Border, die Sieger des Newcomer Contests eröffneten in diesem Jahr den M’era Luna-Sonntag. Corlyx, das sind Caitlin Stokes und Brandon Ashley, die das Darkwave-Post-Punk-Duo ursprünglich in Los Angeles gründeten, bevor sie nach Berlin zogen, und jetzt in Brighton, UK, leben. Ergänzt wird das Duo durch einen Live-Bassisten.Sängerin Caitlin hauchte den Arrangements der Songs einen sinnlichen Pop-Style ein, der den Songs eine erfrischende Ausstrahlung verlieh.

Viele der Bands waren schon oft da, im Jahr 2022 waren fast die Hälfte der diesjährigen Bands auch vertreten. Die Industrial-Gothic-Folk-Metal-Band Manntra aus Kroatien war dem Erfolg ihrer letzten Alben auf verschiedenen Tourneen und Festivals vertreten und hat ihre Headliner Shows zu einem großen Teil ausverkauft. Im Laufe der Jahre hat das Quintett einen unverwechselbaren Sound entwickelt, der rohe Metal-Riffs, knallharte Industrial-Elemente und traditionelle Folk-Instrumente kombiniert, um einen unerbittlichen Sturm eingängiger Metal-Hymnen zu erzeugen.

Die britische Darkwave-Gruppe Massive Ego wurde 1996 vom Sänger und Ex-Model Marc Massive und Andy J Thirwall gegründet. Die Band hat Klang, Bild und Besetzung seit ihrer Gründung verändert. Marc Massive, Oliver Frost und Scot Collins konzentrieren sich in ihren Songs auf die dunklen Seiten des Lebens: Depression und Angstzustände, Tod, Selbstmord, Liebe, Sex und Vampirismus.

Wuchtige NDH-Songs gab es von Schattenmann, die sich als feste Größe der Szene etabliert haben. Bei „Spring“ hüpften die Ersten dann brav mit Frontmann Frank Herzig um die Wette und spätestens bei „Generation Sex“ ließen sich dann alle zum Mitsingen hinreißen. Sie spielten 2023 auch den Support bei Eisbrecher, die gestern auftraten.

Noisuf-X beschäftigte sich mit einer apokalyptischen und ängstlichen Sicht auf die Welt und beschrieb dabei mit harten, verzerrten Beats, experimentellen Sounds und Pushing-Sequenzen auf musikalische Weise eine kalte und hoffnungslose Atmosphäre.

Klarinetten-, Cello- und Kontrabassklänge gab es bei den edlen Herren von Coppelius, die Rock- und Kammermusik gekonnt vereinten. Mit Liedern der Marke „Habgier“ oder „Der Advokat“ wurden gleich zu Beginn einige Klassiker gespielt, was das Publikum begeisterte. Die Stimmung war ausgelassen, die Kapelle gut gelaunt und der Sound nicht zu bemängeln, weswegen wohl keiner der Anwesenden schlechte Laune gehabt haben dürfte. Die Setlist lieferte einen perfekten Mix aus über 20 Jahre altem Liedgut aus den Anfangszeiten der Band, die obligatorischen „COPPELIUS-covert-IRON-MAIDEN“-Stücke sowie aktuelle Stücke vom letzten Album.

Schwarz hat viele Facetten

Die slowenische Elektropop-Band Torul bot verschiedene Einflüsse aus Synthpop, Postpunk und Wave. Die Könige der Spielleute, die Mittelalterformation Corvus Corax (Der Kolkrabe) begeisterten durch ihre beeindruckende Instrumentenvielfalt und das Können der Musiker, insbesondere den Umgang mit Dudelsäcken und Percussion. Die Band schaffte es, eine lebendige Atmosphäre zu erzeugen, die zum Tanzen und Feiern einlud. Viele seltsame Fellwesen tummelten sich kurzfristig auf der Bühne und Fotograben.

Corvus Corax, Sierra Veins Versengold und Leæther Strip © Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Die Songs der französischen Künstlerin Sierra Veins haben eine einzigartige Mischung aus elektronischer Härte und emotionaler Tiefe. Ihre Musik verbindet die rohe Energie von EBM und Industrial mit den atmosphärischen Klanglandschaften von Synthwave und der düsteren Ästhetik von Darkwave – eine Kombination, die auf Anhieb begeisterte und live eine enorme Wucht entfaltete. Ihre Singles „Gone“ und „Unbroken“ haben innerhalb kürzester Zeit Millionen von Streams generiert und durften auch auf ihrer Setlist nicht fehlen.

Versengold aus Bremen lieferten mitreißenden Folk Rock und Pagan Folk. Die von Gründungsmitglied Hoyer geschriebenen Texte erzählen oft Geschichten mit Tiefgang und vielerlei Deutungsmöglichkeiten. Sie spielten vor einer großen Backgroundleinwand, die eine Stimmung eines irischen Pubs vermittelte. Mittlerweile haben wir sie dieses Jahr in den letzten Monaten dreimal fotografiert, sie scheinen wohl omnipräsent zu sein.

Leæther Strip aus Dänemark lieferten mit ihrem harten Electro-Industrial-Sound. Das Set bestand aus alten und neuen Songs, darunter den Klassikern „Japanese Bodies“, „Don’t Tame Your Soul“ und „Body Machine Body“, die allesamt stets gern gehört und betanzt werden. Musiker und Sänger Claus Larsen lieferte eine geballte Ladung an tanzbaren Beats und düsteren Melodien.

Seit über drei Jahrzehnten arbeitet die italienische Alternative-Metal-Band Lacuna Coil aus Mailand unermüdlich an der Entwicklung von facettenreichem Metal und ihrer internationalen Karriere. Auf zehn Studioalben entwickelten die Düsterrocker um die charismatische Sängerin Cristina Scabbia mit der phantastischen Stimme einen individuellen Sound zwischen Death Metal, bedrohlichem Gothic, modernem Alternative Metal und dem gelungenen Quäntchen Pop.

Lacuna Coil, Rotersand, Blutengel © Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Rotersand, ein Musikprojekt von Sänger und Frontmann Rascal Nikov und Musiker und Texter Gunther Gerl, präsentierten teils düster-harten, teils melodisch-melancholischen EBM in einer Traumwelt aus Schatten und Licht.

Das Gothicprojekt Blutengel ist in erster Hinsicht Christian Pohl. In ihrer Musik geht es oft um Themen wie Liebe, Vampirismus, Tod und Unsterblichkeit, die sie mit einer Mischung aus männlichem und weiblichem Gesang präsentieren. Es war nicht einfach nur ein Konzertauftritt – es war eine eindringliche Reise in die Tiefen menschlicher Emotionen, Dunkelheit und Erlösung. Zwischendurch betraten 3 Nonnen die Bühne und leisteten Abbitte. Dann war es ihnen doch zu warm und sie zogen sich bis auf die Unterwäsche aus. Viele Pyro und Feuerstöße heizten den Fotograben zusätzlich auf.

Die Future-Pop- und Elektro-Band In Strict Confidence zog das Publikum schnell in ihren Bann. Von Beginn an war beste Stimmung garantiert, lange Aufwärmzeiten waren nicht vorgesehen. Das musikalische Erlebnis wurde – neben den zwei bezaubernden Damen – optisch durch auf eine Leinwand projizierte Videos aufgewertet. Den ersten Höhepunkt der Show bot ganz sicher das wunderschöne „Engelsstaub“, das vom begeisterten Publikum frenetisch bejubelt und mitgegrölt wurde. Zu „Set Me Free“ wurde eifrig mitgeklatscht. Tracks wie „Become An Angel“, „Inside“ oder „Sudorific“ trafen das Herz der Szene und erobern das dunkle Infield im Sturm.

Als Co-Headliner rockten mit Subway to Sally ebenfalls echte deutsche Musikgrößen die Festivalstage, die nicht nur Klassiker wie „Kleid aus Rosen“, „Veitstanz“, „Henkersbraut“ oder „Minne“, sondern gaben auch einige Songs ihres neuesten Albums „Post Mortem“ (unsere → Rezension) zum Besten. Gespielt wurde aber das 2005 erschienene Album „Nord Nord Ost“ in gänzlicher Länge. Zwischendurch gab es von Eric auch zu einzelnen Titeln Erklärungen, wie z.B. zu „Sieben“.

In Strict Confidence, Subway to Sally, DE/VISION, And One

Sänger Eric Fish führte gewohnt charismatisch durch das Set, ließ seine Stimme mal schmeichelnd, mal fordernd klingen. Doch ein Song, der quasi schon Tradition als Schluss der Setlist geworden ist, wurde währenddessen lautstark vom Publikum eingestimmt: das Kinderlied „Julia und die Räuber”. Gemeinsam mit ihren Fans wurden die Band und das Publikum eins.

© Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Elektronisch-melodisch und tanzbar

Beinahe jeder Synth-Pop-Fan in Deutschland und anderswo kennt den Namen DE/VISION. Jene Jungs, die sich Ende der 80er-Jahre gründeten, sich in den 90ern von diversen Jugendclubs bis hin zum Major-Plattenvertrag spielten und dabei unzählige Hits und Live-Shows hinterließen. Die Kernkompetenz von Sänger Steffen Keth und Keyboarder Thomas Adam ist es Ohrwürmer in wohlgefällige retro-romantische Synthesizer-Kleider zu stecken. Der Vergleich mit Depeche Mode drängt sich nach wie vor auf, das gilt sowohl für die Gesangsstimme als auch für die Arrangements.

Die Schwarze Musikszene hat ihre Wurzeln unter anderem in den Anfängen der elektronischen Musik in den 1980er-Jahren. Hier und da hört man das noch, zugleich ist die Kreativität aber auch nicht in der Vergangenheit stehen geblieben. Am zweiten Festivaltag stehen mit And One aus Berlin echte Veteranen der Synthiepop-Szene auf der Bühne, die den Sound der 80er-Jahre zum M’era Luna bringen. Als Bühnenbild diente die innerdeutsche Grenze mit Mauer, Warnhinweisen und Musikern in Grenzeruniformen.Die unverkennbaren Einflüsse von Legenden wie Depeche Mode sollten Genrefans voll und ganz auf ihre Kosten kommen lassen, und auch alle anderen dürfen sich auf ein abwechslungsreiches Programm mit Songs aus über 35 Jahren Bandgeschichte freuen.

Was genau das M’era Luna so besonders macht, lässt sich nicht in Worte fassen. Daher schaut euch einfach mal selber an. Die Chance dazu habt ihr 8. und 9. August. Erste Headliner stehen bereits fest: Within Temptation, OMD und In Extremo. Ausserdem dabei sind Floor Jansen, Front Line Assembly, IAMX, Combichrist, L’Âme Immortelle, Nachtmahr, KMFDM, Megaherz, Agonoize und Aesthetic Perfection.


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