Hannover, 29. Mai 2026 – Lange bevor Peter Maffay die Bühne betrat, bevor Roxette die ersten Takte von „The Look“ in den Maihimmel schickten, lag etwas in der Luft – eine Art kollektiver Vorfreude, die sich über das riesige Gelände am Messeboulevard legte wie ein warmes Licht. Rund 15.000 Menschen hatten sich auf dem weitläufigen Expo-Gelände eingefunden, ausgerüstet mit Sonnenbrillen, Bierbechern und dem unerschütterlichen Glauben daran, dass dieser Freitagabend etwas Besonderes werden würde.
Das NDR 2 Plaza Festival ist längst mehr als ein Out-Door Festival. Es ist ein Ritual. Seit Jahren bespielt es die Expo Plaza mit einem Line-up, das Generationen verbindet – und auch 2026 haben die Veranstalter von Hannover Concerts kein Rezept neu erfunden, sondern ein bewährtes mit Herzblut verfeinert: nationale Ikonen treffen auf internationale Comebacks, junge Energie trifft auf jahrzehntelange Erfahrung.
Was die Bühne versprach – und hielt
Das Programm las sich bereits auf dem Papier wie ein Best-of des deutschsprachigen und europäischen Pop: Peter Maffay als Headliner, Roxette mit neuer Sängerin, die Berliner Country-Rock-Maschine The BossHoss, das britische Phänomen Blue und Deutschlands Radiodauerbrenner ClockClock. Fünf Acts. Ein Tag. Kein Füllmaterial, kein Lückenbüßer. Das bekannte Moderatoren-Duo Elke Wiswedel und Jens Mahrhold führte durch das Live-Programm.
Die Künstler: Zwischen Nostalgie und Aufbruch
Um 14 Uhr und sonnigen 27 Grad öffneten sich die Tore und das Gelände füllte sich. Wer früh da war, fand ein freundliches Festival-Dorf mit Foodtrucks, Getränkeständen und dem entspannten Brummen einer Menge, die bereit ist. Wer mit dem ÖPNV anreiste – und das taten viele, denn das Ticket schloss die Nutzung des HVV ein –, strömte von der Stadtbahn-Haltestelle Messe/Ost direkt in dieses Summen hinein.
ClockClock – Die Mannheimer machen den Anfang
Den Auftakt machte um 15:00 Uhr die Band, die derzeit wohl am steilsten durchstartet. ClockClock aus Mannheim, mit Hits wie „Someone Else“ (Platz 1 der deutschen Charts), „Sorry“ und „Love U Again“ längst Stammgast im Radio, bewiesen auf der Plaza-Bühne, warum sie schon zwei ausverkaufte Headliner-Touren hinter sich haben. Ihr Debütalbum „Dreamers“ liefert Songs, die sich live noch einmal öffnen – breiter, lauter, echter. Die Menge war noch nicht ganz angekommen, als ClockClock schon spielten. Als sie gegangen waren, war die Menge da. Sänger Bojan „Boki“ Kalajdzic hatte sich übrigens von seinen Locken verabschiedet und coverte Bosses „Schönste Zeit“.
ClockClock © Nordevents
Blue – 25 Jahre und kein bisschen müde
Dann: Blue. Die vier Londoner feiern 2026 ihr 25-jähriges Jubiläum und haben dazu ein neues Album „Reflections“ im Gepäck. Wer dachte, die Band sei in einem nostalgischen Schaukasten konserviert, wurde eines Besseren belehrt. Mit über 16 Millionen verkauften Tonträgern und drei Nummer-1-Alben in Großbritannien besitzen Lee Ryan, Simon Webbe, Duncan James und Antony Costa eine Bühnengewissheit, die sich auf die Menge überträgt.
Blue © Nordevents
Als „All Rise“ und „One Love“ erklangen, sangen Dreißigjährige mit, die diese Songs als Teenager liebten – und Zwanzigjährige, die sie von TikTok kennen. Das ist das Geheimnis des Comebacks: Es braucht keinen Zeitgeist, wenn man selbst einer war.
The BossHoss – Sieben Cowboys und pure Energie
Wer The BossHoss live erlebt hat, weiß: Es gibt kein Mittelding. Entweder man tanzt, oder man fragt sich, warum man nicht tanzt. Die Berliner Band um die Frontmänner Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer lieferte auf der Expo Plaza das ab, was ihre Reputation verspricht: rohe Country-Rock-Power, Hits wie „Don’t Gimme That“, „Dos Bros“ und „Jolene“ – mitreißend, laut, rückhaltlos. Ihre aktuelle Tour läuft unter dem Motto „On The Road Again“, und man spürt, dass sie es so meinen. In der Hannoveraner Prärie brennt die Sonne vom Himmel, es wurde schwüler. Feuerstöße sorgten für noch mehr Hitze.
The BossHoss © Nordevents
Roxette – Das Wiedersehen, das wehtut und heilt
Dann der Moment, auf den viele am meisten und am zweideutigsten gewartet hatten: Roxette. Oder genauer gesagt: Per Gessle und Lena Philipsson. Fast ein Jahrzehnt war vergangen seit dem letzten Konzert des schwedischen Duos. Marie Fredriksson, die Stimme, die Seele, starb 2019. Dass Per Gessle weitermacht – mit einer anderen Sängerin, unter demselben Namen – ist ein Schritt, der Fragen aufwirft. Und der, wie man in Hannover an diesem Abend spürte, seine eigene Art von Antwort findet.
Roxette © Nordevents
Lena Philipsson, 59 Jahre alt, seit Jahrzehnten eine der profiliertesten Stimmen Skandinaviens, tritt nicht als Imitatorin auf. Sie imitiert nicht, sie interpretiert. Ihre Stimme hat eine dunklere Färbung, einen eigenen Ausdruck – und das Publikum ließ es zu. Als „It Must Have Been Love“ begann, war es für einen kurzen Moment still, bevor die Menge zu singen anfing. Kein Ersatz, aber ein Weiterführen. Das Vermächtnis lebt weiter, in einer anderen Stimme, aber mit derselben Traurigkeit und Schönheit.
Dass das Konzept aufgeht, hatte die Tournee bereits zuvor bewiesen: In Südafrika und Australien wurden Gessle und Philipsson laut Veranstalter frenetisch gefeiert, australische Musikjournalisten schrieben von einem der besten Live-Erlebnisse des Jahres. In Deutschland – bei der Deutschlandpremiere auf dem Münchner Tollwood-Festival im Sommer 2025 – sangen 6.000 Menschen in einer ausverkauften Arena mit. Und in der Barclays Arena Hamburg, wo Per Gessle zur Begrüßung lachend ins Mikrofon sagte, es sei „eine Weile her“ – auch dort ließ die Menge ihn nicht im Stich. Der Himmel zog sich immer mehr zu. Leider musste ihr Act nach etwa einer halben Stunde wegen Unwetterwarnung abgebrochen werden.
Peter Maffay – Der Herzensort Hannover
Alle Zuschauer wurden in die angrenzende ZAG Arena evakuiert, dort spielte Peter Maffay einen kleinen Akustik-Gig. Nach einer Stunde ergiebigem Gewitterregen trat Peter Maffay zum Abschluss des Abends als Headliner auf der Festivalbühne auf. Deutschlands Rockstar, der sich aus den großen Arena-Tourneen zurückgezogen hat und nur noch spielt, wenn es sich richtig anfühlt. Die Expo Plaza in Hannover, zuletzt 2024 von ihm bespielt, gehörte in diesem Sommer offenbar dazu.
Peter Maffay © Nordevents
Knapp zwei Wochen zuvor hatte Maffay die Freilichtbühne am Kalkberg in Bad Segeberg bespielt – an zwei Abenden, jeweils 9.500 Fans, beide Konzerte nach wenigen Minuten ausverkauft. Wer die Berichte von dort liest, findet dieselben Worte: Emotionen, Gänsehaut, Authentizität. „Du“, das Karat-Cover „Über sieben Brücken musst du geh’n“, „Josie“ – Lieder, die sich nach mehr als fünf Jahrzehnten Bühnengeschichte nicht wie Legende anfühlen, sondern wie Gegenwart. Gut zwei Stunden zog er durch.
In Hannover war es nicht anders. Mit klaren Lichtdesigns, großer LED-Fläche im Background und dem schlichten Vertrauen auf seine rau-warme Stimme verwandelte Maffay das Open-Air in etwas Intimes. Große Hallen können das kaum – unter freiem Himmel, mit 15.000 Menschen um sich herum, ist es manchmal möglich. Als Überraschungsgast performte Johannes Oerding mit Maffay den Song „Über sieben Brücken musst du gehen“.
Fazit: Ein Festival, das trägt
Was bleibt vom NDR 2 Plaza Festival 2026? Die Erkenntnis, dass Popmusik – wenn sie gut gemacht ist – Zeit überwindet, ohne sie zu leugnen. ClockClock stehen für das Jetzt. Blue für die Mitte der 90er und eine lebendige Gegenwart. The BossHoss für die ewige Energie des Rock’n’Roll. Roxette für ein Erbe, das weitergetragen werden will, und einen Mann, der den Mut hatte, es zu tun. Und Peter Maffay für das, was bleibt, wenn alles gesagt und gespielt ist: ein Lied, das man nicht vergisst.
„Und es war Sommer“, sang Maffay vor einem besonders kitschigen Regenbogen auf der großen LED-Leinwand. Der Regen hörte auf, das Expo-Gelände leerte sich am Ende langsam, die Stadtbahn füllte sich, der Abend war nach dem Gewitterregen abgekühlt. Aber die Wärme dieses Freitags blieb. So ist das mit Herzensorten. Das nächste NDR2 Plaza Festival soll am 04. Juni 2027 stattfinden.




































































































































































































































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