Rock am Beckenrand 2026: Ein grandioser Abschied nach fast 20 Jahren

Christian Deike

Wofshagen – „End of the Party“ stand in diesem Jahr über dem Rock am Beckenrand. Und trotzdem wollte in Wolfshagen niemand wirklich Abschied nehmen. Mehr als 3.000 Besucherinnen und Besucher kamen am letzten Augustwochenende 2026 in den Harz, um das Punkrock-Festival ein letztes Mal zu feiern. Nach fast 20 Jahren Festivalgeschichte wurde aus dem Abschied eine der größten Partys, die das Beckenrand-Freibad je erlebt hat.

Was im Sommer 2007 im beschaulichen Wolfshagen begann, fand nun sein vorerst letztes Kapitel. Auf drei Bühnen trafen alte Bekannte auf neue Acts. Mit dabei waren unter anderem Montreal, die Awesome Scampis, Liedfett, Royal Republic, Swiss und die Andern sowie The Butcher Sister, kurz TBS.

Warm-up am Donnerstag: Die ersten Zelte stehen

Bereits beim obligatorischen Warm-up am Donnerstagabend war klar: Dieses Wochenende würde voll werden.

Viele Festivalfans reisten bewusst einen Tag früher in den Harz, um auch die letzte Runde Rock am Beckenrand in vollen Zügen mitzunehmen. Für den musikalischen Einstieg sorgten Butterwegge, Raum27 sowie Mr. Hurley und die Pulveraffen. Die ersten Festivalbiere wurden geöffnet, die ersten Gespräche geführt und die Vorfreude auf das Abschiedswochenende war überall spürbar.

Bilder vom Freitag © Nordevents

Freitag: Drei Bühnen, ein Becken und jede Menge Energie

Der Freitag begann für viele Camperinnen und Camper traditionell sportlich. Beim Bier-Yoga oder bei der Aqua-Fitness wurde versucht, die Nachwirkungen des Vorabends loszuwerden. Viel Zeit zum Erholen blieb allerdings nicht, denn schon bald startete das musikalische Programm auf den drei Bühnen.

Auf der Poolstage eröffneten Dorfterror den Festivaltag und brachten das Wasser bereits am Vormittag auf Betriebstemperatur. Danach folgten NIKRA, die Richie Miller House Band und Fokus. Am Beckenrand wurde damit früh deutlich, wohin die Reise an diesem Wochenende gehen würde: ins Wasser, in den Staub und mitten hinein in die Party.

Auf der Mainstage eröffneten Montreal den Freitag. Die drei Hamburger Sebastian, Yonas und Max sind längst keine Unbekannten mehr in Wolfshagen. Kaum standen sie auf der Bühne, füllte sich auch das Infield. Eine knappe Stunde hatten sie Zeit, das Publikum auf Temperatur zu bringen. Das gelang offensichtlich bestens.

Kurz vor 15 Uhr übernahmen OK.DANKE.TSCHÜSS. Die Band ist bekannt für ihre gute Laune und eine Energie, die sich schnell auf das Publikum überträgt. Vor der Bühne wurde getanzt, gesprungen und ordentlich Staub aufgewirbelt.

Auch der weitere Nachmittag blieb hochkarätig. Blackout Problems, deren Frontmann nicht nur auf, sondern auch abseits der Bühne das Festivalgelände eroberte, sorgten für Stimmung. Drei Meter Feldweg und Dritte Wahl bewiesen anschließend, dass langjährige Bühnenerfahrung keineswegs auf Kosten der Energie gehen muss. Beide Bands konnten auf eine große und treue Fangemeinde zählen.

Selbst ein kurzer Platzregen konnte die Stimmung nicht bremsen.

Bilder vom Freitag © Nordevents

Royal Republic: Vollgas aus Malmö

Am Abend wurde es international. Royal Republic aus Schweden übernahmen die Mainstage und knüpften damit an ihren Auftritt von 2023 an. Schon damals hatten die Jungs aus Malmö das Beckenrand-Publikum begeistert. 2026 legten sie noch einmal nach.

Von der ersten Sekunde an gab die Band Vollgas. Das Publikum zog mit. Eineinhalb Stunden lang bestimmten Licht, Nebel, Bengalos und jede Menge Energie das Geschehen vor der Bühne. Royal Republic zeigten eindrucksvoll, wie man eine Festivalbühne in eine Partyzone verwandelt.

Doch an Durchatmen war noch lange nicht zu denken. Nach einer kurzen Umbaupause und einer kleinen Verzögerung stürmten um 22:45 Uhr Swiss und die Andern die Mainstage. Auch zu später Stunde zeigte das Publikum keinerlei Ermüdungserscheinungen. Swiss machte noch einmal richtig Druck und schickte das Festival mit Vollgas in die Nacht.

Der Tenor unter den Besucherinnen und Besuchern war eindeutig: Was für ein erster Festivaltag!

Bilder vom Samstag © Nordevents

Samstag: End of The Party, aber keine Spur von Abschiedsstimmung

Beim Betreten des Infields fiel sofort eine Veränderung ins Auge. Die Banner an der Mainstage waren ausgetauscht worden. Rechts und links der Bühne prangte nun unübersehbar das Motto:

END OF THE PARTY

Ein Satz, der durchaus traurig hätte wirken können. Doch die meisten wollten an diesem Samstag nicht trauern. Sie wollten feiern. Und zwar so, wie es sich für das letzte Rock am Beckenrand gehört.

Auf der Poolstage machten SKABOUM, HIMITZU und TYNA den Anfang. Dann kam der Auftritt, auf den viele bereits gewartet hatten: die Awesome Scampis. Seit 2017 gehören die Scampis zum festen Inventar des Wölfi-Freibads. Auch bei ihrem letzten Auftritt wollten sie keine halben Sachen machen. Ihr Ziel: den Pool in ein tosendes Meer verwandeln. Das gelang.

Eine Stunde lang herrschte im und rund um das Becken Ausnahmezustand. Wer sich in der Nähe des Pools aufhielt, musste nicht einmal selbst ins Wasser springen, um komplett durchnässt zu werden. Innerhalb kürzester Zeit war das Publikum nass bis auf die Haut. Glücklich war, wer eine zweite Garnitur Kleidung dabeihatte.

Eine Stunde Spaß. Noch mehr Spaß. Und ganz viel Liebe. Viel besser lässt sich der Auftritt der Awesome Scampis wohl kaum zusammenfassen.

Bilder vom Samstag © Nordevents

Alte Bekannte auf der Mainstage

Während am Pool die Wasserschlacht tobte, ging es auf der großen Bühne musikalisch weiter. Engst, Alex Mofa Gang und Liedfett gestalteten den Samstagnachmittag.

Alle drei Bands waren bereits mehrfach in Wolfshagen zu Gast und damit bestens mit der besonderen Atmosphäre des Festivals vertraut. Liedfett, neben den Awesome Scampis längst Teil der Beckenrand-Stammbesetzung, sorgten schließlich für den musikalischen Abschluss des Nachmittags.

Am Abend übernahm Paula Carolina. Die Sängerin aus Hannover feierte gemeinsam mit ihrer Band Premiere am Beckenrand und nutzte ihre Stunde auf der Bühne, um sich nachhaltig in die Festivalgeschichte einzuschreiben. Doch der eigentliche Wahnsinn sollte erst noch folgen.

TBS: Fünf Männer, viel Nebel und völlige Eskalation

21:30 Uhr. Die Mainstage verschwand in dichtem Nebel. Fünf Männer in weißen Sportklamotten betraten die Bühne. Sie waren extra aus Mannheim angereist, um wenigstens ein einziges Mal Teil von Rock am Beckenrand zu sein. The Butcher Sister, kurz TBS, standen in Formation.

Dann ging das Licht aus. „Okay, das war TBS, danke schön!“ Licht wieder an. Bühne leer. Ein kurzer Moment der Verwirrung.„Okay, Spaß!“ Und dann ging die Party erst richtig los.

TBS bewegen sich musikalisch irgendwo zwischen Metal, Hardcore und Deutschrap. Dazwischen tauchen Einflüsse auf, die man vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte. Die Texte reichen von sinnfrei bis komplett absurd. Die Bühnenshow dagegen ist alles andere als zurückhaltend: Nebel, Licht, Bewegung und fünf Musiker, die offensichtlich selbst den größten Spaß an ihrer eigenen Show haben. Das Publikum ging komplett mit.

Der aufkommende Regen hatte an diesem Abend kaum eine Chance. Wer vor der Bühne stand, war ohnehin bereits in einer eigenen Welt angekommen. TBS wurden gefeiert, als gäbe es kein Morgen.

Das allerletzte Mal

Doch irgendwann kommt selbst die längste Party an ihren letzten Punkt. Nach fast 20 Jahren Rock am Beckenrand stand die allerletzte Band der Festivalgeschichte bereit. Diese Ehre fiel dem Lumpenpack zu. Die deutsche Band ist bekannt für humorvolle Texte, gesellschaftliche Themen und politische Statements. Auch Das Lumpenpack war bereits in Wolfshagen zu Gast und wusste daher genau, welche Bedeutung dieser Abend für das Festival und seine Fans hatte.

Dass die Band den letzten Slot des Rock am Beckenrand übernehmen durfte, war entsprechend mehr als nur ein weiterer Auftritt. Es war ein Abschied. Und Das Lumpenpack fand die passenden Worte und Töne, um diesen Abschied gemeinsam mit dem Publikum zu feiern.

Eine letzte Nacht für die Rock-am-Beckenrand-Familie

Auch die Veranstalter verabschiedeten sich so, wie man es von Rock am Beckenrand erwarten durfte: nicht leise und schon gar nicht langweilig.

Stage Diving, Poolparty, Freibier und eine lange letzte Nacht gehörten zum Abschiedsprogramm. Das Festivalgelände wurde noch einmal zu dem Ort, der es über fast zwei Jahrzehnte gewesen war: Treffpunkt, Konzertarena, Freibad, Campingplatz und vor allem ein Zuhause für eine ganz besondere Festivalgemeinschaft.

Mehr als 3.000 Menschen feierten in Wolfshagen nicht einfach ein Festival. Sie feierten ihre gemeinsame Geschichte. Rock am Beckenrand begann 2007 als Festival im Harz und entwickelte sich über die Jahre zu einer festen Größe für Punkrock-Fans weit über die Region hinaus. 2026 sollte nun eigentlich Schluss sein.

„End of Party“ stand auf den Bannern

Aber wenn man am letzten Wochenende im August in Wolfshagen dabei war, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine solche Geschichte vielleicht doch nie ganz zu Ende geht. Denn Festivals können Bühnen abbauen. Zelte können verschwinden. Das letzte Bier kann irgendwann getrunken sein. Aber eine Festivalfamilie, die fast 20 Jahre gemeinsam gefeiert, getanzt, gesungen und im Wölfi-Freibad völlig durchnässt wurde, nimmt ihre Geschichte mit.

Rock am Beckenrand 2026 war kein trauriger Abschied. Es war eine letzte, große Feier. Laut, nass, staubig, herzlich und völlig eskaliert. Genau so, wie es sich gehört.

Danke für fast 20 Jahre Rock am Beckenrand.


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