Blutroter Abriss im Gulfhaus Vechta – Blood White entfesseln ein Metal-Gewitter

Christian Habeck

Vechta, 05.12.2025 – Schon früh am gestrigen Abend lag Spannung in der Luft rund um das Gulfhaus in Vechta. Pünktlich um 19:00 Uhr öffneten sich die Türen für ein Konzertpaket, das Modern Metal, Progressive Elemente und gnadenlosen Groove versprach – und dieses Versprechen später eindrucksvoll einlösen sollte. Vor dem Eingang hatte sich bereits eine kleine, aber neugierige Schlange gebildet, während im Inneren der Club-typische Duft aus Bier, Technik und Vorfreude in der Luft hing. Unübersehbar: der gemeinsame Merchstand aller drei Bands, der bereits kurz nach Einlass regen Zulauf verzeichnete. Passend zum auffälligen Erscheinungsbild von Blood White waren viele Fans konsequent in Rot, Weiß oder in blutgetränkter Ästhetik gekleidet – selbst die Dame hinter dem Merchstand fügte sich optisch nahtlos ins Gesamtbild ein.

Um 20:00 Uhr fiel dann der Startschuss für die erste Supportband des Abends: Baratron aus Oldenburg. Die noch junge Formation, die erst 2024 gegründet wurde, bewies vom ersten Ton an, dass sie gekommen war, um Eindruck zu hinterlassen. Mit ihrer Mischung aus Metalcore, Groove Metal, Thrash und melodischen Elementen schoben sich die fünf Musiker mit gewaltiger Energie in den bis dahin gut gefüllten Saal. Harte Riffs, präzise Breakdowns und ein treibendes Schlagzeug sorgten schon nach wenigen Minuten für Bewegung im Publikum.

Baratron © Nordevents

Es dauerte nicht lange, bis sich der erste Moshpit des Abends öffnete – ein deutliches Zeichen dafür, dass Baratron auch vor einer fremden Crowd sofort zünden können. Vor allem die körperliche Präsenz von Sänger Kjell Erik Ihlo sowie das perfekt verzahnte Zusammenspiel der beiden Gitarren sorgten für nachhaltigen Eindruck. Nach gut 30 intensiven Minuten verabschiedete sich die Band unter verdientem Applaus, während man im Publikum bereits spüren konnte: Dieser Abend hatte gerade erst begonnen.

Nach einer kurzen Umbaupause betrat mit Leaving The Orbit die zweite Supportband die Bühne. Die Progressive-Metal-Formation aus Hannover brachte unmittelbar eine andere, atmosphärischere Note in den Abend. Ihr Sound, geprägt von komplexen Songstrukturen, melancholischen Passagen und kraftvollen Ausbrüchen, bildete einen spannenden Kontrast zur rohen Aggression des Openers. Gerade diese Mischung aus Schwere und emotionaler Tiefe fand im Gulfhaus schnell ihren Platz. Die Band schaffte es, den Raum in dichte Klangwelten zu tauchen, ohne dabei an Durchschlagskraft zu verlieren. Wechsel zwischen ruhigen, fast schwebenden Momenten und explosiven Ausbrüchen hielten die Aufmerksamkeit konstant hoch. Leaving The Orbit nutzten ihren Slot, um ihr musikalisches Profil klar zu zeichnen – und überzeugten damit sowohl Progressive-Fans als auch das kernige Metal-Publikum.

Bemerkenswert war an diesem Abend auch die Hingabe der Zuschauer: Einige Fans hatten, wie später zu hören war, Anreisen von bis zu acht Stunden auf sich genommen, um Blood White live zu erleben. Trotz der Tatsache, dass das Gulfhaus nicht restlos ausverkauft war, präsentierte sich der Club bereits vor dem Headliner angenehm voll – und vor allem erstaunlich leidenschaftlich. Es war spürbar, dass hier nicht einfach ein Pflichttermin, sondern ein echtes Szene-Event stattfand.

Blood White übernehmen die totale Kontrolle

© Nordevents

Gegen 22:00 Uhr wurde das Licht im Saal gedimmt, Nebelschwaden krochen über die Bühne – und dann war es endlich so weit: Blood White betraten die Bühne und übernahmen mit einem Schlag die totale Kontrolle über Raum, Licht und Publikum. Die erst 2022 gegründete Band, die längst als einer der spannendsten Newcomer im deutschsprachigen Modern Metal gehandelt wird, ließ vom ersten Moment an keinen Zweifel an ihrer Live-Stärke. Das charakteristische rot-weiße Erscheinungsbild, die blutgesprenkelten Arztkittel, die Masken und das düster-sterile Bühnenbild erschufen sofort eine beklemmend-intense Atmosphäre.

Musikalisch lieferten Blood White exakt das ab, was man von ihnen erwartet – und noch mehr: harte Riffs, brutale Grooves, massive Breakdowns und eingängige Refrains, die direkt in die Nacken fuhren. Frontmann Dr. Zeroüberzeugte mit dominanter Bühnenpräsenz und kraftvollem Gesang, während die Gitarren von Mr. BoneSaw und DC Spark wie rotierende Sägeblätter durch den Sound schnitten. Die Rhythmussektion um Bassist Gas Gee und Drummer Luke Y-Cut hielt das Konstrukt brutal tight zusammen und verlieh den Songs ihre zwingende Wucht.

Die Setlist, die einen breiten Querschnitt durch das Debütalbum From Hell abbildete, sorgte für dauerhaft hohe Intensität. Titel wie „Don’t Blame Me“, „Unholy Water“, „Closer To The Sky“, „Run Or Die“, „Guns & Fear“ und das druckvolle „Bloodified“ setzten immer wieder neue Höhepunkte. Besonders in den schnelleren Passagen kochte der Saal förmlich über: Fäuste schossen in die Höhe, der Moshpit rotierte unermüdlich, und die Energie zwischen Band und Publikum erreichte mehrfach den Siedepunkt. Trotz der Härte verloren Blood White nie die Kontrolle über das Geschehen – im Gegenteil: Jede Bewegung, jeder Breakdown wirkte präzise inszeniert, ohne steril zu erscheinen.

Was Blood White besonders auszeichnet, ist die Verbindung aus moderner Metal-Härte und echtem Show-Charakter. Hier steht nicht nur Musik auf der Bühne – hier wird ein Gesamtkunstwerk präsentiert. Die optische Umsetzung, die Individualität der Masken, das Spiel mit Licht und Schatten sowie die durchdachte Dynamik im Set erzeugten eine fast cineastische Wirkung, die Erinnerungen an große Namesn des Genres wachrief, ohne dabei die eigene Handschrift zu verlieren. Gerade diese Mischung aus Konzept, Spielfreude und kompromissloser Wucht machte den Auftritt zu einem echten Erlebnis.

Nach etwas mehr als einer Stunde schweißtreibender Metal-Intensität verabschiedeten sich Blood White unter tosendem Applaus und sichtbar erschöpft – sowohl auf als auch vor der Bühne. Zurück blieb ein zufriedenes, begeistert wirkendes Publikum, das diesen Abend sichtlich noch nicht verlassen wollte.

Vom ersten Riff bis zum letzten Breakdown: ein voller Erfolg

Der gestrige Konzertabend im Gulfhaus Vechta war ein voller Erfolg auf allen Ebenen. Baratron überzeugten als energiegeladener Opener mit starkem Groove, Leaving The Orbit setzten atmosphärische Akzente mit progressiver Tiefe – und Blood White lieferten schließlich genau das, was man sich von einem modernen Metal-Headliner wünscht: Druck, Show, Präzision und Leidenschaft. Auch wenn der Saal nicht vollständig ausverkauft war, war die Stimmung erstklassig, die Resonanz ehrlich und die Hingabe des Publikums überwältigend. Ein Abend, der noch lange nachhallt – und der Blood White einmal mehr als ernstzunehmenden Newcomer mit großem Potenzial bestätigt.


Weitere Konzertbeiträge
Schon geteilt?