Bremen, 24.07.2026 – Die Kesselhalle im Kulturzentrum Schlachthof fasst gut 1.000 Menschen. Am Freitagabend war davon kein einziger Platz mehr frei. Pünktlich um 20:00 Uhr betrat Asaf Avidan ohne Support die Bühne, um dem Bremer Publikum volle zwei Stunden lang genau das zu geben, wofür man ihn schätzt: musikalische Exzellenz, ehrliche Emotionen und eine unverwechselbare Stimme.
Die Besetzung der UNFURL-Tour:
- Ofer Levy – Schlagzeug
- Asaf Avidan – Gesang, Gitarre
- Toki Stern – Piano
- Maayan Linik – Keyboards, Gitarre
- Julia Laborde – Bass
Asaf Avidan © Nordevents
Nach seinen intimren Solo- und Akustikkonzerten der jüngeren Vergangenheit ist dies die erste Tour seit Langem, auf der Avidan wieder von einer vollständigen Band begleitet wird. Der Anlass: sein fünftes Soloalbum „Unfurl“, das im Oktober 2025 erschien und im Studio ursprünglich mit einem 40-köpfigen Orchester eingespielt wurde. Auf der Bühne in Bremen blieb davon naturgemäß eine komprimierte Fassung übrig – doch der charmante Cabaret- und Vaudeville-Einschlag des Albums war sowohl in den Arrangements als auch in der Lichtregie omnipräsent.
Purismus trifft auf cineastische Dramatik
Der 1980 in Jerusalem geborene Künstlers hat sich über die Jahre einen exzellenten Ruf als Live-Purist erarbeitet. Laptops, Auto-Tune oder Playbacks sucht man bei seinen Shows vergebens. Die New York Times beschrieb ihn einst treffend als einen Künstler, der schreibt wie Leonard Cohen, singt wie Robert Plant und das Charisma eines Cabaret-Tänzers besitzt. In der Kesselhalle war exakt diese Mixtur aus literarischer Tiefe und körperlicher Bühnenpräsenz greifbar.
„Unfurl” entstand nach eigenen Angaben aus einer schweren Schreibblockade, geprägt von Albträumen und Panikattacken. Den rettenden Impuls lieferte schließlich ein Filmabend mit Alfred Hitchcocks Vertigo: Die dramatischen Orchesterklänge des Komponisten Bernard Herrmann inspirierten Avidan zu einem neuen Sound irgendwo zwischen Vaudeville, Jazz, Soul und Cabaret.
18 Songs ohne großes Tamtam
Nach einem kurzen Radio-Intro eröffnete die Band den Reigen mit “Call of the Flow“. Es folgte eine dramaturgisch dicht gewebte Setlist aus 18 Stücken – darunter Fan-Favorites wie „I Don’t Know When“, „Rock of Lazarus” und „Different Pulses“. Avidan verzichtete weitgehend auf lange Ansagen und ließ schlicht die Musik für sich sprechen.
Spannend dabei: Der Song, der ihn einst schlagartig berühmt machte – („Reckoning”) bzw. der legendäre Wankelmut-Remix „One Day“ – wurde nicht etwa als großer Show-Höhepunkt inszeniert, sondern reihte sich ganz unaufgeregt als Position mitten im Set ein. Ein typischer Avidan-Schachzug, der zeigt, dass hier ein Künstler steht, der sich nicht über alte Erfolgsrezepte definiert. Gleiches galt für „Haunted“, die Vorabsingle des aktuellen Albums.
Magische Momente und rotes Licht
Was den Abend so besonders machte, war die sichtbare Chemie auf der Bühne. Immer wieder wurden Blicke ausgetauscht und miteinander gelächelt – allen voran zwischen Avidan und Bassistin Julia Laborde. Das wirkte nie wie eine choreografierte Routine, sondern wie die vertraute Dynamik einer gut eingespielten Band.
Auch das Lichtdesign setzte starke Akzente: Mal fläzte sich Avidan mit einem Glas Whiskey in einen Sessel, während die Bühne in ein verruchtes, rotes Licht getaucht wurde. Nur Momente später stand er isoliert in einem einzelnen Scheinwerferkegel und sang sich mit purer Hingabe die Seele aus dem Leib. Exakt dieses Wechselspiel zwischen glanzvoller Nummernrevue und intimer Songwriter-Innehalten macht die Faszination seiner aktuellen Tour aus.
Zugabe bis kurz nach zehn
Um 21:30 Uhr endete das reguläre Set, doch das Bremer Publikum dachte gar nicht daran, den Abend schon zu beenden. Unter lang anhaltendem Applaus kehrte die Band noch einmal zurück und verabschiedete sich nach einer weiteren kurzen Radio-Interlude mit „Unfurling Dreams” und „Weaver’s Song“. Um kurz nach 22:00 Uhr gingen schließlich die Lichter an.
Fazit: Ein ausverkaufter Saal, eine fantastische Band und ein Frontmann, der zwischen Whiskeyglas und Scheinwerferkegel keine Sekunde an Intensität einbüßte. Mehr braucht es nicht für einen perfekten Konzertabend!



























