ELLENDE – Zerfall Tour im LOGO Hamburg

Christian Habeck

Hamburg, 06.01.2026 – Der Musik-Club Logo verwandelte sich am Dienstagabend einmal mehr in das, was er seit Jahren zuverlässig ist: eine drückend enge, schweißtreibende, aber atmosphärisch nahezu perfekte Kulisse für intensiven Extreme Metal. Knapp 450 Besucher sorgten für eine nahezu ausverkaufte Hütte, die trotz der bekannten „Sauna-Qualitäten“ des Clubs überraschend gut zu ertragen war. Das Publikum bestand größtenteils aus eingefleischten Black-Metal-Fans, viele davon klassisch geschminkt, konzentriert, aufmerksam und bereit, sich auf einen emotional fordernden Abend einzulassen.

Firtan © Nordevents

Firtan – konzentrierter Einstieg mit Tiefgang

Pünktlich um 19:30 Uhr eröffneten Firtan den Abend und machten von Beginn an deutlich, warum sie längst mehr sind als nur ein Anheizer. In rund 45 Minuten präsentierte die Band einen dichten, atmosphärischen Set, der sich stilistisch zwischen Post Black Metal, melodischer Härte und klarer emotionaler Handschrift bewegte.

Stücke wie „Okeanos„, „Amor Fati“ oder „Sehnsucht“ entfalteten ihre Wirkung vor allem durch lange Spannungsbögen, kontrollierte Dynamik und eine fast schon meditative Grundstimmung, die immer wieder von harschen Ausbrüchen durchbrochen wurde. Firtan spielten sich nicht in den Vordergrund, sondern ließen ihre Songs wirken – ein Ansatz, der beim Publikum sichtbar Anklang fand. Der Auftritt wirkte fokussiert, souverän und stimmig, ohne Effekthascherei, aber mit klarer Aussage.

Um 20:15 Uhr endete das Set, der Umbau erfolgte routiniert und zügig.

KARG – rohe Emotion ohne Sicherheitsnetz

Um 20:30 Uhr betraten KARG die Bühne und verdichteten die emotionale Schwere des Abends spürbar. Die Band um Michael „J.J.“ Kogler steht seit Jahren für einen besonders schonungslosen, persönlichen Zugang zum Post Black Metal – und genau das transportierte sich auch im Hamburger Logo.

Ohne offizielle Setlist, aber mit klarer Dramaturgie, präsentierten KARG ein intensives, emotional aufgeladenes Set. Die Songs lebten von ihren extremen Kontrasten: rasende Blastbeats, verzweifelte Screams und plötzlich fragile, fast zerbrechliche Passagen wechselten sich in kurzen Abständen ab. Koglers Gesang wirkte dabei wie ein offener innerer Monolog – roh, ungefiltert und kompromisslos ehrlich.

Das Publikum reagierte ruhig, aufmerksam und spürbar involviert. Kein unnötiger Jubel, keine Ablenkung – stattdessen konzentriertes Zuhören und kollektives Eintauchen in die emotionale Tiefe der Musik. Nach etwa 45 Minuten endete das Set um 21:15 Uhr und hinterließ einen Raum voller Spannung und innerer Unruhe.

ELLENDE – Zerfall als Ritual und Katharsis

Ellende © Nordevents

Nach einer weiteren kurzen Umbaupause begann um 21:30 Uhr der Auftritt des Hauptacts: ELLENDE. Die Band um Lukas Gosch zählt seit Jahren zu den prägendsten Namen des melancholischen, deutschsprachigen Atmospheric Black Metal und präsentierte sich auf der Zerfall Tour in bestechender Form.

Die Setlist (siehe Screenshot) setzte einen klaren Schwerpunkt auf das aktuelle Album „Zerfall“ und machte dessen thematische Tiefe auch live eindrucksvoll erfahrbar. Bereits die eröffnenden Stücke spannten einen Bogen zwischen leisen Dissonanzen und eruptiver Wucht. Besonders die beiden Teile von „Wahrheit“ erwiesen sich als emotionale Fixpunkte des Sets: lange Spannungsaufbauten, stoische Drums, flirrende Gitarren und eine sich stetig verdichtende Atmosphäre, die Hoffnung und Verzweiflung gleichzeitig transportierte.

Auch Zeitenwende entfaltete live seine volle Wirkung. Der Song spielte gekonnt mit falscher Sicherheit, wechselte zwischen majestätischer Aggression und zurückgenommenen Passagen und steigerte sich zu einem eindrucksvollen Finale. Dazwischen sorgten ruhigere, fast entrückte Momente für Luft zum Atmen, bevor die nächste emotionale Welle anrollte.

Lukas Gosch zeigte sich auf der Bühne hochgradig präsent und theatralisch, ohne je ins Überzeichnete abzurutschen. Rastlos bewegte er sich über die Bühne, interagierte intensiv mit dem Publikum, legte sich das Mikrofonkabel um den Hals und wirkte dabei wie ein Gefangener der eigenen Emotionen. Gleichzeitig bedankte er sich mehrfach mit ruhiger, fester Stimme bei den Anwesenden – ein starker Kontrast zur inneren Zerrissenheit der Songs.

ELLENDE schafften es einmal mehr, Post Black Metal nicht als durchgehenden Angriff zu inszenieren, sondern als dynamische Reise. Ausufernde Arrangements, filigrane Details und bewusst gesetzte Brüche sorgten dafür, dass sich die Musik ständig weiterentwickelte, ohne ihre emotionale Grundschwere zu verlieren.

Die Zerfall-Tour machte im Hamburger Logo eindrucksvoll Halt und überzeugte durch ein nahezu perfektes Billing. Firtan eröffneten fokussiert und atmosphärisch, KARG intensivierten die emotionale Schwere, und ELLENDE setzten mit ihrem ritualhaften, tief berührenden Auftritt den konsequenten Schlusspunkt.

Alle drei Bands präsentierten aktuelles Material auf hohem Niveau und machten deutlich, wie lebendig, vielschichtig und relevant der moderne Post- und Atmospheric Black Metal derzeit ist. Bleibt am Ende nur ein Gedanke, der im Publikum mehrfach zu hören war: Von allen dreien hätte man gern noch ein wenig mehr gehabt.


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