Ein Abend im Zeichen von zehn Jahren Punkrock

Christian Habeck

Bremen, 14.04.2026 – Das Modernes in Bremen ist an diesem Freitagabend früh gefüllt. Einlass um 18:00 Uhr, und wer pünktlich kommt, erlebt noch den kompletten Auftritt von Stakeout – der Support-Band des Abends, die mit 14 Songs gut eine Stunde auf der Bühne steht und sich diese Zeit redlich verdient.

Stakeout spielen druckvollen, geradlinigen Punkrock, der keinen langen Anlauf braucht. Die Band kommt ohne große Gesten aus – sie lassen die Songs sprechen, und die sprechen deutlich. „Postum Mächtig angepisst sein ist schlecht“ setzt den Ton: direkt, kantig, ohne Umwege. „Mein Sofa gegen das System“ und „Girlfriend“ bestätigen den Eindruck einer Band, die weiß, was sie will und das ohne Umwege herüberbringt. Auch „Es geschah in Extase“ gehört zu den Momenten, die im Gedächtnis bleiben. Das Publikum nimmt die Band gut auf, die Stimmung im Saal wächst mit jedem Song, und als Stakeout die Bühne räumen, ist das Modernes bereits in einem anderen Aggregatzustand als zu Beginn.

Stakeout © Nordevents

Nach einem kurzen Umbau übernehmen Engst. Und von der ersten Sekunde an ist klar: Das hier ist kein normaler Abend. Es ist ein Jubiläum. Zehn Jahre Engst, zehn Jahre deutschsprachiger Punkrock, der sich nie mit einfachen Antworten zufriedengegeben hat. Eine Band, die beobachtet, den Alltag seziert und daraus Musik macht, die nicht nur laut ist, sondern auch etwas zu sagen hat.

Engst © Nordevents

Das Intro läuft, bevor die Band die Bühne betritt – und als es losbricht, geht es sofort zur Sache. „Auf die nächsten Zehn“ als Einstieg ist eine Ansage. Kein Abtasten, kein Warmlaufen. Die Band feiert sich, aber ohne Selbstbeweihräucherung. Es ist mehr ein Versprechen an das Publikum als ein Rückblick auf sich selbst.

Wieder Da“ und „Nie Wieder Alkohol“ befeuern die vorderen Reihen früh, und spätestens bei „Schöne Neue Welt“ ist das Modernes das, was es an guten Abenden sein kann: laut, eng, kollektiv. Frontmann Matze hält sich nicht hinter der Bühne auf. Er ist mittendrin, performt Texte hautnah, sucht den Kontakt. Mehrfach geht er ins Publikum, singt mit den Leuten, nicht vor ihnen. Das ist keine Show-Geste – das ist Haltung.

„Mein Problem“ und „Drei Uhr Nachts“ gehören zu den Momenten, in denen der Raum nicht tanzt, sondern mitsingt. Engst-Texte funktionieren so: Sie sind konkret genug, um zu treffen, und offen genug, um sich selbst darin zu finden. „Sag Mir Warum“ und „Ist Mir Egal“ ziehen das Tempo wieder an, bevor „Blumen“ kurz Luft lässt – um sie einem sofort wieder zu nehmen.

„König“ und „Therapie“ stehen nebeneinander auf der Setlist und passen besser zusammen als man zuerst denkt. Das eine handelt von Haltung, das andere von Offenheit. Engst sprechen offen über mentale Gesundheit, über Phasen des Stillstands, über Therapie als das, was es ist: keine Schwäche, sondern ein Werkzeug. Dass Therapie live so funktioniert, dass der Saal still wird und dann mitsingt, sagt viel über das Vertrauensverhältnis zwischen Band und Publikum aus. Es ist einer der stillen Höhepunkte des Abends.

„Magen Darm“ bringt wieder Bewegung in die Halle, „Alle Wollen Alles“ – einer der neuen Tracks vom Album „Gute Laune“, das erst seit wenigen Wochen draußen ist – trifft sofort, als käme er von der letzten Tour und nicht von einer frischen Platte. Bassist Chris tut sein Übriges: Er animiert das Publikum zu synchronem Hüpfen, und das Publikum braucht keine lange Überzeugungsarbeit.

Denker & Dichter„, „Eskalieren“, „Hymne der Verlierer“ „– die Setlist zieht weiter, ohne zu pausieren. „Geschichte Schreiben“ und „Wir Werden Alle Sterben“ sind zwei Songs, die thematisch schwer klingen, live aber das Gegenteil bewirken: Sie verbinden. Weil sie benennen, was viele denken, aber nicht aussprechen.

„Herr Meier“ und „Fremdes Elend“ sind politisch, direkt und ohne Hintertür. Das Publikum nimmt sie nicht als Parolen, sondern als das, was sie sind – Beobachtungen, die zu nah an der Realität liegen, um sie wegzulachen. Aber weglachen tut hier niemand. Der Saal singt mit, und das mit einer Überzeugung, die man nicht erzwingen kann.

„Optimisten“ und „Ich Steh Wieder Auf“ schließen den Kreis. Es ist kein zufälliger Setlist-Abschluss. Es ist eine Aussage: nach allem, was war – weitermachen. Nicht naiv, sondern entschieden. Nicht weil alles gut ist, sondern weil Aufgeben keine Option ist.

Zehn Jahre Engst. Das Modernes in Bremen war an diesem 17. April 2026 voll, laut und lebendig – und der Abend hat gezeigt, warum diese Band nach einem Jahrzehnt noch so viel zu sagen hat. Engst retten nicht die Welt. Aber sie machen es für einen Abend ein Stück erträglicher. Und manchmal reicht das vollkommen.


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