Das laute Abendmahl – Hämatom feiern zehn Jahre Tradition im Pier 2

Christian Habeck

Bremen, 3. April 2026 – Karfreitag in Bremen. Draußen die stille Feiertags-Leere, die leeren Straßen, die geschlossenen Läden, der besondere Rhythmus eines Tages, der für viele einfach nur ein freier Tag ist. Drinnen im Pier 2 das komplette Gegenteil. Zum zehnten Mal lud Hämatom zum Lauten Abendmahl – und zum ersten Mal in dieser neuen Location. Kein Kirchengewölbe diesmal, kein vertrauter Saal aus den vergangenen Jahren. Stattdessen das Pier 2, eines der bekanntesten Konzerthäuser der Stadt, direkt an der Weser. Ein Ortswechsel, der dem Abend von Beginn an etwas Besonderes gab.

Zehn Jahre. Das ist keine Kleinigkeit. Hämatom haben diese Karfreitagstradition in Bremen über fast ein Jahrzehnt aufgebaut, Jahr für Jahr, und sie ist inzwischen mehr als ein Konzert. Es ist ein Ritual. Wer einmal dabei war, weiß das. Wer zum ersten Mal kam, hat es an diesem Abend verstanden.

The Butcher Sisters © Nordevents

Wer um kurz nach neun noch nicht drin war, hat den Anfang verpasst. The Butcher Sisters – TBS – legten pünktlich los und machten sofort klar, warum sie in diesem Jahr als Very Special Guests angekündigt wurden. Die Mannheimer Band, die irgendwo zwischen Deutschrap, Metal und Beatdown Hardcore zu Hause ist, hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. 2011 gegründet, mit einer selbstbetitelten EP gestartet, dann ein Plattenvertrag bei Bleeding Nose Records und erste bundesweite Tourneen. Der eigentliche Durchbruch kam 2016 mit dem Debütalbum „Respekt und Robustheit„. Seitdem hat die Band nicht aufgehört, sich weiterzuentwickeln.

Wer TBS nur aus der frühen Phase kennt, erlebt heute eine Band, die sich kontinuierlich neu justiert hat, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Das zweite Album „Alpha & Opfah„, das Feature bei Equilibrium auf Path of Destiny, die Coverversionen auf der EP „68 Undercover„– all das sind Stationen einer Band, die immer dann interessant wird, wenn man glaubt, sie eingeordnet zu haben. Seit 2024 sind TBS bei Arising Empire unter Vertrag, einem der wichtigsten Labels der deutschen Metalszene, und das dritte Album „Das weiße Album„, erst im Januar 2025 erschienen, zeigt eine Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Gut eine Stunde spielten TBS, und der Raum war von Beginn an warm. Das Publikum kannte die Texte, die Energie stimmte, und spätestens bei den Nummern vom neuen Album war klar: Diese Band ist gerade auf einem echten Höhenflug. Ein starker, hungriger Auftritt – und gleichzeitig ein kluges Auftaktzeichen für den Rest des Abends. Wer als Vorband so spielt, setzt die Messlatte hoch. TBS haben das gewusst und genau das geliefert.

Kurzer Umbau – dann wurde das Pier 2 lautstark abgerissen

Nach dem Umbau und einer kurzen Pause übernahmen Hämatom gegen halb elf die Bühne – und mit ihnen kam dieser besondere Karfreitagssog, den wer einmal erlebt hat, nicht mehr vergisst. Nord, Sued, West und Ost in Masken, wuchtiger Sound, klare Haltung. Hämatom sind seit ihrer Gründung 2004 in Oberfranken eine der markantesten deutschen Metal-Bands, und live versteht man sofort warum. Es ist nicht nur die Musik. Es ist die Konsequenz, mit der diese Band auftritt. Die Maskierung, die Inszenierung, die Texte – alles greift ineinander.

Hämatom © Nordevents

Das Laute Abendmahl ist seit Jahren kein gewöhnliches Konzert mehr. Es ist ein Statement. Und das Jubiläum gab diesem Abend noch einmal eine zusätzliche Dimension. Zehn Jahre, die Hämatom genutzt haben, um genau das zu werden, was sie heute sind: eine Band, die unbequeme Fragen stellt und sich dabei nie hinter Unverbindlichkeit versteckt.

Das Album „Wir sind Gott“ feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen – und live klingt es noch drängender als im Studio. Was 2016 als gesellschaftliche Warnung gemeint war, wirkt heute wie eine Bestandsaufnahme. Die Band selbst formuliert es so: Als das Album erschien, war es voller Wut, voller Fragen – aber auch voller Hoffnung. Die Hoffnung, dass Vernunft, Zusammenhalt und Menschlichkeit am Ende stärker sein würden. Zehn Jahre später wirkt diese Hoffnung brüchiger denn je. Gesellschaftliche Gräben vertiefen sich, der Ton wird rauer, die Welt unübersichtlicher. Was damals Warnung war, wirkt heute aktueller denn je.

Genau das spürte man an diesem Abend im Pier 2. „Wir sind Gott“ und „Wir sind Gott II“ als logisches Herzstück des Abends – diese Nummern haben im Jahr 2026 eine Wucht, die sie 2016 noch nicht in dieser Form hatten. „Alte Liebe rostet nicht“ als einer der emotionaleren Momente des Sets, ruhiger, aber nicht weniger eindringlich. „Pogo Girl“ brachte den Pegel im Saal nochmal auf ein anderes Niveau, und „Tanz auf dem Vulkan“ war genau das: eine kollektive Eruption. Ein Saal, der sich für wenige Minuten selbst vergisst.

Hämatom wollen mit diesem Jubiläumsjahr mehr als nur feiern. Sie wollen ein Statement setzen. Nicht leise sein. Nicht wegsehen. Nicht abstumpfen. Denn trotz aller düsteren Entwicklungen bleibt eine zentrale Botschaft bestehen: Veränderung beginnt nicht im Stillstand. Veränderung beginnt mit Haltung. Mit Stimme. Mit Zusammenhalt. An diesem Abend im Pier 2 war das keine Phrase. Es war zu spüren.

Gegen Mitternacht die Überraschung, die eigentlich keine war – wer die Band kennt, hatte es geahnt. Hämatom holten TBS noch einmal auf die Bühne. Gemeinsam, vor einem Saal, der zu diesem Zeitpunkt längst in einem einzigen Rausch war. Was für ein Bild. Zwei Bands, die an diesem Abend auf unterschiedliche Weise dasselbe Publikum erreicht hatten, standen jetzt zusammen da. Das Pier 2 hat in diesem Moment alles gegeben, was eine Konzerthalle geben kann: Lärm, Licht, Schweiß und dieses seltene Gefühl, dass man genau dort ist, wo man sein will.

Das Finale danach gehörte wieder allein Hämatom. Und der Abend endete so, wie das Laute Abendmahl enden muss: laut, schweißtreibend, mit einem Publikum, das nicht gehen wollte.

Zehn Jahre Karfreitagstradition in Bremen. Zehn Jahre Lautes Abendmahl. Hämatom haben in dieser Zeit eine Veranstaltung aufgebaut, die weit über ein Konzert hinausgeht. Der Sprung ins Pier 2 war mutig – eine neue Location nach Jahren in vertrauter Umgebung ist kein selbstverständlicher Schritt. Dass er geglückt ist, war nach diesem Abend keine Frage mehr. Carlos Konzerte und die Band haben eine Location gefunden, die der Veranstaltung noch mehr Raum gibt, ohne dass sie irgendetwas von ihrer Intensität verloren hätte.

Ein Rückblick und ein Weckruf zugleich. Eine Hommage an ein Album, das seiner Zeit voraus war – und ein Appell an das Hier und Jetzt. Genau das war dieser Abend. Bis zum nächsten Jahr.


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