Julia Meladin im Kulturbahnhof Vegesack

Christian Habeck

Bremen, 13.11.2025 – Der Kulturbahnhof Vegesack zeigte sich am Donnerstagabend von seiner lebendigsten Seite, als die 20-jährige Sängerin und Songwriterin Julia Meladin auf ihrer aktuellen Tour in Bremen Halt machte und ein Publikum anzog, das kaum besser zu ihrer Generation passen könnte. Bereits zum Einlass um 18:30 Uhr wartete eine immer länger werdende Reihe junger Besucherinnen und Besucher vor der Tür, die meisten von ihnen im Alter zwischen zehn und achtzehn Jahren. Rund 200 Gäste füllten später den Saal und sorgten für eine intime, zugleich aber energiegeladene Stimmung, die ideal zu einer Künstlerin passt, die für Nähe, Ehrlichkeit und Direktheit steht.

Um 19:30 Uhr eröffnete Simon Will den Abend. Vielen war er bisher vor allem als erfolgreicher TikTok-, YouTube- und Instagram-Creator bekannt – mit über einer Million Followern, die seine Sketche, Parodien und Vlogs feiern. Doch der Support zeigte deutlich, dass seine eigentliche Leidenschaft schon immer der Musik galt. Aufgewachsen mit Pop-Punk, Hip-Hop und Nirvana-Gitarren beschreibt er selbst, dass Musik ihn sein Leben lang begleitet hat, er aber aufgrund des Creator-Drucks jahrelang nicht die Ruhe fand, sich ernsthaft darauf einzulassen.

Schließlich zog er einen radikalen Schlussstrich, deaktivierte alle Social-Media-Accounts, löschte die Apps und reiste mit seinem Gitarristen Leon für einen Monat durch die USA. Danach folgte ein Umzug nach Berlin, wo die beiden gezielt den härteren Gitarrensound formten, für den er heute steht. Es dauerte fast ein Jahr, bis Band und Producing-Team komplett waren, doch mit „Moshpit“ veröffentlichte er schließlich seine Debütsingle – ein Pop-Punk-Stück, das live ebenso lässig wie druckvoll wirkt. Genau das brachte er auch nach Vegesack: authentisch, direkt und mit einer spürbaren Freude daran, endlich dort angekommen zu sein, wo er eigentlich immer hinwollte.

Simon Will © Nordevents

Um 20:15 Uhr betrat schließlich Julia Meladin die Bühne – und bereits beim ersten Song wurde deutlich, dass dieser Abend für viele der jungen Fans weit mehr als nur ein Konzert war. Die Sängerin ist längst zur Stimme einer Generation geworden, die sich in ihren Texten wiederfindet: Bodyshaming, Leistungsdruck, Selbstzweifel, Identität, gesellschaftliche Erwartungen – Themen, die echten Halt geben, weil sie nicht beschönigt, sondern ausgesprochen werden. Ihr Weg vom kleinen Dorf in Brandenburg bis zu einer community-getriebenen Karriere, die mit einem viralen TikTok-Clip im eigenen Zimmer begann, ist inzwischen bekannt, aber live entfaltet er eine besondere Wirkung. Julias Stimme war klar und emotional, an einigen Stellen fast brüchig – jedoch nie schwach. Im Gegenteil: Genau diese unverstellte Echtheit verbindet sie mit ihrem Publikum, das jede Zeile mitsang und auf jede ihrer Bewegungen reagierte.

Die Setlist bot eine breite Mischung aus energiegeladenem Pop-Punk, emotionalen Balladen und gesellschaftskritischen Titeln. Von „Leben meiner Träume“ über „10 von 10“, „Tinder“ und „Gänsehaut“ bis hin zu „Ist das okay?“, „Melancholie“, „Beispiel daran“, „Pokerface“ und „Perlen um den Hals“ war alles dabei, was ihre Fans lieben – und die Begeisterung im Raum zeigte, dass ihre Songs weit mehr sind als Streaming-Hits: Sie sind Teil des Alltags vieler junger Menschen.

Musik, die trägt: Ein Finale voller Gefühl und Gemeinschaft

Ein besonderer Moment des Abends entstand, als Julia zwei Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne holte, die gemeinsam mit ihr einen Song singen durften. Die beiden standen sichtlich überwältigt neben ihr, das Publikum jubelte lautstark, und man konnte spüren, dass dieser Augenblick für die beiden – und für viele andere im Saal – etwas Unvergessliches war. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Nähe nicht inszeniert, sondern gelebt wird – ein Markenzeichen, das Julia Meladin von vielen anderen Künstlerinnen ihrer Generation abhebt.

Julia Meladin © Nordevents

Zwischen rockigen Passagen und ganz leisen Klaviermomenten entwickelte sich ein Konzertabend, der von emotionaler Offenheit und Gemeinschaft getragen war. Julia nutzte die Bühne nicht nur für Musik, sondern auch für Botschaften, die sie und ihre Community verbinden. Man merkte deutlich, wie viele ihrer Songs aus Geschichten entstanden sind, die ihre Fans ihr anvertrauen. Genau das war im Publikum greifbar: Viele der Besucherinnen und Besucher wirkten nicht wie zufällige Konzertgäste, sondern wie Menschen, die sich in Julias Musik wiederfinden und dort Trost, Mut und Bestätigung finden.

Nach etwa 90 Minuten endete der Abend mit einer Zugabe und einem letzten, lauten Chor des Publikums, das „Perlen um den Hals“ mitsang und den Saal in ein gemeinsames Finale verwandelte. Julia Meladin hinterließ in Vegesack den Eindruck einer Künstlerin, die längst mehr ist als ein viraler Social-Media-Erfolg: Sie ist eine authentische, nahbare Stimme einer Generation, die genau solche Künstlerinnen braucht. In einem kleinen Bahnhofssaal, ohne große Inszenierung oder Showeffekte, zeigte sie, dass Musik nicht perfekt sein muss, um etwas auszulösen. Sie muss nur ehrlich sein – und genau das war dieser Abend: ehrlich, nah, emotional und mitreißend.


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