Hamburg, 15.02.2026 – Ein schwarzes Tuch verhüllt weite Teile der hinteren Tribüne der Alsterdorfer Sporthalle. Ein Bild, das im Vorfeld Raum für Spekulationen lässt. Würde der umstrittene Brite nach zahlreichen abgesagten Konzerten der vergangenen Jahre tatsächlich auftreten? Oder würde Hamburg erneut leer ausgehen? Die Nervosität im Publikum ist spürbar – und sie bleibt es zunächst auch.
Statt einer Vorband läuft eine rund 25-minütige Videoshow mit Musikclips aus den 60er- bis 80er-Jahren über die große Leinwand. Für Morrissey-Fans nichts Neues – dieses Ritual gehört seit Jahren zum festen Bestandteil seiner Konzerte. Dennoch werden die ersten Pfiffe laut. Ungeduld mischt sich unter die Erwartung. Doch dann gehen die Lichter an. Die Band betritt die Bühne. Schließlich erscheint auch er selbst – mit weit aufgeknöpftem Hemd, Blumen im Jeansbund. „Ich muss mich entschuldigen für meinen sehr dramatischen Auftritt. Aber was soll man machen? Ich habe ja eine Verabredung heute Nacht – mit euch!“, ruft er ins Rund. Die Erleichterung ist greifbar.
Morrissey © Nordevents
Musikalisch startet der Abend mit „Billy Budd“ und macht früh klar, dass Morrissey sich nicht auf Nostalgie allein verlassen will. Mit „Alma Matters“ und „I Just Want to See the Boy Happy“ folgt eine Mischung aus Solo-Werk und klassischer Melancholie. Das Publikum reagiert dankbar, textsicher, beinahe ehrfürchtig.
Spätestens bei „Make-Up Is a Lie“ wird deutlich, dass die Stimme des inzwischen 66-Jährigen nichts von ihrer markanten Schärfe verloren hat. Und als mit „A Rush and a Push and the Land Is Ours“ erstmals ein The-Smiths-Titel erklingt, ist die Sporthalle endgültig auf seiner Seite. Die 80er-Hits zünden noch immer.
Mit „Notre-Dame“ und „World Peace Is None of Your Business“ streift Morrissey thematisch wieder politische und gesellschaftliche Abgründe – stets mit jener Mischung aus Ironie und Ernst, die ihn seit Jahrzehnten begleitet. Der emotionale Höhepunkt der ersten Konzerthälfte folgt mit „There Is a Light That Never Goes Out“. Die Halle singt geschlossen, beinahe andächtig. Ein Moment kollektiver Nostalgie.
Konzertabbruch ??
„Suedehead“ und „Best Friend on the Payroll“ treiben den Abend weiter voran, bevor mit „Now My Heart Is Full“ erneut große Gefühle dominieren. Doch dann kommt es zum Schreckmoment.
Nach einer längeren Bühnenabwesenheit kehrt Morrissey zunächst zurück – nur um kurz darauf während der ersten Takte von „I Know It’s Over“ sichtlich unzufrieden die Bühne wieder zu verlassen. Der Song wird abgebrochen. Ratlose Gesichter auf und vor der Bühne. War es das? Erinnerungen an zahlreiche Konzertabsagen seit 2015 werden wach. Mehr als 100 Shows hat der Brite in den vergangenen Jahren gestrichen – die Unsicherheit sitzt tief.
Die Band improvisiert, spielt ein hoffnungsvoll klingendes Klaviersolo. Minuten, die sich ziehen. Dann die Erleichterung: Morrissey kehrt zurück, nun im dunklen Hemd, und stimmt stattdessen „Everyday Is Like Sunday“ an – als wäre nichts geschehen. Das Publikum atmet hörbar auf. Die Stimmung kippt zurück ins Positive.
Mit „The Monsters of Pig Alley“, „Life Is a Pigsty“ und „Lost“ beweist Morrissey, dass sein Solo-Katalog auch jenseits der Smiths-Klassiker funktioniert. Besonders „Jack the Ripper“ entwickelt live eine düstere Intensität, die unter die Haut geht. „I Will See You in Far-Off Places“ beschließt regulär einen Abend, der trotz Irritationen musikalisch auf hohem Niveau bleibt.
Die Zugabe gehört selbstverständlich einem weiteren The-Smiths-Klassiker: „How Soon Is Now?“. Das ikonische Gitarrenriff hallt durch die Sporthalle, als wolle es alle vorangegangenen Zweifel hinwegfegen.
Unterm Strich bleibt ein gut 90-minütiges Konzert, das musikalisch überzeugt und emotional zwischen Anspannung und Euphorie pendelt. Die Schlagzeilen vom „Beinahe-Abbruch“ wirken rückblickend überzeichnet. Morrissey war da. Er spielte. Er irritierte – wie so oft. Und er wurde gefeiert.
Hamburg hat seinen „Mozzer“ bekommen. Mit all seinen Widersprüchen.












































