Bremen, 19.11.2025 – Der Abend in der Aladin Music Hall Bremen begann mit einer Stimmung, die man sofort spüren konnte, sobald man die große Halle betrat. Schon zum Einlass um 19 Uhr war der Platz vor der Bühne dicht gefüllt, und schnell wurde klar, dass dies ein Publikum war, das New Model Army nicht einfach konsumiert, sondern lebt. Der Altersdurchschnitt lag bei rund 50 Jahren, viele sind mit der Band groß geworden, haben sie dutzende Male live gesehen, kennen jedes Album, jede Textzeile, jeden politischen Unterton. Gefühlt trugen neunzig Prozent der Besucherinnen und Besucher ein Bandshirt – manche frisch gekauft, andere seit Jahrzehnten getragen, an den Kanten ausgefranst, aber stolz präsentiert. Genau diese Mischung aus unverhohlenem Fan-Herz und gelebter Musikgeschichte verlieh dem Konzert schon vor Beginn eine Intensität, die selten geworden ist.
Um 20 Uhr eröffnete der Support-Act Preyrs den Abend – und hinterließ in Bremen einen Eindruck, den man so nicht mehr oft bekommt. Die Band lieferte einen druckvollen, explosiven Auftritt, der das Publikum vom ersten Ton an mitriss. Die Besucher reagierten mit einer Begeisterung, als stünde bereits der Hauptact auf der Bühne. Preyrs spielten mit einer Energie, die perfekt zu New Model Army passte: roh, laut, riffbetont, mit einem treibenden Schlagzeug und einer Dringlichkeit, die das Aladin auf Temperatur brachte. Es war einer jener seltenen Support-Slots, bei denen man spürte, dass die Band nicht nur eröffnet, sondern tatsächlich ein eigenes Kapitel des Abends schreibt.
Preyrs © Nordevents
Um 21:15 Uhr betrat schließlich Justin Sullivan gemeinsam mit seiner Band die Bühne – ohne Inszenierung, ohne Effekte, ganz in der kompromisslosen Geradlinigkeit, die New Model Army seit 1980 auszeichnet. Der erste Schlag auf die Akustikgitarre war bereits ein Statement: druckvoll, wuchtig, klar, roh und zugleich kontrolliert. Sullivan stand wie eine Instanz im Licht, ein Getriebener, ein Chronist, ein Mann, der seit 45 Jahren mit derselben Intensität singt, als hinge die Wahrheit seiner Songs von jedem Atemzug ab. So wie am Vorabend in Hannover eröffnete auch in Bremen „Snelsmore Wood“ den Abend – dieser akustische Vorschlaghammer voller Reibung, Schmerz und Entschlossenheit. Sullivans Stimme war genauso von Narben und Feuer getragen wie man sie kennt: rau, aber klar, tief, aber schneidend, voller Haltung und ohne jede Müdigkeit.
Die Setlist, die jede Nacht variiert, spannte in Bremen einen Bogen über vier Jahrzehnte Bandgeschichte. „Another Imperial Day“, „Whitelight“, „Echo November“, „First Summer“, „Winter“ – die Songs wechselten zwischen Postpunk-Härte, Folk-Melancholie und einem wütenden Rocksound, der auch nach Jahrzehnten nichts an Schärfe verloren hat. Das Aladin stand, sang, rief, brüllte – die Texte saßen so sicher, dass man das Gefühl hatte, ein einziger großer Chor fülle den Raum. Bei „Notice Me“, das Sullivan als Kommentar zu Narzissmus und Selbstdarstellung ankündigte, antwortete das Publikum mit einem fast trotzig lauten Mitsingen. Kurze Zeit später folgte – „weil wir gerade von Narzissmus gesprochen haben“, wie er süffisant bemerkte – „If I Am Still Me“, eine neue Reflexion über Identität, Erwartungshaltung und Selbstbehauptung. Sullivan verwob Altes und Neues, Vergangenheit und Gegenwart, persönliche Wut und politische Botschaft in einer Art musikalischem Bewusstseinsstrom, der das Publikum zwei Stunden lang mitriss.
druckvoll, wuchtig, klar, aber bewusst roh
New Modern Army © Nordevents
Der Sound im Aladin war druckvoll, wuchtig, klar, aber bewusst roh – ein Klang, der nicht poliert, sondern gelebt wirkt. Das Schlagzeug arbeitete wie ein Motor, kompromisslos und präzise, der Bass trug die Songs in die Magengrube, und die Gitarren bauten Wände aus Feedback, Melodien und kantigen Akkorden. Gleichzeitig gab es jene stilleren Augenblicke, die New Model Army so besonders machen: Momente, in denen Sullivans Stimme allein genügt, um den Raum völlig zum Stillstand zu bringen. „Brother“, „Lust for Power“, „Winter“ – diese Songs entfalteten eine existenzielle Nachdenklichkeit, die fast greifbar war.
Man merkte, dass die Setlist bewusst zusammengestellt war, um die Spannbreite ihres Werks abzubilden. „War“, „BIGO“, „Angry Planet“, „See You in Hell“ – die politisch aufgeladenen Stücke trafen das Publikum mit voller Wucht. Diese Band singt nicht über Themen, sie wirft sie dem Publikum entgegen. Und die Fans nahmen alles auf: mit hochgereckten Fäusten, mit geschlossenen Augen, mit Stimmen, die selbst bei den wütendsten Passagen jede Silbe trafen. Als „51st State“ erklang, verwandelte sich das Aladin endgültig in ein Meer aus Stimmen. Das berühmte höhnische „Hah!“ schallte so laut durch die Halle, dass Sullivan sichtbar grinsen musste – ein seltener, aber ehrlicher Moment der Verbindung zwischen Künstler und Publikum.
Nach einer Reise durch Wut, Trost, Gesellschaftskritik und emotionale Offenheit endete der Abend mit „225“, einem Stück, das wie ein Brennglas auf das gesamte Werk von New Model Army wirkt: kompromisslos, poetisch, politisch, unerschrocken. Der letzte Ton war kaum verklungen, als das Publikum eine Wand aus Applaus und Rufen formte, die minutenlang anhielt.
In Bremen hinterließen New Model Army den Eindruck einer Band, die auch nach 45 Jahren nicht nostalgisch spielt, sondern weiterhin etwas zu sagen hat – laut, klar, ungebrochen. Es war ein Konzert voller Haltung, voller kollektiver Energie und voller jener Momente, die die Band seit Jahrzehnten einzigartig machen. Ein Abend, der nicht perfekt sein wollte, sondern kompromisslos echt war – und genau deshalb so tief berührt hat.













































































