Im Namen des Rock 2026 – Ohrenfeindt im Meisenfrei

Christian Habeck

BREMEN, 15.01.2026 – Es gibt Abende, an denen man schon nach den ersten Takten weiß: Heute wird nicht diskutiert, heute wird durchgezogen. Genau so ein Abend war der 15. Januar 2026 im Meisenfrei in Bremen. Kein Support, krankheitsbedingt abgesagt, dafür von Anfang an volle Konzentration auf das Wesentliche: Ohrenfeindt. Um 20:15 Uhr ging das Licht runter, um 22:20 Uhr wieder an – dazwischen lagen gut zwei Stunden Rock’n’Roll ohne Netz, ohne doppelten Boden und ohne nennenswerte Pausen. Nonstop. Laut. Schweißtreibend. Und mit einer Stimmung, die den Club zum Kochen brachte.

Ohrenfeindt © Nordevents

Schon der Opener „Komm schon und hols Dir“ machte unmissverständlich klar, wohin die Reise geht. Kein langes Warmwerden, kein Vorgeplänkel – der Song kam wie ein Faustschlag aus dem Off und zog das Publikum sofort mit. Direkt danach „Motor An„, der sinnbildlich für diesen Abend stand: einmal gestartet, lief der Ohrenfeindt-Motor auf Volllast und war nicht mehr zu stoppen.

Mit „Porschekiller“ folgte einer dieser Klassiker, bei denen sich der Meisenfrei-Boden gefühlt ein paar Zentimeter absenkte. Der Song funktionierte wie ein kollektiver Reflex – Fäuste hoch, Kehlen offen, Textsicherheit bis in die letzte Reihe. „Das Geld liegt auf der Straße“ brachte anschließend den gewohnt rotzigen Kommentar zum Alltag, bissig vorgetragen und mit genau der Portion Humor, die Ohrenfeindt seit jeher auszeichnet.

Spätestens bei der „Rock’n’Roll Show“ war der Laden endgültig im Ausnahmezustand. Der Song zelebrierte sich selbst und das, wofür diese Band seit Jahrzehnten steht: ehrlicher Rock’n’Roll ohne Schnickschnack. „Zum Rocken geboren“ legte nahtlos nach und fühlte sich weniger als ein Song, sondern mehr wie ein Manifest an – laut, direkt und kompromisslos.

Auf die Fresse ist umsonst

Mit „Auf die Fresse ist umsonst“ wurde es körperlich. Im Publikum ging es eng, aber fair zu, genau so, wie es zu einem Ohrenfeindt-Konzert gehört. Parasit setzte danach einen dunkleren, aggressiveren Akzent, roh gespielt und mit Nachdruck serviert. Einen kurzen Moment zum Durchatmen bot „Kann ich Dich nach Hause fahren„, bevor mit „Starkstrom-Baby“ direkt wieder der nächste Energieschub folgte.

Im Namen des Rock“ wirkte an diesem Abend fast wie ein Glaubensbekenntnis, laut mitgesungen und mit breiter Brust vorgetragen. „Sie hat ihr Herz an St. Pauli verloren“ sorgte für diesen typischen Kiez-Moment, bei dem Nostalgie und Straßenromantik Hand in Hand gehen. Danach kam mit „Alles nur aus Plastik“ eine ordentliche Portion Zynismus, scharf formuliert und musikalisch auf den Punkt gebracht.

Düsterer wurde es mit „Wenn der Teufel anruft„, ein Song, der live besonders dicht wirkt und dem Set kurz eine andere Farbe gab. „Es wird Tag auf St. Pauli“ holte das Publikum wieder ab, hymnisch, dreckig und mit dieser unverkennbaren Hafen-Attitüde. Mit „Rock’n’Roll Sexgott“ wurde es dann wieder größenwahnsinnig im besten Sinne – ironisch, laut und mit einem Augenzwinkern.

Der Endspurt begann mit „Südlich von Mitternacht„, das genau dieses Gefühl transportierte, irgendwo zwischen letzter Runde und nächstem Exzess zu stehen. Strom ließ noch einmal alles vibrieren, Bass und Drums drückten bis ins Zwerchfell. „Tanz nackt“ brachte den Club endgültig zum Kochen, wild, ungefiltert und vollkommen losgelöst.

Der finale Schlusspunkt gehörte standesgemäß „Ohrenfeindt„. Ein Abschluss, der sich weniger wie ein letzter Song, sondern mehr wie ein gemeinsamer Schwur anfühlte – Band und Publikum auf Augenhöhe, verschwitzt, heiser und zufrieden.

Ohrenfeindt haben an diesem Abend im Meisenfrei eindrucksvoll gezeigt, warum sie auch 2026 nichts von ihrer Wucht verloren haben. Keine großen Ansagen, keine Showeffekte, kein unnötiger Ballast – nur Rock’n’Roll in Reinform. Zwei Stunden Vollgas, getragen von einer Band, die weiß, was sie tut, und einem Publikum, das jede Sekunde dankbar angenommen hat. Bremen hat bekommen, was es wollte. Und noch ein bisschen mehr.


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