Remode im Schlachthof – ein Abend, der keine Luft zum Durchatmen ließ

Christian Habeck

Bremen, 20.03.2026 – Pünktlich um 20:00 Uhr beginnt im Schlachthof Bremen ein Abend, der sich von der ersten Sekunde an von klassischen Konzertdramaturgien verabschiedet. Kein Support, kein Warm-up, kein langsames Herantasten. Stattdessen: unmittelbare Spannung.

Das Intro läuft zunächst hinter einem dunklen Vorhang. Der Raum ist geladen, fast greifbar. Die Menge steht dicht gedrängt, jeder spürt, dass dieser Abend kein gewöhnlicher wird. Dann fällt der Vorhang – und mit ihm jede Zurückhaltung im Publikum. Die Stimmung ist schlagartig da, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Was folgt, ist kein gewöhnliches Konzert. Es ist ein einziger, durchgehender Abriss.

Remode © Nordevents

Mit „To Have and To Hold“ eröffnet REMODE kompromisslos und zieht das Publikum sofort in den Bann. Der Song trifft wie ein Faustschlag – trocken, präzise, ohne Ankündigung. Schon bei Rush und Strangelove zeigt sich, wie eng die Band am Original bleibt – und gleichzeitig genug eigene Energie entwickelt, um die Songs neu aufzuladen. Es ist diese Gratwanderung, die REMODE so besonders macht: nah genug am Vertrauten, um zu berühren, und lebendig genug, um zu überraschen.

Spätestens bei „It’s No Good“ und „Ghosts Again“ ist klar: Hier wird nicht verwaltet, hier wird gespielt, als ginge es um alles. „Ghosts Again“ – eine der stärksten Kompositionen der späten Depeche-Mode-Ära – entfaltet live eine Wucht, die selbst gestandene Fans sichtlich mitnimmt. Einige schließen die Augen. Andere singen lautlos mit, die Lippen kaum bewegt, als würden sie ein Gebet sprechen.

People Are People“ bringt den Saal endgültig auf Betriebstemperatur. Der Klassiker wirkt nicht angestaubt, sondern drängend, fast aggressiv aufgeladen. „Soothe My Soul“ und „Ice Machine“ betonen danach die dunkleren Facetten der Setlist – elektronische Kälte trifft auf menschliche Hitze, und genau in diesem Spannungsfeld entsteht die eigentliche Magie des Abends.

Ein erster emotionaler Höhepunkt folgt mit „Only When I Lose Myself“ – ein Moment, in dem die Halle kurz zu atmen scheint, bevor „Blasphemous Rumours“ die Intensität noch einmal deutlich anzieht. Dieser Song ist kein leichtes Lied. Er war es nie. Und REMODE spielt ihn mit dem nötigen Respekt und der nötigen Schärfe.

Dynamik, Druck und keine Pause

Was diesen Abend besonders macht: Es gibt keine klassischen Brüche. Keine echten Pausen. Kein Durchatmen.

Die Übergänge sind fließend, die Energie bleibt konstant hoch. Selbst instrumentale Momente wie Solo Key oder Solo Drums & Bass wirken nicht wie Unterbrechungen, sondern wie Teil eines durchgehenden Spannungsbogens. Gerade das Schlagzeug- und Bass-Solo zeigt eindrücklich, was die rhythmische Basis dieser Band leistet – ein Fundament, das an diesem Abend niemals wackelt.

Mit „Behind the Route 66„, „Monument“ und „Wrong“ zieht REMODE das Tempo wieder an. Wrong entwickelt live eine fast bedrohliche Qualität – das Riff wummert durch den Brustkorb, der Bass sitzt tief, die Energie im Raum kippt kurz ins Unbehaglich-Schöne. Danach sorgt „Walking in My Shoes“ für einen jener kollektiven Momente, in denen der gesamte Saal gleichzeitig eintaucht – eine gemeinsame Bewegung, ein gemeinsamer Atem.

Spätestens bei „Everything Counts“ ist das Publikum komplett im Flow. Der Song funktioniert wie ein Versprechen, das eingelöst wird. „Personal Jesus“ folgt als massiver Live-Hit, unwiderstehlich in seiner Direktheit. Während „A Question of Time“ den Druck hochhält, entfaltet „Photographic“ eine überraschend zeitlose Wirkung – fast zerbrechlich zwischen all der Energie, und gerade deshalb so wirkungsvoll.

Eskalation Richtung Finale

Mit „New Life“ und „Never Let Me Down Again“ erreicht das Konzert eine neue Stufe. Der Schlachthof verwandelt sich in ein Meer aus bewegten Armen und mitsingenden Stimmen, die Energie im Raum ist fast körperlich spürbar. „Never Let Me Down Again“ – dieses hymnische Auf-und-Ab, dieser unbeirrbare Drive – ist einer jener Songs, die live schlicht größer klingen als auf Platte. Hier passiert genau das.

Und trotzdem ist noch lange nicht Schluss. Nach über zwei Stunden ohne echte Pause fordert das Publikum lautstark Zugaben – und bekommt sie. Mehr als einmal. Die Energie hätte längst nachlassen können, doch das Gegenteil ist der Fall: Der Saal hat sich aufgeladen, nicht entladen.

Mit „Stripped“ geht es weiter – reduziert, direkt, wirkungsvoll. Dann kommt Just Can’t Get Enough und versetzt den Saal endgültig in kollektive Ekstase. Es ist einer dieser Momente, in denen man nicht mehr unterscheiden kann, wer hier eigentlich spielt und wer tanzt.

Der Abschluss gehört „Enjoy the Silence„. Ein Moment, in dem nicht mehr die Band allein spielt, sondern der gesamte Raum singt. Laut, geschlossen, ehrlich. Die Melodie trägt sich selbst. REMODE hält inne – und lässt das Publikum den Song zu Ende bringen.

Von 20:00 Uhr bis 22:30 Uhr liefert REMODE im Schlachthof Bremen eine Show, die keine klassischen Strukturen kennt. Kein Support, kein Leerlauf, keine Verschnaufpause. Stattdessen: ein durchgehender Energiefluss, getragen von einer Setlist, die ausschließlich auf maximale Wirkung ausgelegt ist.

Die Band spielt nicht einfach Songs. Sie zündet sie.

Das Publikum dankt es mit einer Intensität, die man selbst in einem ausverkauften Schlachthof nicht jeden Abend erlebt. Ein Konzert, das sich nicht wie ein Tribute anfühlt, sondern wie ein Ereignis. Keine Kopie. Kein Abklatsch. Ein eigener Abend mit eigenem Gewicht.

Der absolute Wahnsinn.


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