Skunk Anansie im Pier 2: Ein Abend voller Wucht statt Nostalgie

Christian Habeck

Bremen, 9. Juni 2026 – Als Skunk Anansie zuletzt im Pier 2 spielten, war das Internet noch Neuland, Smartphones existierten nicht und viele der Besucher dieses Abends gingen noch zur Schule. 26 Jahre später kehrte die britische Band zurück – und zeigte eindrucksvoll, dass ihre Musik weit mehr ist als ein Soundtrack vergangener Zeiten.

Mit ihrem aktuellen Album „The Painful Truth“, das 2025 erschienen ist, im Gepäck machten Skin, Ace, Cass und Mark Richardson deutlich, dass sie nicht auf Jubiläumstour unterwegs sind. Wer ins ausverkaufte Pier 2 gekommen war, bekam keine nostalgische Zeitreise, sondern ein Rockkonzert mit erstaunlicher Intensität.

Lady Lazarus © Nordevents

Lady Lazarus nutzen ihre Chance

Den Auftakt des Abends übernahm die australische Band Lady Lazarus. Von 20:00 bis 20:30 Uhr spielte die Tourbegleitung ein kompaktes Set, das deutlich machte, warum sie diesen Support-Slot erhalten hat.

Mit Songs wie „Eat Spit“, „Pint of VB“, „Marionette“, „Collector“, „Downward Spiral“, „Rude“, „Party“ und „Delirium“ präsentierte sich die Band druckvoll und selbstbewusst. Statt bloßer Hintergrundbeschallung bot Lady Lazarus einen Auftritt, der Aufmerksamkeit einforderte und sie auch bekam. Wer rechtzeitig vor Ort war, wurde mit einem Support-Act belohnt, der mehr sein wollte als nur das Vorprogramm.

Ein Auftakt ohne Umwege

Kurz nach 21 Uhr wurde es dunkel. Ohne großes Intro und ohne lange Ankündigungen eröffnete „This Is Political“ den Hauptteil des Abends. Das Publikum war sofort da.

Skin betrat die Bühne und machte vom ersten Moment an klar, wer hier das Geschehen bestimmt. Die heute 58-Jährige verfügt noch immer über jene Mischung aus Präsenz, Ausstrahlung und Selbstverständlichkeit, die sie seit den Neunzigern auszeichnet. Nichts wirkte einstudiert oder routiniert. Stattdessen entstand der Eindruck, dass jede Zeile und jede Botschaft noch immer dieselbe Bedeutung besitzt wie vor drei Jahrzehnten.

Skunk Anansie © Nordevents

Klassiker treffen auf neues Material

Mit „Face Up“, „Weak“ und „Animal“ folgten direkt mehrere Publikumslieblinge, bevor „Twisted (Everyday Hurts)“ und „Secretly“ die erste Hälfte des Sets komplettierten.

Bemerkenswert war dabei, wie selbstverständlich sich die neueren Songs einfügten. Stücke wie „God Loves Only You“ oder „Cheers“ wirkten nicht wie Pflichtübungen zur Promotion eines aktuellen Albums, sondern fügten sich nahtlos in das Gesamtbild ein. Die Reaktionen im Saal zeigten, dass das Publikum bereit war, den neuen Songs denselben Raum zu geben wie den Klassikern.

Zwischen den Liedern nahm sich Skin immer wieder Zeit für kurze Ansagen. Sie sprach über die Freude, wieder in Deutschland und erneut in Bremen zu sein. Die Worte wirkten weder routiniert noch kalkuliert. Vielmehr entstand der Eindruck einer Band, die tatsächlich gern auf dieser Bühne stand.

Der Moment, auf den alle warteten

Mit „Lost and Found“ und „A Letter to a Deity“ hielt Skunk Anansie die Spannung hoch, bevor schließlich einer jener Songs erklang, auf die viele gewartet hatten.

Als die ersten Töne von „Hedonism (Just Because You Feel Good)“ einsetzten, verwandelte sich das Pier 2 in einen einzigen Chor. Kaum ein Song steht so sehr für die Band wie dieser. Die Stimmen aus dem Publikum übernahmen große Teile des Refrains, während Skin sich immer wieder zurücknahm und den Zuschauern die Bühne überließ.

Für einen Moment spielte es keine Rolle, dass zwischen Veröffentlichung und diesem Konzert fast 30 Jahre liegen.

Ein würdiger Schlussakkord

Den Abschluss bildete „Charlie Big Potato“. Ein Song, der viele Facetten von Skunk Anansie in sich vereint: Wucht und Zurückhaltung, Melodie und Härte, Kontrolle und Chaos.

Vor allem Schlagzeuger Mark Richardson setzte hier noch einmal deutliche Akzente. Die Band baute Spannungen auf, ließ sie wieder fallen und führte den Song zu einem Finale, das das Publikum mit langem Applaus quittierte.

Nach rund 70 Minuten war Schluss. Keine Zugaben-Orgie, keine unnötigen Längen, keine Leerlaufphasen.

Eine Band, die noch etwas zu sagen hat

Viele Künstler verwalten irgendwann ihr eigenes Erbe. Skunk Anansie gehören nicht dazu. Wer die Band an diesem Abend zum ersten Mal gesehen hat, dürfte verstanden haben, warum sie auch nach mehr als drei Jahrzehnten noch relevant ist. Nicht allein wegen der bekannten Songs. Sondern weil auf der Bühne vier Musiker standen, die ihre Musik noch immer mit derselben Überzeugung spielen wie zu Beginn ihrer Karriere.

Das Pier 2 erlebte keinen nostalgischen Rückblick auf vergangene Erfolge. Es erlebte eine Band, die auch 2026 noch brennt.


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