M’era Luna 2025 – Schwarzbunter Samstag

Wolfgang Karg

Hildesheim, 09. August 2025 – Flugplatz Drispenstedt Das seit 2000 im am 2. Augustwochenende veranstaltete Festival M’era Luna ist dieses Jahr ausverkauft. Es ist es neben dem in Leipzig stattfindenden Wave-Gothic-Treffen eines der größten Festivals der Alternative-Musik und der Schwarzen Szene. Es gibt zwei Freiluftbühnen und eine Stage für Modenschauen und Diskussionen im Hangar. Das Campinggelände, welches auf beiden Seiten der Landebahn liegt, öffnete seine Pforten am Freitagvormittag, das offizielle Programm startete am Freitagabend und dauert bis Sonntagabend. Als Headliner spielt am Samstag die Rockband Eisbrecher, am Sonntag die Synthie-Pop-Band And One.

Vom Flugplatz ins Wohnzimmer

NDR.de überträgt zusammen mit arte Concert wieder insgesamt 19 der 38 Acts von der Hauptbühne, darunter live die beiden Headliner And One und Eisbrecher sowie die Folk-Metal-Band Subway to Sally, aber auch Tanzwut, Faun, Manntra, Corvus Corax und Versengold.

Fashionshows im Flugzeughangar

Die Pilger der Dunkelheit machen M’era Luna zumindest zum optisch spannendsten Festival im Norden. So auch in der sehenswerten Fashionshows am Samstag im Flugzeughangar. Nach einer kurzen Ansage und schon stürmen die männlichen und weiblichen Models den Laufsteg. Die mittelalterlichen Kleider und feinste Roben sind schon der Wahnsinn. Schwarz war natürlich die dominierende Farbe bei der Kleidung.


Der Freitag

Der Festival-Freitag wird üblicherweise fürs Anreisen und Zeltaufbauen entlang der Landebahn des Flugplatz genutzt. Auf der A 7 gab es zwischenzeitlich bis zu 20 km Stau. Am Abend strömten in den letzten 25 Jahren viele Gäste in den Hangar, um Gesprächen und Lesungen zu lauschen. Das war auch dieses Jahr so. Es gab wieder Lesungen mit Spiegel-Bestsellerautor Markus Heitz, Schriftsteller und Künstler Dirk Bernemann sowie Festivalurgestein und Publikumsliebling Christian von Aster.

Aber noch nie gab es am Freitag zwei musikalische Acts: Es trat zunächst die A-cappella-Band Stimmgewalt auf. Zwölf Sängerinnen und Sänger interpretierten Klassiker der schwarzen Rockmusik nur mit der Kraft der Stimme. Aber auch Lord Of The Lost, die im vergangenen Jahr am Sonnabend die Main Stage mit Glam Rock, Konfetti und Funkenregen veredelt hatten, präsentierten ihr neustes Album mit der “OPVS NOIR Vol. 1”-Releaseshow. Das Album wurde an diesem Freitag vröffentlicht. Als DJs wurden Bruno Kramm (Das Ich) und Dorian Deveraux (Jesus On Extasy) für den Freitag verpflichtet.

Der Samstag

Knapp 40 Acts warteten an diesem Wochenende auf die 25.000 Gäste bei bestem Festivalwetter um die 26 Grad. Von Mittelalter-Rock über Alternative, Gothic bis Electro wurde alles geboten. Der britische Gothic-Rock-Pionier Peter Murphy hatte seinen geplanten Auftritt abgesagt. Bekannt als charismatischer Frontmann der legendären Band Bauhaus, war zunächst als einer der Höhepunkte des diesjährigen Line-ups angekündigt worden.

Los ging es am Samstag bereits um 11:00 Uhr auf der Main Stage mit Null Positiv aus Lübbenau und ihrem deutschen Nu Metal. Und auf der Club-Stage mit Chris Harms, dem Sänger von Lord Of The Lost, solo – mit seinem vielsagenden, im Februar erschienenen Album „1980“ im Gepäck.

Impressionen © Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Weiter ging es mit Heimaterde mit ihrem Medieval-Electro und ein paar Industrial-Einschlägen. Vanguard aus Schweden steuerten kuscheligen Electropop bei.

Das Jubiläum der Dunkelheit

Tanzwut boten melodische Flöte oder wilden Dudelsack, harten E-Gitarre oder sanften Harfe, zur Musik aus ihren insgesamt elf Studioalben. Die Mittelalter-Metalband ist berühmt berüchtigt für ihre fulminanten Bühnenshows. Frontmann Teufel mit seinem kahlrasierten Schädel mit den zu Hörnern aufgestellten roten Haarbüscheln ist schon recht bekannt und fällt auf. Wenn er mit seinen Spielleuten die Bühne in Beschlag nimmt, gibt es viel zu sehen und noch mehr zu hören. Da konnte man einfach nur in Tanzlaune geraten. Musikalisch wird die Band oft mit Rammstein verglichen. Tatsächlich hatten beide Bands in Berlin – Prenzlauer Berg ihre Proberäume nebenan.

Bei Ambassador21 stellte man sich auf aggressiven Extreme Metal mit Wurzeln in Hardcore und Noise ein. Auch wenn sie wie der Wolf im Schafspelz verführerisch mittags auf der kleinen Club Stage spielen, gehören sie eigentlich in einen freundlichen Folterkeller.

Gekonnte Provokation ohne Rücksicht auf Tabus, das sind Ost+Front. Die Berliner stehen aber nicht nur für brachiale NDH sondern auch für eine bildgewaltige Bühnenshow, die nicht nur Hermann Ostfront auf der Bühne schwitzen lässt. Das Posing der Band, die Interaktion (insbesondere zwischen Eva und Herrmann) und auch musikalisch erinnert die Band auch sehr an Rammstein.

Eva Edelweiss, zuständig für Tasten & Trommeln, betrat in alt bekannter Manier die Bühne und ihr Schild „ich bin hier unfreiwillig“ in die Höhe streckte. Nach und nach erschienen die restlichen Bandmitglieder auf der Bühne, bis nur noch Herrmann Ostfront (Patrick Lange) fehlte. Dieser kam zu den ersten Klängen von „Adrenalin“ aus dem aktuellen Album, im langen Filzmantel blutüberströmt auf die Bühne. Die Band lief auf Hochtouren und ließ keine Atempausen zu.

Tanzwut, Ambassador21, Ost+Front Chrom, Universum 25

© Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Die Elektropop-Band Chrom aus Düren lieferte tanzbaren Synthpop und Corlyx mit 80er-Jahre inspiriertem Goth-Pop. Der Bandname setzt sich aus Buchstaben der beiden Vornamen zusammen, nämlich Christian und Thomas. Satte Beats, durchdringende Bässe, die gerne auch richtig druckvoll sein können, garnierten Ohrwurm-Melodien. Auch wenn das Duo in Sachen Bühnenshow sicherlich keinen Blumentopf gewinnt, überzeugt ihre Mischung aus Future- und Synth-Pop bei optimalen Soundverhältnissen sowohl mit Gefühl, als auch Kraft.

Auf der dunkelen Seite der Musik

Mit der Supergroup Universum 25 wurde es dann schräg, denn diese Band besteht aus Vertretern der Rock-, Metal- und Punk-Szene, nämlich aus Mitgliedern von In Extremo, Eisbrecher, Fiddler’s Green, Dritte Wahl und Slime – und klingt nach eben dieser musikalischen Mischung. Das Band-Projekt konnte in der letzten Zeit mit etlichen sozialkritischen und politischen Texten aufwarten, die in ihren jeweiligen Haupt-Bands so wahrscheinlich nicht darstellbar wären. Die Setlist ist mit einem einzigen Album (unsere → Rezension) in der Diskografie gar nicht so unvorhersehbar, aber auch daran wurde gedacht, weswegen immer wieder Songs der anderen Bands auftauchen. Es war sehr interessant anzusehen, wie die Songs den aktuellen Zeitgeist aufnahm und viele Themen sehr kritisch hinterfragten.

Das Musikprojekt Samsas Traum mit wandlungsfähigem Gothic Rock vereinte Einflüsse mehrerer Musikstile. Mastermind Alexander Kaschte betitelte seine Musik bereits als Black Metal-Operette, doch auch Symphonic Metal, Neue Deutsche Härte, Chanson und Synth Rock gibt Samsas Traums Diskografie her und in der Tat stimmt alles davon.

Die mittelalterlichen Barden von Faun lieferten mitreißenden Folk Rock und Pagan Folk. Zwischen den einzelnen Liedern meldet sich Frontmann Oliver Sa Tyr auch immer wieder mit Anekdoten zu Wort. Drehleier-Virtuose Stephan sein Instrument loopt und zusammen mit Niel den Bogen zu den modernen, tanzbaren Klangwelten von FAUN spannt, ist es schon etwas besonderes.

Funker Vogt folgten mit elektronischen Klangwelten, die ihre 2024 aufgefallene Show nun nachholten. Die Kriegsthematik hat und wird bei Funker Vogt immer einen sehr hohen Stellenwert besitzen. Unserer Meinung nach ist es auch ein Thema was gar nicht aktueller sein könnte und in dieser Gesellschaft einen Stellenwert hat, der kaum zu toppen sein dürfte.

Joachim Witt, der eine Entwicklung von der Neuen Deutschen Welle zur Neuen Deutschen Härte hingelegt hat, brachte voller Kraft Song für Song zu Gehör, dabei immer nah am Publikum und mit lockeren Sprüchen auf den Lippen, dass es eine Freude war, ihm zuzusehen und zuhören.

Zu den norddeutschen Lokalhelden gehört dieses Jahr die Dark-Electro-Band Faderhead aus Hamburg, einem Pseudonym des deutschen Electro-Sängers und Musikproduzenten Sami Mark Yahya / Sam Nordman. Der dunkle Meister der elektronischen Klänge performte eine fette Ladung an düsteren Beats und eingängigen Melodien.

Faun, Funker Vogt, Joachim Witt, Faderhead und Apocalyptica

© Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Man durfte sich auch auf Symphonic Metal von den finnischen Cello-Meistern Apocalyptica freuen, die derzeit mit einem atemberaubenden Nachfolger ihres legendären Debutalbums „Apocalyptica plays Metallica“ von sich reden machen und mit deren Mischung aus Metal und Klassik weltweit ihresgleichen sucht. Sie sind bereits seit den Anfangstagen des Festivals dabei.

Solar Fake ist der Elektro-Act des Multiinstrumentalisten und Sängers Sven Friedrich, der auch für seine Projekte Zeraphine und Dreadful Shadows bekannt ist. Er erzählte von Sehnsucht und inneren Abgründen, getragen von hypnotischen Synthesizer-Klängen.

Co-Headliner Heilung, die mit ihren hypnotischen, schamanistischen Klängen und archaischen Performances ein einzigartiges Erlebnis bieten, luden zu einer Reise in eine andere Welt ein. Das Projekt aus Dänemark, Norwegen und Deutschland widmet sich der nordischen Mythen- und Sagenwelt und zog die Zuschauer mit seiner spirituellen Performance sowie mit ritualartigen Gesängen in seinen Bann.

Covenant oder wie der Schwede EBM Oldschool rockt

Sänger Eskil Simonsson kam nach einem langen Band – Intro natürlich im weißen Leinenanzug auf die Bühne. Die Spiel- und Tanzfreude Covenant (altfranz. für „Vertrag“) aus Helsingborg, Schweden, übertrug sich spielerisch auf das Publikum. Teils dreistimmig, mit Daniel Jonasson und Daniel Myer singt Eskil die Songs. Verzerrt oder mit viel Hall. Natürlichkeit ist anders, aber natürlich ist eben nicht EBM. Sphärische Klangkörper, die komplett aus den Maschinen kommen, wurden gekonnt zwei unterschiedlich großen Flor Tom’s (Schlagzeug, das auf drei Beinen steht und tiefe Töne erzeugt) unterstützt.

Heilung, Covenant und Eisbrecher © Nordevents – Antje und Wolfgang Karg

Headliner Eisbrecher traten bereits mehrfach auf dem Festival auf und kamen zu später Uhrzeit, und mit ihrem kraftvollen und melodischen Industrial-Rock bewiesen sie, warum sie zu den Größten der Szene gehören. Nicht mehr Noel Pix, sondern Marc Richter stand links außen an der Gitarre. Das Gründungsmitglied Pix, zuständig unter anderem für Riffs, Keyboards und Produktion, hatte die Band im Vorjahr verlassen. So durchaus einen spürbaren akustischen Unterschied. Noch nie ließen Eisbrecher so viel Raum für Gitarren-Soli. Die Ankündigung von Frontmann Alex Wesselsky im Vorfeld bei Interviews, nun “eine Bühnen-Rampensau” verpflichtet zu haben, bewahrheitete sich. Bewährte Hits, Live-Klassiker welchselten sich mit neuen Songs des “Kaltfront”-Albums.


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