Büdelsdorf, 19. August 2026 – Zwischen rostigen Trägern und tonnenschweren Kranbahnen entfaltete sich auch in diesem Sommer eines der ambitioniertesten Kunstprojekte Europas: Die NordArt verwandelte die Hallen der ehemaligen Eisengießerei Carlshütte erneut in ein Universum aus Farbe, Form und Widerspruch.
Ein Gesamtkunstwerk mit Tradition
Seit 1999 zieht die NordArt jeden Sommer Kunstliebhaber aus aller Welt nach Schleswig-Holstein. Was als regionale Initiative begann, hat sich zu einer der größten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Europa entwickelt. Aus rund 3.000 internationalen Bewerbungen wählten die Kuratoren Wolfgang Gramm, Inga Aru und Taso Gramm etwa 200 Künstlerinnen und Künstler aus, deren Arbeiten sich über 22.000 Quadratmeter Hallenfläche und einen 80.000 Quadratmeter großen Skulpturenpark verteilten. Genau darin liegt die Besonderheit der NordArt: Sie verlangt kein kunsthistorisches Vorwissen, belohnt aber jeden, der genauer hinschaut. Wer wollte, konnte sich treiben lassen. Wer tiefer eintauchen wollte, fand in jedem Winkel eine neue Ebene.
NordArt © Nordevents / Antje und Wolfgang Karg
Zwischen Rost und Rotguss
Der Weg begann draußen, im Park, wo Skulpturen zwischen alten Bäumen und Industrieresten standen, als hätten sie dort schon immer gestanden. Besonders auffällig: der sechs Meter hohe „Walking Man“ des chinesischen Künstlers Su Xinping, eine monumentale Figur, die auch in diesem Jahr wieder über das Gelände wachte und zum inoffiziellen Wahrzeichen der Ausstellung geworden ist. Drinnen, in den Hallen, wechselten sich Malerei, Fotografie, Videoinstallation und raumgreifende Objekte ab, oft dicht an dicht, manchmal überraschend im Dialog miteinander.
Im Zentrum des diesjährigen Länderschwerpunkts stand das Baltikum. Unter dem Titel „Vilnius – Riga – Tallinn: Notes from the Fringe“ zeigte die litauische Kuratorin Meda Norbutaitė Arbeiten von 22 Künstlerinnen und Künstlern aus Litauen, Lettland und Estland. Der Pavillon wirkte wie eine eigene, in sich geschlossene Erzählung: Fragmente von Grenze, Zugehörigkeit und Unsicherheit, geboren aus einer Region, die Fremdherrschaft und den langen Weg zur Unabhängigkeit kennt. Wer sich Zeit nahm, spürte, wie unmittelbar diese Werke aktuelle Fragen nach Identität und Stabilität verhandelten, ohne dabei larmoyant zu werden.
Ein Ort, der selbst zum Kunstwerk wird
Was die NordArt von anderen Großausstellungen unterscheidet, ist ihr Schauplatz. Die Carlshütte ist kein neutraler White Cube, sondern ein Ort mit eigenem Charakter. Stahlträger zogen sich unter der Hallendecke entlang, Lichtschächte warfen schräge Streifen auf den Betonboden, und irgendwo hallte noch immer der industrielle Ursprung des Geländes nach. Gemälde hingen dort, wo früher Gusseisen verarbeitet wurde, Videoarbeiten liefen in Nischen, die einst für ganz andere Zwecke gedacht waren. Diese Reibung zwischen historischer Substanz und zeitgenössischer Kunst erzeugte eine Spannung, die sich kaum künstlich herstellen lässt. Man betrat keine sterile Galerie, sondern einen Raum mit Geschichte, der die Werke förmlich in sich aufnahm.
Das Publikum an diesem Tag war so vielfältig wie die Kunst selbst: Familien mit Kinderwagen neben Kunststudierenden mit Notizblock, ältere Ehepaare, die sich Zeit für jedes Bild nahmen, dazwischen Reisegruppen mit Kopfhörern. Trotz spürbarer Besucherzahlen wirkte das weitläufige Gelände nie überfüllt. Die schiere Größe der Hallen und des Parks sorgte dafür, dass sich der Andrang gut verteilte.
Licht und Schatten
Nicht alles überzeugte gleichermaßen. Bei rund 200 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern blieb die Qualität naturgemäß uneinheitlich – neben starken, klar durchdachten Positionen fanden sich auch Arbeiten, die im dichten Nebeneinander der Halle etwas untergingen oder redundant wirkten. Wer alles sehen wollte, brauchte Ausdauer und mehr als einen Nachmittag. Auch die Orientierung auf dem riesigen Gelände verlangte gelegentlich Geduld, so groß und verwinkelt ist das Areal. Diese Weitläufigkeit war zugleich Stärke und Schwäche: Sie ermöglichte große, raumgreifende Installationen, forderte den Besuchern aber auch einiges an Kondition ab.
Positiv fiel dagegen auf, wie durchdacht die Werke im Skulpturenpark platziert waren. Hier nahm sich die Ausstellung Zeit für einzelne Positionen, ließ Luft zwischen den Arbeiten und schuf so Momente der Ruhe, die im dichten Hallentrubel fehlten. Auch die Barrierefreiheit war spürbar mitgedacht: Die Ausstellungsbereiche in den Hallen wie im Park waren größtenteils rollstuhlgerecht zugänglich, was angesichts der historischen Bausubstanz keine Selbstverständlichkeit ist.
Fazit
Die NordArt 2026 bestätigte einmal mehr, warum sie zu den Fixpunkten der europäischen Kunstszene zählt. Der Baltikum-Schwerpunkt setzte inhaltlich einen klugen, politisch wachen Akzent, und der industrielle Charme der Carlshütte verlieh der Schau eine Atmosphäre, die sich in keinem klassischen Museum wiederholen lässt. Wer bereit war, sich auf die Fülle einzulassen und selbst zu kuratieren, wurde mit Entdeckungen belohnt, die lange nachwirkten.
Infos
Die NordArt ist noch bis zum 4. Oktober 2026 dienstags bis sonntags (inkl. Feiertage) von 11 bis 19 Uhr geöffnet, montags bleibt sie geschlossen.
📍 Adresse: Vorwerksallee 3, 24782 Büdelsdorf
🕙 Öffnungszeiten:
- Dienstag- Sonntag: (inkl. Feiertage) von 11 bis 19 Uhr geöffnet
- Montag: geschlossen
- Die letzte Möglichkeit für einen Einlass in die Ausstellung ist jeweils 90 Minuten vor der Schließung.
🅿️ Parken
Das Gelände liegt unweit von Rendsburg; von dort führt der Weg über die B77 bzw. ausgeschilderte Zufahrten direkt zum Kunstwerk Carlshütte. Parkmöglichkeiten vorhanden.
💳 Tickets & Kasse
Tickets am besten online buchen.
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