Buxtehude, 18. April 2026 – Wer am Samstag den Weg auf den Estering gefunden hat, weiß wieder, warum Rallycross etwas ganz Eigenes ist. Kein Hochglanz, keine Showbühne, kein Marketing-Geblinke – dafür brüllende Motoren, fliegender Schotter und ein Publikum, das mittendrin steht, statt nur zuzusehen. Der AC Niederelbe hat zum Saisonauftakt der Deutschen Rallycross Meisterschaft 2026 geliefert, was der Estering seit Jahrzehnten verspricht: echten Motorsport, der nach Benzin, Gummi und feuchter Erde riecht.
DRX 2026 © Nordevents
Der Estering – ein Stück Rallycross-Geschichte
952 Meter Asphalt und Schotter, gewachsen im Estetal rund 1,5 Kilometer südlich von Buxtehude, etwa 35 Kilometer südwestlich von Hamburg. Der Estering ist keine gesichtslose Retortenstrecke, sondern ein Klassiker – seit 1972 fester Bestandteil der deutschen und europäischen Rallycross-Szene, Austragungsort der ersten deutschen Rallycross-Premiere und in den vergangenen Jahrzehnten auch Schauplatz von EM- und WM-Läufen. Wer hier gewinnt, weiß, was er geleistet hat. Und wer hier verliert, hat in der Regel trotzdem eine Geschichte zu erzählen.
Dass der Estering den Saisonauftakt der DRX beherbergt, ist deshalb mehr als Tradition – es ist ein Statement. Wer im Titelrennen vorne mitmischen will, muss hier liefern.
Volles Fahrerlager, internationales Feld
Das Starterfeld konnte sich sehen lassen: 75 Fahrerinnen und Fahrer hatten für den Auftakt genannt, verteilt auf sieben Klassen. Die Marken-Vielfalt zeigte sich quer durch alle Boxen – am stärksten vertreten waren Ford (11), BMW (10) und Volkswagen (9), gefolgt von Citroën, Opel und Peugeot. Insgesamt elf Hersteller standen im Fahrerlager. Mit elf ausländischen Teilnehmenden – schwerpunktmäßig aus Belgien und den Niederlanden, dazu ein spanischer Fahrer – hat der Estering einmal mehr seinen Status als internationaler Treffpunkt der Szene unterstrichen.
Kühler Nordwind statt Staubwolke
Wer den letzten Saisonauftakt noch in Erinnerung hat, weiß: 2025 war eine Staubschlacht bei über 20 Grad. 2026 zeigte sich der Estering von einer deutlich kühleren, wechselhaften Seite. Für die Teams bedeutete das: Reifenwahl wurde zum Krimi. Und für die Strecke: Grip-Wechsel von Session zu Session, teils von Kurve zu Kurve. Genau das, was Rallycross ausmacht – niemand fährt das gleiche Rennen zweimal.
DRX1 – Brandt schlägt zurück
Die Königsklasse der DRX hatte zum Auftakt zwar nur sechs Starter im Feld, dafür aber maximale Dichte an der Spitze. Mit auffälligem Tempo unterwegs: Dietmar Brandt im VW Golf R20RX, der den Saisonauftakt mit einer Zeit von 4:05.722 Minuten und der schnellsten Runde des Finales (38.977 Sekunden) souverän für sich entschied. Dahinter zeigte der junge Corven Höft im Ford, dass auf den Generationswechsel im Spitzenfeld Verlass ist – mit knapp vier Sekunden Rückstand wurde er Zweiter (4:09.800). Den dritten Platz sicherte sich Maik Böhling im Audi mit 4:13.325. Komplettiert wurde das Finale von Andreas Traudt, ebenfalls auf Audi.
DRX2 – Belgischer Doppelschlag, deutscher Konter
In der zwölf Fahrzeuge starken DRX2 lieferten die Gäste aus den Beneluxstaaten ein ums andere Mal die erwarteten Granaten ab. Am Ende stand Yorick Maeyninckx (BEL) vom Oud-Turnhout Rally Team im Volvo ganz oben auf dem Treppchen – Siegerzeit: 4:09.231. Den deutschen Achtungserfolg holte Colin Neurath im BMW als Zweiter mit 4:13.580, gefolgt von Ariane Vanlommel (BEL) im zweiten Volvo des Oud-Turnhout-Teams (4:14.174). Dahinter folgten Bastian Sichelschmidt (BMW), Maikel Alewijnse (NED, BMW) und Florian Viehmann (VW). Das Drama des Finales lieferte ein DNF von Dirk Garvelink (NED) sowie ein DNS von Tobias Weigel.
DRX3 – Souveräner Heimsieg
Klein, aber fein: Drei Fahrzeuge gingen in der DRX3 ins Finale – und es entwickelte sich eine klare Hierarchie. Lukas Ney im Skoda des ADAC Team Weser-Ems holte den Sieg mit 4:16.783 und ließ damit keinen Zweifel an seinen Ambitionen für die Saison aufkommen. Auf Platz zwei kämpfte sich Kirian Trafny im Volkswagen (4:24.247), Dritter wurde Sven Heck im Ford mit 4:31.707.
DRX4 – Jugend stürmt das Podium
Zehn Fahrzeuge machten die DRX4 zu einer der dichtest besetzten Klassen des Tages – und das Finale lieferte das, wofür die Klasse steht: enge, faire, schnelle Kämpfe quer durchs Feld. Ganz oben: Mats Jonas im Ford, der mit 4:16.231 den Tagessieg einfuhr. Knapp 1,9 Sekunden dahinter folgte Dustin Völzer im Opel auf Platz zwei (4:18.115), das Podium komplettierte der Niederländer Freek Hendrix im Ford mit 4:18.773 – die ersten drei lagen damit innerhalb von gerade mal zweieinhalb Sekunden. Knapp dahinter: Ralph Wilhelm im Renault. Pech für Louis de Haas (NED) im Opel, der mit DNF ausschied.
DRXN1 – Drei Sekunden Spannung
Die seriennahe DRXN1 brachte mit 18 gemeldeten Fahrzeugen das größte Starterfeld des Tages an den Start – und im Finale wurde es eng. Am Ende standen die Top 3 innerhalb von gerade einmal anderthalb Sekunden: Philipp Peine holte sich im SEAT den Auftaktsieg mit 4:25.867. Hauchdünn dahinter: Timm Joachim Sachse vom MSC Wahlscheid im BMW mit 4:26.318, Dritter wurde Dirk Bublies im Honda mit 4:27.255. Auch im Mittelfeld blieb es spannend, ehe sich das Feld nach hinten heraus etwas streckte. Mit Manuel Peral (ESP) stand auch ein Spanier im Finale.
DRXN2 – Nachwuchs ohne Bremse
Mit 16 Startern war die DRXN2 das Schaufenster für den Rallycross-Nachwuchs – Junioren ab 14 Jahren inklusive. Den Sieg sicherte sich Louis Daniel Genz im Peugeot der Privaten Renngemeinschaft mit 4:34.077, ein abgeklärter Auftritt. Lion Koffmann im VW kam als Zweiter mit 4:37.373 ins Ziel, Dritter wurde Mika Nickelsen im Peugeot (4:43.444). Ein bemerkenswertes Detail am Rande: Der Niederländer Damian van Lieshout fuhr zwar eine Zielzeit, die ihn ins Mittelfeld gebracht hätte – wegen Pushings wurde er allerdings ans Ende des Finales gesetzt. Rallycross kann eben auch Regelbuch.
ADAC XC Senior – Crosscars in Topform
Kleine Kisten, große Action: Die Crosscars im ADAC XC Cup zeigten einmal mehr, warum sie das vielleicht spektakulärste Format am Estering sind. Den Sieg fuhr Steven Laubach vom ADAC Hessen-Thüringen im JVDC ein – mit 4:03.990 Minuten war er sogar der schnellste Fahrer des gesamten Renntages über alle Klassen. Platz zwei ging an den Belgier Gregor Schütz im Lifelive von Gsl Motorsport (4:08.691), Dritter wurde Pierre Szallies im Rapace Technology mit 4:14.057. Komplett ausgeglichen das Mittelfeld, das die ganze Spannweite des Cups zeigte.
Stimmung an der Streckenbegrenzung
Was den Estering immer noch von den großen, abgeriegelten Rundstrecken abhebt: die Nähe. Das Fahrerlager ist offen, Zuschauer können zwischen den Boxen herumlaufen, Mechanikern über die Schulter schauen, einen Schnack mit den Teams halten, Fragen stellen. Für Kinder ist das ein kleines Paradies, für Enthusiasten sowieso. Autogrammjäger kommen auf ihre Kosten, Hobbyfotografen auch. Dass der Estering als eine der wenigen international bedeutenden Rennstrecken komplett ehrenamtlich betrieben wird, macht diese Atmosphäre überhaupt erst möglich.
Fazit: Der Estering bleibt der Estering
Andere Bedingungen, gleiche Magie. Der erste DRX-Lauf 2026 hat auf dem Estering genau das geliefert, wofür diese Strecke steht: ehrlicher Motorsport, ohne Hochglanz, aber mit viel Herz. Sieben Klassen, sieben neue Sieger, eine Saison, die gerade erst Fahrt aufnimmt – und ein Publikum, das auch nach dem Zielfall noch nicht den Heimweg antreten wollte.
Man sieht sich wieder. Am besten mit Gehörschutz in der Tasche.


































































































































































