Die MSC Hamburg Ladies Open 2026 machten bereits an den ersten Turniertagen deutlich, warum das WTA-250-Turnier längst zu den sportlichen Höhepunkten des norddeutschen Sommers gehört. In diesen Tagen verwandelte sich die Anlage am Hamburger Rothenbaum wieder in die Bühne des internationalen Damentennis. Maja Chwalińska als Topgesetzte musste ihre Teilnahme verletzungsbedingt absagen. Die Roland-Garros-Finalistin hat sich in Wimbledon am Sprunggelenk verletzt. Mittendrin sorgten zahlreiche deutsche Spielerinnen für emotionale Momente.
Ein Turnier mit langer Geschichte
Die Ladies Open waren mehr als nur ein weiterer Termin im WTA-Kalender. Die Wurzeln des Turniers reichten bis ins Jahr 1896 zurück, als Hamburg über Jahrzehnte einen festen Platz unter den prestigeträchtigsten Damenturnieren der Welt hatte. Steffi Graf gewann hier zwischen 1987 und 1992 sechsmal in Folge, später hinterließen auch Arantxa Sánchez Vicario, Martina Hingis, Venus Williams und Kim Clijsters ihre Spuren am Rothenbaum. Nach dem Verkauf der Turnierlizenz 2002 verschwand das Profi-Damentennis für 19 Jahre aus der Stadt, ehe die MatchMaker Sports GmbH 2021 ein neues WTA-Turnier zurückholte. Seither wuchs die Veranstaltung von Jahr zu Jahr, 2026 nun bereits in ihrer sechsten Ausgabe.
Für das Publikum lag der Reiz gerade in dieser Mischung aus Tradition und Aufbruch. Als WTA-250-Turnier zog Hamburg zwar keine Weltranglisten-Ersten an, dafür aber ein bemerkenswert dichtes Feld voller Erzählungen.
Pressekonferenzen, Wheelchair Draw und mehr © Nordevents
Die deutschen Hoffnungsträgerinnen
Schon die Qualifikation entwickelte sich zu einem ersten Stimmungsbarometer. Mit insgesamt acht Spielerinnen im Hauptfeld stellte der Deutsche Tennis Bund die größte Nation des Turniers – und diese nutzte die Bühne eindrucksvoll.
Für den emotionalsten Moment sorgte zweifellos die erst 18-jährige Julia Stusek. Die junge Deutsche feierte gegen die ehemalige French-Open-Halbfinalistin Nadia Podoroska den ersten Sieg ihrer Karriere in einem WTA-Hauptfeld. Nach verlorenem ersten Satz bewies sie beeindruckende Nervenstärke, kämpfte sich zurück und gewann nach mehr als zweieinhalb Stunden mit 3:6, 6:3 und 6:4. Der Jubel auf dem Center Court kannte anschließend keine Grenzen. Stusek überzeugte nicht nur mit ihrer spielerischen Qualität, sondern auch mit ihrer bemerkenswerten Reife und ihrer emotionalen Ausstrahlung.
Ebenso erfreulich verlief das Turnier für Jule Niemeier. Nach schwierigen Monaten kämpfte sich die ehemalige Wimbledon-Viertelfinalistin erfolgreich durch die Qualifikation und kehrte erstmals seit rund einem Jahr wieder in ein WTA-Hauptfeld zurück. Der Erfolg wirkte wie ein Befreiungsschlag und ließ erkennen, dass sie sportlich wieder auf dem richtigen Weg sein könnte.
Auch Lokalmatadorin Mona Barthel zeigte, dass Erfahrung auf Sand weiterhin ein entscheidender Faktor sein kann. Die Hamburgerin nutzte den Heimvorteil konsequent aus und qualifizierte sich ebenfalls für das Hauptfeld. Ihre große Verbundenheit zum Rothenbaum war während ihrer Auftritte jederzeit spürbar.
Mit Tamara Korpatsch (aktuell Platz 81 in der offiziellen WTA-Weltrangliste im Einzel) stand zudem Deutschlands derzeitige Nummer eins im Fokus. Sie ging als einzige Deutsche direkt für das Hauptfeld gesetzt an den Start. Die Hamburgerin ging mit viel Selbstvertrauen in ihr Heimturnier und unterstrich einmal mehr ihre Vorliebe für den Sandplatzbelag. Nach ihrer bitteren Vorjahresniederlage gegen die spätere Siegerin Lois Boisson suchte sie sichtlich nach Wiedergutmachung auf heimischem Boden.
Spiele Walert/Sherif, Brockmann/Jacquemot und Kawa/Badosa © Nordevents
Große Aufmerksamkeit erhielt außerdem das deutsche Erstrundenduell zwischen Noma Noha Akugue und Wildcard-Spielerin Valentina Steiner. Dass sich gleich zum Auftakt zwei deutsche Talente gegenüberstanden, war zwar aus nationaler Sicht etwas unglücklich, zeigte aber gleichzeitig die gewachsene Breite des deutschen Damentennis. Als Lokalmatadorin kam sie 2023 bis ins Finale und versuchte ebenfalls über die Qualifikation den Sprung ins Hauptfeld zu schaffen und knüpfte damit an eine der schönsten deutschen Geschichten der jüngeren Turnierhistorie an.
Neben diesen Spielerinnen sammelten auch Nastasja Schunk, Tessa Brockmann, Emily Eigelsbach, Anna Petkovic und Victoria Brand wertvolle Erfahrungen. Besonders die erst 16-jährige Victoria Brand überzeugte trotz ihres Ausscheidens in der Qualifikation mit einem mutigen Auftritt und ließ ihr großes Potenzial erkennen.
Mittwoch: Gentlemen’s Day und die zweite Runde
Der Mittwoch stand im Zeichen des „Gentlemen’s Day“, an dem männliche Besucher einen Rabatt von 15 Prozent auf alle Kategorien erhielten – ein Werbeformat, das dem Turnier zusätzlichen Publikumszulauf bescherte, ohne den sportlichen Charakter zu verwässern. Sportlich ging es weiter mit der ersten und zweiten Hauptfeldrunde, erneut über den ganzen Tag verteilt. Wer am Vortag überstanden hatte, musste sich nun beweisen, während zeitgleich die letzten Plätze für die Runde der letzten 16 vergeben wurden.
Stusek überraschte nach einem schwachen ersten Satz mit großem Kampfgeist und zwang die favorisierte Korpatsch in einen entscheidenden dritten Durchgang. Dort setzte sich die Erfahrung von Korpatsch durch. Mit druckvollen Grundschlägen und ihrer gewohnt starken Defensivarbeit entschied sie das Match schließlich verdient für sich (6:0, 3:6, 6:3). Korpatsch zieht damit ins Viertelfinale ein und trifft dort auf die Ukrainerin Anhelina Kalinina.
Ein Jahr nach ihrem denkwürdigen Erstrunden-Krimi in Hamburg trafen Anna Bondar (HUN) und Noma Noha Akugue (GER) erneut aufeinander – diesmal im Achtelfinale. Nach 2:41 Stunden und einem 6:1, 3:6, 7:5 zog die Ungarin zum ersten Mal seit Rabat im Mai wieder in ein Viertelfinale ein. Für die Reinbekerin, die 2023 bis ins Hamburg-Finale gekommen war, endet die Heimwoche damit im Achtelfinale – die Niederlage sichert ihr aber dennoch eine neue persönliche Bestplatzierung in der Weltrangliste.
Die österreichische Nummer acht des Turniers, Sinja Kraus, war mit dem Schwung ihres Kitzbühel-Titelgewinns vom Sonntag nach Hamburg gereist, hatte zuletzt aber mit Kreislaufproblemen zu kämpfen. Gegen Alina Charaeva aus Armenien reichte es am Ende nicht: Nach fast drei Stunden setzte sich Charaeva mit 5:7, 7:5, 7:5 durch – das längste Einzel des Tages neben dem Sherif-Match.
Kaum eine Woche zuvor hatte Paula Badosa (ESP) ihr Finale im rumänischen Iași im zweiten Satz verletzungsbedingt abbrechen müssen. Zusammen mit Mayar Sherif (EGY) ging es per Privatjet direkt an die Elbe – und die Spanierin, einst Weltranglisten-Zweite, zeigte prompt aufsteigende Form: 7:5, 6:4 gegen Katarzyna Kawa (POL) bei ihrer Hamburg-Premiere. Nach etlichen verletzungsbedingten Rückschlägen ist Badosa gerade erst wieder in die Top 100 zurückgekehrt.
Die höchstplatzierte Spielerin des Turniers eröffnete den Tag auf dem Center Court gegen die Schweizerin Simona Waltert, die zwei Wochen zuvor im Endspiel von Båstad ausgerechnet an Badosa gescheitert war. Nach 3:17 Stunden – dem längsten Match des Tages – behielt Sherif mit 5:7, 6:4, 7:6(3) die Oberhand.
Die an zwei gesetzte Ukrainerin Anhelina Kalinina ließ der Argentinierin Maria Lourdes Carle beim 6:1, 6:3 wenig Chancen und zog als erste Spielerin des Tages sicher ins Viertelfinale ein.
Nach ihrem langen Einzel-Nachmittag verzichtete Sinja Kraus gemeinsam mit Partnerin Tessa Johanna Brockmann auf den Doppel-Antritt gegen Lisa Zaar und Kimberley Zimmermann, die damit kampflos weiterkommen.
Spiele Korpatsch/ Stusek und Bondar/Akugue © Nordevents
Donnerstag: Achtelfinale und Rollstuhltennis
Unter dem Motto „EDEKA Ladies’ Day“ – mit entsprechendem Rabatt für weibliche Gäste – startet parallel zum WTA-Programm die Hamburg Wheelchair Open, ein international besetztes Rollstuhl-Damentennisturnier der Kategorie WT 500. Diese Kombination aus beiden Wettbewerben auf einer Anlage war eines der stärksten Argumente des Turniers für echte Vielfalt im Programm. Ab elf Uhr steht das Achtelfinale des Hauptfelds an, deutlich früher als an den Vortagen, sodass sich der Tag insgesamt kompakter anfühlt. Wer bis hierhin überstanden hatte, war eine von 16 verbliebenen Spielerinnen – für Korpatsch als Lokalmatadorin, aber auch für mögliche Qualifikantinnen im Feld ein Prüfstein.
Zwischen Tradition und Ausbaufähigkeit
Was das Turnier auszeichnete, war weniger der einzelne Stern am Himmel als die Dichte der Geschichten, die familienfreundliche Preisgestaltung – freier Eintritt für Kinder bis zwölf Jahre, zehn Euro für Jugendliche bis 16 – und die Einbindung der Hamburg Wheelchair Open sprachen für ein Konzept, das über reines Zuschauen hinaus dachte. Auch die Rückbesinnung auf die eigene Geschichte, verkörpert durch Turnierbotschafterin Andrea Petkovic, gab der Veranstaltung ein Gesicht jenseits der aktuellen Ranglisten.
Kritischer ließ sich anmerken, dass ein WTA-250-Turnier naturgemäß nicht die ganz großen Namen anzog, die frühere Hamburger Ausgaben mit Graf, Hingis oder Williams prägten. Wer auf Weltklasse im engsten Sinne hoffte, musste sich mit aufstrebenden statt etablierten Stars begnügen.
Ein gelungener Auftakt mit Lust auf mehr
So präsentiert sich der Rothenbaum einmal mehr als perfekte Bühne für Weltklasse-Tennis – mit großer Nähe zu den Fans, einer außergewöhnlichen Atmosphäre und vielen Geschichten, die Lust auf den weiteren Turnierverlauf machten. Bereits nach den ersten Tagen war spürbar: Die MSC Hamburg Ladies Open 2026 hatten ihr Publikum in den Bann gezogen und eindrucksvoll bewiesen, dass Hamburg auch im Damentennis zu den bedeutenden Schauplätzen Europas gehört. Die MSC Hamburg Ladies Open laufen noch bis zum 26. Juli 2026.























































































































































































