Interview mit Manuel Wintjen von ANCHORS & HEARTS

Gregor Eder

Bandfoto von Anchors & Hearts: die vier Musiker auf einer Wiese unter einem Baum

Von Gregor Eder

Seid ihr bereit für eine Runde Melodic Hardcore? Die 2012 in Bremervörde/Niedersachsen gegründete Band Anchors & Hearts hat am 04.09.2026 ihr nun sechstes Studioalbum veröffentlicht und es trägt den Namen „Campfire Chronicles“. Dankenswerterweise durfte ich Manuel Wintjen, seines Zeichens Sänger der Band, ein paar Fragen zur Band und zum Album stellen.

Anchors & Hearts in drei Worten

Meine erste Frage lautete: „Wie würdet ihr Anchors & Hearts in 3 Worten beschreiben?“

„Zusammen. Zielstrebig. Energiegeladen. Das sind eigentlich die drei Dinge, die uns als Band ganz gut zusammenfassen. Wir wollen Musik machen, die Live-Energie freisetzt, aber gleichzeitig etwas transportiert, das wirklich von uns kommt. Und am Ende war Anchors & Hearts für uns immer mehr als nur Musik – es geht sehr viel um Freundschaft, Zusammenhalt und dieses Gefühl, gemeinsam durch gute und weniger gute Zeiten zu gehen.“ antwortete Manuel.

Von „Deathlist“ zu „Campfire Chronicles“

Eine sehr klare Antwort, welche direkt Einblick in die Welt der Band gibt. Nachdem geklärt ist, was sich hinter der Band so versteckt, interessierte mich natürlich Folgendes: „Was habt ihr seit dem Release von ‚Deathlist‘ bis zur Arbeit am neuen Album so erlebt?“

Manuel erklärte: „Eine ganze Menge. Nach der ‚DEATHLIST‘ Euphorie ging das normale Leben trotzdem weiter. Familie, Jobs, Band, persönliche Veränderungen und auch Phasen, in denen man merkt, dass man nicht mehr Anfang 20 ist und einfach alles gleichzeitig machen kann. Genau daraus ist ‚CAMPFIRE‘ entstanden. Themen wie Überforderung, Selbstzweifel, Ängste oder die Frage, was einem wirklichen Halt gibt, sind dadurch viel stärker in unsere Musik gerutscht. Das Album ist deshalb für uns auch eine Art Momentaufnahme der letzten Jahre.“

Songwriting und Studio mit Niclas Brinkmann

Derartige Themen musikalisch zu verarbeiten ist oft nicht einfach. Trotzdem hat es die Band geschafft in diesem Album sehr persönlich zu sein, ohne zu stark aufzutragen. Um herauszufinden, wie man so etwas umsetzt, fragte ich: „Wie läuft das Songwriting bei euch ab?“

„Wir treffen uns in Sessions bei uns im Studio und nehmen auf was dabei herauskommt. Dabei versuchen wir aber mittlerweile weniger, einen Song unnötig kompliziert zu machen. Wenn ein Part funktioniert und ein Refrain hängen bleibt, dann darf das auch einfach so sein. Gerade bei CAMPFIRE war uns wichtig, dass die Songs direkt funktionieren und sich natürlich anfühlen.“, meinte Manuel.

Bandfoto von Anchors & Hearts: die vier Musiker auf einer Wiese unter einem Baum

Fotocredit: Redfield Records

Auf die Frage nach dem Songwriting muss klarerweise folgende Frage nachgelegt werden: „Wie seid ihr im Studio vorgegangen? Wie sahen die 3-Tages-Sessions mit Niclas Brinkmann aus?“

Manuel erklärte: „Wir sind mit teils sehr roughen Ideen, teils aber auch mit fast fertigen Songs ins Studio gegangen, wollten uns aber bewusst die Möglichkeit offenhalten, dort noch Dinge zu verändern. Diese Sessions sind immer extrem wertvoll. Wenn man lange an Songs arbeitet, verliert man irgendwann ein bisschen den Blick von außen. Dann geht es plötzlich um Kleinigkeiten: Muss dieser Part wirklich noch einmal kommen? Kann der Refrain früher einsetzen? Braucht es diese zusätzliche Gitarrenspur überhaupt? Wir haben immer Abstand zwischen den Sessions gehabt, um uns nicht zu überarbeiten und oft mit frischen Ohren final an die Songs zu gehen. Und genau das hat dem Album sehr gutgetan.“

Eine interessante Vorgehensweise! Meine nächste Frage lautete: „Das Album sollte griffiger und organischer werden. Was war dafür wichtig?“

„Wie eben schon erwähnt: weniger zerdenken. Wir wollten nicht versuchen, jeden freien Platz mit irgendeiner Idee zu füllen. Manchmal sind drei Akkorde und eine Melodie, die etwas mit dir macht, viel stärker. Auch beim Sound wollten wir wieder mehr das Gefühl einer Band haben. Gitarren dürfen nach Gitarren klingen, Drums dürfen Druck haben und Vocals müssen nicht an jeder Stelle komplett glattgebügelt sein. Wenn irgendwo ein bisschen Dreck oder Menschlichkeit drinsteckt, darf das bleiben. Dadurch ist ‚CAMPFIRE‘ für uns direkter geworden. Man hört weniger den Versuch, einen bestimmten Sound zu erreichen, sondern mehr uns selbst. Und das hat Matthias Lohmöller sehr gut im Mix auf den Punkt gebracht.“, meinte Manuel.

Das Cover: ein Lagerfeuer im brennenden Wald

Am Albumcover ist ein nicht brennendes Lagerfeuer in einem brennenden Wald zu sehen. Daher musste ich Folgendes fragen: „Wer ist auf die Metapher mit dem nicht brennenden Lagerfeuer gekommen und warum ist euch dieser innere Kreis so wichtig?“

Manuel antwortete: „Das war meine Idee. Es gäbe nichts Schlimmeres für mich als im Titel ein Campfire zu haben und es einfach aufs Cover zu bringen. Deshalb habe ich mir Gedanken gemacht, was in dieser Welt gerade so los ist und woher unsere intimsten Dinge wie Ängste, Zweifel und psychische Krankheiten eigentlich kommen. Ein Lagerfeuer ist normalerweise ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Man sitzt im Kreis, erzählt Geschichten, hört zu, lacht, erinnert sich – und manchmal spricht man dort über Dinge, über die man sonst vielleicht nicht spricht. Bei uns brennt dieses Feuer aber nicht, sondern der Wald als Metapher für die Welt um uns herum. Wie erholsam und wichtig ist es also, in den heutigen Zeiten eine intime Auszeit mit den besten und engsten Leuten zu haben?!“

Eine berechtigte Frage, die wohl jeder für sich selbst beantworten muss. „War von Beginn an klar, dass das Album derartig persönlich wird?“ war meine nächste Frage.

„Nein. Das hat sich eher entwickelt. Wir haben nicht zusammengesessen und gesagt: ‚Jetzt schreiben wir unser persönlichstes Album.‘ Die Songs sind einfach entstanden und irgendwann wurde deutlich, dass sich bestimmte Themen immer wiederholen. Vieles davon sind Dinge, die wahrscheinlich sehr viele Menschen kennen: Überforderung, Angst, Selbstwert, das Gefühl festzustecken oder die Frage, wem und was man eigentlich noch vertrauen kann. Im Nachhinein haben wir gemerkt, dass genau diese Offenheit der rote Faden des Albums ist. Vielleicht ist es gerade deshalb so persönlich geworden, weil wir es nicht erzwungen haben.“, erklärte Manuel.

Haltet die Menschen fest, bei denen ihr wirklich ihr selbst sein könnt.

Manuel Wintjen (Anchors & Hearts)

Natürlich interessierte mich auch Folgendes: „Was sind für euch die größten Unterschiede zwischen ‚Deathlist‘ und ‚Campfire Chronicles‘?“

Manuel meinte dazu: „‚DEATHLIST‘ ist kantiger und an vielen Stellen vielleicht auch wütender. ‚CAMPFIRE‘ fühlt sich für uns wärmer, direkter und gleichzeitig verletzlicher an. Musikalisch haben wir stärker darauf geachtet, was ein Song wirklich braucht. Weniger ‚Was können wir noch hinzufügen?‘ und häufiger ‚Was können wir weglassen, damit der Song sich aufbaut?‘. Dadurch haben die Melodien und Refrains mehr Platz bekommen. Der größte Unterschied liegt für uns aber wahrscheinlich in der Haltung. ‚CAMPFIRE‘ schaut stärker nach innen. Es geht weniger darum, mit dem Finger auf etwas zu zeigen, sondern häufiger darum, sich selbst Fragen zu stellen. Trotzdem ist es hundert Prozent Anchors & Hearts. Vielleicht sogar mehr als je zuvor.“

Eine Botschaft an die Fans

Zum Abschluss durfte meine legendäre letzte Frage nicht fehlen: „Habt ihr eine direkte Message, die ihr über dieses Interview an die Leute da draußen richten möchtet?“

„Haltet die Menschen fest, bei denen ihr wirklich ihr selbst sein könnt. Wir leben in einer Zeit, in der unglaublich viel gleichzeitig auf uns einprasselt und man schnell das Gefühl bekommt, immer funktionieren, mithalten oder irgendeine Erwartung erfüllen zu müssen. Umso wichtiger sind die Menschen, bei denen das keine Rolle spielt.“, antwortete Manuel.

Eine wirklich schöne Message, welche man in den heutigen turbulenten Zeiten wohl öfters hören sollte. An dieser Stelle sei noch ein großes Dankeschön an Manuel für die Beantwortung der Fragen gerichtet! Euch da draußen kann ich nur noch empfehlen euch „Campfire Chronicles“ anzuhören. Unsere Rezension zu „Campfire Chronicles“ findet ihr hier.


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