Wicked Teil 2: Ein Märchen über Macht, Moral und Liebe

Die Redaktion

Kinostart: 19. November 2025
Produktionsland: USA, 2022
Genre: Fantasy-Pop-Musical
Darsteller: Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh

Drehbuch: Winnie Holzman, Dana Fox, Gregory Maguire
Regie: Jon M. Chu

Länge: 138 Minuten
FSK freigegeben ab: 12 Jahre
Verleih: Universal Pictures International Germany

Gesamtbewertung:
8 von 10

Wicked: Teil 2 ist ein vielschichtiges Musical-Drama, welches sich nicht nur einem Thema verschreibt. Eine solche Mischung birgt das Risiko, einzelne Themen nur grob anreißen zu können. In diesem Fall gelang Regisseur Jon M. Chu und den Hauptdarstellerinnen dieses Filmes jedoch der Spagat. Es entsteht ein würdiger Nachfolger des ersten Filmes, der die emotionalen und thematischen Aspekte des Vorgängers weiter vertieft. Dabei ist der Film farbenfroh und in seiner Erzählung auch immer wieder überraschend. 

Eine dieser Überraschungen entwickelt sich über die Dauer des Filmes erst langsam. Erwarten die Zuschauer die klassische “Oz”-Geschichte rund um Dorothy aus Kansas, dem Löwen, der Vogelscheuche und dem Blechmann, so zeigt sich schnell, dass es sich dabei nur um eine Nebengeschichte handelt. Gerade deshalb führen diese Szenen oft dazu, dass wir uns wie heimliche Mitwisser fühlen und hinter die Kulissen der Originalgeschichte blicken dürfen.

Im Mittelpunkt stehen Elphaba, die böse Hexe des Westens und Glinda, die gute Hexe des Nordens. Das jedoch ein Ruf nicht immer der Wahrheit entspricht, stellen wir bereits Früh im Film fest.

Ariana Grande zeigt Glinda als junge Frau, die zwischen Pflicht, dem Wunsch, akzeptiert zu werden, und ihrem Gewissen hin- und hergerissen ist. Elphaba hingegen, die durch den Zauberer von Oz erbarmungslos verfolgt wird, führt nicht nur einen moralischen, sondern auch einen realen Kampf um das Königreich Oz. Jeff Goldblum spielt den Zauberer von Oz mit einer unheimlichen Mischung aus Freundlichkeit und Kälte, unterstützt durch Michelle Yeoh als Madam Morrible. 

Dramaturgische Umsetzung durch Chu

Der Film setzt direkt nach Teil 1 ein und wirkt trotz der Musikeinlagen und der vermeintlich heilen Welt im Königreich des Zauberers deutlich brüchiger. Was zuvor wie eine Mischung aus Märchen, Musical und Erwachsenwerden wirkte, wächst jetzt zu einem ausgeprägten Machtkampf. 

Die Gesellschaft spaltet sich immer mehr und die Charaktere werden gezwungen sich zu einer der Seiten zu bekennen, oder aus dem Reich zu fliehen. Elphaba wird dabei zur Zielscheibe, da sie sich nicht kontrollieren lässt, während andere bereits aufgegeben oder sich zu ihrem Vorteil dem Zauberer von Oz angeschlossen haben.

Jon M. Chu erzählt die Geschichte groß, farbenfroh und emotional. Trotzdem wirkt das Tempo nicht immer passend. Manche Szenen ziehen sich etwas, obwohl die Welt wunderschön gestaltet ist. Dadurch plätschern einige Momente dahin, ohne einen wirklichen Mehrwert zu bieten.

Die Massenchoreografien, die Magie und die musikalischen Auftritte der Hauptdarsteller wurden bildgewaltig umgesetzt. Besonders die gemeinsamen Szenen von Glinda und Elphaba gehören zu den emotionalen Höhepunkten des Films. Ihre Entwicklung ist nachvollziehbar, aber auch tragisch. Musikalisch bleibt Jon M. Chu dem Original treu. Die Songs sind technisch stark umgesetzt und wirken an vielen Stellen noch kraftvoller als die Einlagen des ersten Films. 

Auch optisch ist der Film beeindruckend. Die Farbwelt, die Kostüme und die Sets sind wunderschön gestaltet. Die Magie ist gut integriert und nie übertrieben. Sie ergänzt die Welt und wirkt dadurch lebendig.

Ein gelungenes Casting

Ein besonderes Lob sollte an das Team hinter dem Casting gewandt werden. Ariana Grande und Cynthia Erivo fügen sich – nicht nur musikalisch – perfekt in ihre Rollen ein. Bei Arian Grande beschleicht einen jedoch auch oft das Gefühl, dass diese Rolle sie nicht allzu stark gefordert haben sollte, so erkennt man doch immer wieder, dass sehr viele Parallelen zwischen ihrer Persönlichkeit als Person des öffentlichen Lebens und der Rolle bestehen. 

Unter ihrer fröhlichen, glänzenden Oberfläche erkennt man eine junge Frau, die immer mehr zur politischen Marionette wird. Überwiegen zu Anfang des Filmes noch die Synergien zwischen Glinda und dem Zauberer von Oz, so meldet sich spätestens zur Halbzeit des Filmes das Gewissen zurück. Mehr und mehr gerät Glinda in einen Gewissenskonflikt, bis ihre „Seifenblase“ endgültig platzt.

Cynthia Erivo macht Elphaba zum Herz des Films. Ihre Figur wirkt gleichzeitig mutig, verletzlich und moralisch hin- und hergerissen. Das steht im starken Kontrast zum Mythos der späteren „bösen Hexe“. Auch Jeff Goldblum als Zauberer von Oz bietet eine gewohnt starke Darstellung, die eine gefährliche Leichtigkeit ausstrahlt. Oft entwaffnend lächelnd und vermeintlich verletzlich, auf der anderen Seite jedoch ein skruppeloser Autokrat, der seine Untergebenen versklavt und Raubbau an der magischen Welt betreibt. Seine Auftritte sind theatralisch, aber sie wirken dadurch nur noch bedrohlicher.

Michelle Yeoh spielt Madam Morrible mit einer kühlen Autorität. Sie zeigt, wie stille Drohungen, beschönigte Gewalt und geschickte Manipulation ihre Wirkung entfalten. Damit bildet sie einen klaren Gegenpol zum Zauberer.

Gesellschaftskritische Töne

Der Film greift viele wichtige Themen auf: Machtmissbrauch, Wahrheit und Lüge, Ausgrenzung, Freundschaft und Liebe. Wicked: Teil 2 zeigt sehr deutlich, wie Meinungen manipuliert und Narrative gesteuert werden können und dass wir uns davor hüten sollten, Andere auszugrenzen, nur weil wir selbst vielleicht noch nicht mit negativen Konsequenzen für uns selbst konfrontiert wurden.Jeder, der sich aktiv mit Geschichte und aktuellen Nachrichten auseinandersetzt, wird schnell Parallelen zur Welt außerhalb des Kinosaales ziehen können. 

Trotz der großen politischen Themen bleibt die Geschichte aber eine sehr persönliche Erzählung über zwei Frauen, die versuchen, ihren Platz in einer feindlichen Welt zu finden. Der Umgang mit der klassischen Wizard of Oz-Geschichte ist schlau: Dorothy taucht auf, aber nur am Rand. Sie wirkt eher wie ein Symbol für den Beginn einer neuen Version der Geschichte. Auch der Löwe, die Vogelscheuche und der Blechmann spielen nur kleine Rollen. Eher sind sie Teil eines Mythos, der sich erst in seiner Entstehung befindet..

Ein passender Abschluss der Saga, der sich viel vornimmt und das meiste davon sogar schafft.

Wicked: Teil 2 ist ein starkes Finale, das musikalisch und emotional überzeugt. Jon M. Chu fängt nicht nur die Magie des ersten Films ein, sondern erweitert sie. Die Geschichte wird größer, dunkler und tiefer, ohne ihren märchenhaften Kern zu verlieren.

Lediglich das vereinzelt ungünstig gewählte Tempo stört das Gesamtbild. Doch die großartigen Schauspieler, die starken Songs und die eindrucksvolle Inszenierung machen den Film zu einem würdigen Nachfolger.


Action
Humor
Gefühl
Spannung
Anspruch

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