Von Monchi
Titel: Jenseits der Brandmauer
Untertitel: Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz
Erscheinungstermin: 13.08.2026
Genre: Sachbuch / Politik / Autobiografie
Einband: Gebundenes Buch
Seitenzahl: 240 Seiten
ISBN: 978-3-462-05530-6
Preis: 20,00 Euro
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Jenseits der Brandmauer: Monchis Plädoyer für die ostdeutsche Provinz
Wenn jemand für deutschen Punk und politische Klarheit steht, dann ist es Monchi, Frontmann der Band Feine Sahne Fischfilet. Eine Band, die einst sogar im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern erwähnt wurde. Mit „Jenseits der Brandmauer – Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz„ legt Jan Gorkow, Jahrgang 1987, – so sein bürgerlicher Name – im August 2026 sein zweites Buch vor. Es folgt auf seinen Überraschungserfolg „Niemals satt“ von 2022, mit dem er bereits die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste eroberte. Was zunächst wie eine Art Fortsetzung wirkt, entpuppt sich als deutlich ambitionierteres Unterfangen. Monchi wagt sich diesmal nicht an die eigene Biografie zwischen Bühne und Essstörung, sondern an die vielleicht unbequemste Frage der Gegenwart: Wie hält man als klarer Antifaschist ein Leben in einer Region durch, in der mehr als die Hälfte der Nachbarn AfD wählt?
Was passiert, wenn 54 Prozent deiner Nachbarn AfD wählen
Der Anlass des Buches ist ebenso konkret wie bitter. Bei der Bundestagswahl gingen in Monchis Heimatort, in dem er fast jeden kennt, 54 Prozent der Stimmen an die AfD. Für den Sänger, der nach vielen Jahren in Rostock zurück ins vorpommersche Jarmen gezogen ist – vor allem weil er Vater geworden ist und näher bei seiner Familie leben wollte –, ist das ein Schlüsselerlebnis. Doch statt die Koffer zu packen oder sich in die Großstadt zurückzuziehen, entscheidet sich Monchi fürs Bleiben. Genau diese Entscheidung ist der rote Faden des Buches. Die vielbeschworene Brandmauer, jenes gern zitierte Bild für die politisch-gesellschaftliche Spaltung Deutschlands, erscheint ihm vor Ort längst nicht mehr als unüberwindbares Hindernis, sondern als kleineres Mäuerchen, über das er selbst springen kann. Im alltäglichen Miteinander mit Menschen, deren Stimmen ihn eigentlich erschüttern, findet er seine Antworten. Monchi erzählt diese Spannung nicht theoretisch, sondern in konkreten Szenen: die Kneipe, in der die Band ihr Festival plant und in der zugleich der AfD-Stammtisch sitzt, die schwarz-weiß-rote Flagge, die auf dem Nachbargrundstück des Proberaums weht, und daneben Menschen unterschiedlichster Couleur, die gemeinsam einen Skatepark für die Dorfjugend bauen.
Alte Texte und neue Zweifel: wenn man selbst zur Kritik wird
Was „Jenseits der Brandmauer„ von anderen zeitgenössischen Gesellschaftsbüchern abhebt, ist seine schonungslose Offenheit und zwar vor allem gegenüber der eigenen Person und der eigenen Szene. Monchi legt sich keinen Kunstauftritt als feinfühliger Sachbuchautor zu, sondern schreibt, wie er spricht: direkt, sarkastisch, ohne akademisches Geblubber. Besonders bemerkenswert ist sein Blick zurück auf die eigene politische Vergangenheit. Frühere provokante Songzeilen wie „Deutschland ist scheiße“ ordnet er heute selbstkritisch als Wohlstandsverwahrlosung ein. Das ist ein bemerkenswertes Zugeständnis eines Mannes, dessen Karriere auf unbeugsamer Haltung gebaut war. „In meinem Kopf kämpft der Monchi von 2016 mit dem Monchi von heute“, heißt es einmal im Buch. Diese innere Debatte gibt dem Text eine Fallhöhe, die viele ähnliche Bücher vermissen lassen. Auch die linke Kulturszene bleibt von seiner Kritik nicht verschont. Wenn er spottet, dass die Kulturszene der Kulturszene erzähle, wie wichtig die Kultur sei, bis sie es sich selbst glaube, trifft das ins Mark des eigenen Milieus. Klar bleibt aber: Der Kampf gegen überzeugte Nazis ist für Monchi keine Verhandlungsmasse.
Episoden statt Analysen: wie der Autor seine Geschichte erzählt
Wer eine fundierte politikwissenschaftliche Analyse der ostdeutschen Lage erwartet, wird enttäuscht. Und genau das ist gut so. Monchi erzählt episodisch, in Gedankensprüngen und absichtsvoll loser Struktur. Eben noch sitzt er mit Nachbarn in Jarmen, im nächsten Moment ist er in der eigenen Jugend, dann wieder mitten in einer grundsätzlichen politischen Frage. Themen sind Freundschaft und Jugend, Alkohol und Arbeitslosigkeit, die Schnelllebigkeit der Urteile in sozialen Medien und die Frage, wie man sich nicht an Zuständen gewöhnt, über die man sich früher empört hat. Diese Struktur gibt seinen Gedankengängen Raum, ohne sich in ihnen zu verheddern. Literarisch hochgeistreich ist das Ganze gewiss nicht. Die Kritik hat zu Recht angemerkt, dass „Jenseits der Brandmauer“ sprachlich kein Meisterwerk ist. Aber Monchis Stimme trägt auch auf Papier. Man hört beim Lesen fast automatisch die vorpommersche Kodderschnauze heraus, und sein galgenhumorhafter Sarkasmus fängt Pathos immer wieder ein, bevor es zu sentimentell wird. Auf 240 Seiten bleibt das Buch dabei angenehm kompakt und ohne Längen lesbar.
Warum „Jenseits der Brandmauer“ jetzt wichtig ist
„Jenseits der Brandmauer“ ist letztlich weniger eine Abrechnung mit dem rechten Osten als ein Versuch, Brücken zu bauen, ohne die eigene Haltung zu verraten. Monchi bleibt sich treu, versucht aber gleichzeitig zu verstehen. Er zeigt, dass politische Positionen nicht unbedingt bedeuten müssen, Menschen zu verurteilen, die anders wählen. Dafür hat er sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verdient. Das Buch erreichte sofort Platz eins der SPIEGEL-Sachbuch-Bestsellerliste, die Startauflage betrug 50.000 Exemplare. Es wird begleitet von einer umfangreichen Lesereise und medial breiter Präsenz. Vielleicht liegt der größte Wert dieses Buches darin, dass es zeigt: Man kann bleiben, wo andere gehen. Man kann hören, wo andere schweigen. Und man kann kämpfen, ohne die Menschlichkeit zu verlieren. Das macht Monchis Geschichte lesenswert, auch für diejenigen, die ganz woanders stehen.
Weitere Besprechungen stehen in unseren Literaturrezensionen.














