Bückbürgertum

Jonas Sehlen

Von Ulf Poschardt

Erscheinungstermin: 15.06.2026
Genre: Sachbuch / Gesellschaftskritik / Politisches Essay
Einband: Gebundenes Buch
Seitenzahl: 352 Seiten
ISBN: 978-3-9879137-0-9
Verlag: Westend, Neu-Isenburg

Bewertung: 7 von 10
Poschardt rechnet ab – diesmal mit sich selbst. Fast.

Nach „Shitbürgertum” kommt „Bückbürgertum” – das Sequel ist da, und Ulf Poschardt hat die Zielscheibe gewechselt. Nicht mehr die linken Moralapostel sind das Problem, sondern die Konservativen und Liberalen, die ihnen jahrzehntelang nachgegeben haben. CEOs, Kanzler, Bischöfe, FAZ-Redakteure – alle haben den Kopf eingezogen und dabei zugeschaut, wie das Land in eine Richtung driftet, die sie eigentlich ablehnten. Das Wort dafür: Bückbürger.

Die Idee ist nicht schlecht – im Gegenteil. Und Poschardt schreibt flüssig, manchmal pointiert, manchmal polternd. Was das Buch vor allem interessant macht: Er kritisiert diesmal ausdrücklich die eigene Seite. Das ist ungewohnt für einen Autor, der lange als Stimme der liberal-konservativen Welt-Redaktion galt.

Die These: Nicht die Linken haben es verbockt – die Feigen haben es zugelassen

Der Bückbürger ist keine Partei, sondern eine Haltung. Er sitzt in Vorstandsetagen, Universitäten, Kirchenvorständen, Verlagshäusern. Er hält sich selbst für vernünftig und pragmatisch. Aber sobald es Ärger kostet, zieht er den Kopf ein. Lieber dazugehören als widersprechen. Lieber schweigen als riskieren.

Poschardt zieht die Linie dabei weit zurück – bis zur gescheiterten Revolution von 1848 und der deutschen Untertanenmentalität. Eine durchgehende Linie bis heute. Das ist eine These, die zum Nachdenken zwingt, und ehrlicher als das Vorgängerbuch, das die Schuld komplett nach links verschoben hat.

Wo das Buch an seine Grenzen stößt

Poschardt bleibt leider seinem alten Muster treu, sobald es konkret wird. Weiße Turnschuhe als Symptom gesellschaftlichen Verfalls, E-Autos, die FAZ, Corona-Politik – alles wandert ins gleiche Erklärungsmodell. Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel, und der Bückbürger erklärt bei Poschardt irgendwann fast alles. Das schwächt die These, die eigentlich Substanz hat.

Unbehaglicher ist die Frage, die das Buch selbst aufwirft, ohne sie wirklich zu beantworten: Poschardt war jahrelang Chefredakteur und Herausgeber bei der Welt. Er kommt darauf zu sprechen – aber nie so, dass es wirklich wehtut. Für ein Buch, das Anpassung als Feigheit anklagt, ist das eine auffällige Lücke.

Was trotzdem bleibt

Die Grundfrage ist legitim und wichtig: Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn Anpassen lukrativer ist als Widersprechen? Der historische Bogen von 1848 bis heute hat echte Substanz, und dass Poschardt sich dabei nicht völlig aus der Schusslinie nimmt, ist immerhin ein deutlicher Fortschritt gegenüber dem Vorgängerband. Wer das Buch mit Neugier aufschlägt, findet echte Denkanstöße – auch wenn man nicht bei allem mitgeht.

Fazit: Gute Frage, solide Antwort – mit Luft nach oben

Das Buch hätte als kompakter Essay vielleicht mehr Wirkung gehabt. Aber die Kernthese trägt, und Poschardt stellt sich hier zum ersten Mal einer unangenehmen Frage an die eigene Seite. Das verdient Respekt – auch wenn die Antwort nicht immer überzeugt.

Autor:

Ulf Poschardt, geboren 1967, war Chefredakteur des SZ-Magazins und der deutschen Vanity Fair, von 2016 bis 2024 leitete er die Welt-Gruppe. Seit 2025 ist er Herausgeber der Premium-Gruppe POLITICO, WELT und Business Insider – und hat kurz nach Erscheinen des Buches seinen Herausgeberposten auf eigenen Wunsch niedergelegt, um künftig als freier Autor und Podcaster zu arbeiten. Zu seinen früheren Büchern zählen „DJ Culture”, „Cool”, „Über Sportwagen” und „Shitbürgertum”.


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