Das können wir uns nicht leisten

Jonas Sehlen

Von Miriam Davoudvandi

Erscheinungstermin: 18.03.2026
Genre: Memoir / Gesellschaft
Einband: Paperback, Klappenbroschur
Seitenzahl: 256 Seiten
ISBN: 978-3-442-76329-0

Verlag: btb, München

Bewertung: 8 von 10

Armut auf Deutsch — ein Memoir, das endlich mal nicht bei den Zahlen aufhört

Über Armut in Deutschland wird viel geredet — meistens in Form von Statistiken, Bürgergeld-Talkshows und RTL-Reportagen, in denen jemand seine Wohnung von Peter Zwegat aufräumen lässt. Was dabei fast immer fehlt: die Stimmen der Leute, über die da geredet wird. Genau in diese Lücke setzt Miriam Davoudvandi ihr Debüt. „Das können wir uns nicht leisten“ ist Memoir und Sachbuch in einem, und es funktioniert vor allem deshalb, weil es weder Mitleidstour noch akademisches Seminar wird. Es ist persönlich, klar, oft witzig — und trotzdem politisch.

Davoudvandi ist als Rap-Journalistin und Podcast-Host (»Danke, gut« beim WDR) bekannt geworden. Sie kennt sich aus damit, wie man über schwierige Themen redet, ohne sie zu zerquatschen. Genau diesen Ton bringt sie hier ins Buch mit. Wenn sie ihre Geschichte erzählt — Bukarest, Migration mit sechs Jahren nach Bad Säckingen, Sozialbau zwischen Einfamilienhäusern, Aufstieg über die erste Akademiker-Generation der Familie — klingt das nie nach Heldenreise. Eher nach: So war’s halt. Erzähl ich euch jetzt.

Scham als ständiger Begleiter

Der vielleicht stärkste rote Faden des Buches ist die Scham. Die Scham, Klassenkamerad*innen nicht nach Hause einladen zu können. Die Scham, Victory-Schuhe vom Deichmann zu tragen, wenn alle anderen Nikes anhaben. Die Scham nach dem ersten Kuss, weil der Junge irgendwann das Bad sehen würde. Davoudvandi beschreibt das ohne große Tränenmusik, eher in kleinen, präzisen Szenen, die genau deshalb so reinhauen.

Was das Buch besonders macht: Es bleibt nicht bei den klassischen Armuts-Schauplätzen. Davoudvandi schaut sich an, wie Armut sich in Bereiche frisst, an die kaum jemand denkt. Was passiert mit Freundschaften, wenn du dir das Café nicht leisten kannst? Wie datet man, wenn die eigene Wohnung nicht herzeigbar ist? Was bedeutet es, als Erste in der Familie zu studieren — und auf einmal Codes lernen zu müssen, die alle anderen schon kennen? Die Kapitel sind mit Rap-Zitaten überschrieben und tragen Titel wie „Armut und …“, was dem Ganzen Struktur gibt, ohne dass es nach Schulbuch aussieht.

Konkret heißt das im Buch unter anderem:

  • der Unterschied zwischen „broke“ und wirklich arm — ein Zustand vs. eine Lebensrealität
  • warum der Fernseher in Arbeiterfamilien oft mehr ist als nur Glotze
  • wie sich Krankheit, Ernährung und Psyche bei wenig Geld gegenseitig hochschaukeln
  • die Frage, wer eigentlich „Sammler“ sein darf und wer als „Messie“ gilt
  • warum sogar Sterben und Trauern in Deutschland Geld kosten, das viele nicht haben
  • der Mythos vom Aufstieg „mit Fleiß schafft man’s“, den Davoudvandi auseinandernimmt
Geld macht glücklich — aber zu welchem Preis?

Das Buch hat einen Satz, der einem nicht aus dem Kopf geht: Geld macht sehr glücklich. Davoudvandi sagt das ohne Ironie. Sie hat es geschafft, verdient heute mehr als ihre Eltern jemals, kann sich Dinge leisten, die in der Kindheit unvorstellbar waren. Aber sie idealisiert den Aufstieg nicht. Stattdessen schreibt sie ehrlich darüber, wie sich der eigene Klassenwechsel anfühlt: das schlechte Gewissen beim Reisen. Das Sich-fremd-Fühlen in beiden Welten. Die Eltern, denen man Dinge schenken möchte, die sie nicht annehmen können.

Genau das ist die Stelle, an der das Memoir richtig klug wird. Davoudvandi nutzt die eigene Geschichte nicht, um sich selbst zu feiern, sondern um das Aufstiegsversprechen zu zerlegen, das in Deutschland immer noch verkauft wird. Wer es schafft, schafft es trotzdem mit Narben. Und die meisten schaffen es eben gar nicht.

Warum dieses Buch jetzt kommt

Es passt gut, dass „Das können wir uns nicht leisten“ 2026 erscheint. Sozialkürzungen, Bürgergeld-Debatte, Inflation, der Rechtsruck in der politischen Mitte — Armut ist gerade überall Thema, wird aber meistens von Leuten besprochen, die sie nicht kennen. Davoudvandi gehört zu einer kleinen Gruppe deutschsprachiger Autor*innen, die das gerade ändern (Olivier David, Marco Ott und andere). Das Buch ist deshalb mehr als eine persönliche Geschichte. Es ist ein Beitrag zu einer Debatte, in der die Stimmen der Betroffenen bisher kaum vorkamen.

Fazit: Ein Buch, das bleibt — auch wenn man’s nicht erwartet hat

„Das können wir uns nicht leisten“ ist eines dieser Bücher, die man eigentlich nur „kurz mal anlesen“ will und dann an einem Wochenende durchhat. Davoudvandi schreibt zugänglich, ohne flach zu werden, persönlich, ohne larmoyant zu klingen. Wer selbst in einer Sozialbau-Familie aufgewachsen ist, wird sich an vielen Stellen wiedererkennen. Wer das nicht kennt, lernt einiges über ein Land, das gern so tut, als hätte es kein Klassenproblem. Eine klare Empfehlung — und ehrlich gesagt: das wichtigste Sachbuch-Memoir, das mir dieses Jahr untergekommen ist.

Autorin

Miriam Davoudvandi wurde 1992 in Bukarest geboren, als Tochter einer rumänischen Mutter und eines iranischen Vaters. Mit sechs Jahren kam sie nach Süddeutschland, aufgewachsen ist sie in Bad Säckingen an der Schweizer Grenze. Ihre journalistische Laufbahn startete sie mit Texten über Rap, später war sie Chefredakteurin eines Hip-Hop-Magazins. Heute schreibt sie für SPIEGEL, taz und Zeit über Pop, Politik und Psyche, hostet beim WDR den Podcast „Danke, gut“ und hat fürs Berliner Ensemble Theatertexte verfasst („It’s Britney, Bitch!“). „Das können wir uns nicht leisten“ ist ihr Buchdebüt.


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