Der Anfang von Raum und Zeit

Jonas Sehlen

Von Jean-Luc Lehners

Erscheinungstermin: 01.04.2026
Genre: Sachbuch / Kosmologie
Einband: Hardcover
Seitenzahl: 248 Seiten
ISBN: 978-3-426-56954-

Verlag: Droemer Knaur, München

Bewertung: 9 von 10

Wie aus dem Nichts ein ganzes Universum wird — und warum das mehr Sinn ergibt, als man denkt

Schau mal nachts hoch. Sterne, Schwärze, irgendwo da draußen 14 Milliarden Jahre Geschichte. Die Frage, was vor dem Urknall war, gehört zu denen, bei denen Physiker üblicherweise abwinken oder ins Schwurbeln geraten. Lehners macht weder das eine noch das andere. Er nimmt sich 248 Seiten Zeit, erklärt, was wir wirklich wissen, was wir vermuten — und wo die ehrliche Antwort lautet: keine Ahnung, aber so kommen wir näher dran.

Dass dieses Buch ohne eine einzige Formel auskommt, ist kein Marketing-Trick. Lehners hat zwei Jahre in Cambridge in Stephen Hawkings Kosmologiegruppe geforscht, danach 14 Jahre eine eigene Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam geleitet. Wer so tief in der Mathematik steckt, kann sich Klarheit leisten. Er muss nichts mehr beweisen, nur erklären. Und das macht den Unterschied.

Von Newton bis Hawking — die Brücke, die endlich hält

Lehners zieht die große Linie: Newton, Einstein, Quantenmechanik, Stringtheorie. Er erklärt, warum wir all diese Werkzeuge brauchen, weil keines davon allein reicht. Sterne erklären sich anders als Quarks. Galaxien anders als Schwarze Löcher. Erst zusammen ergibt sich ein Bild – und auch das hat noch Lücken.

Was hier funktioniert: Er behandelt seine Leser nicht wie Schüler, sondern wie neugierige Kollegen. Wenn er von Raumzeitkrümmung erzählt, kommt das nicht als verkleinerte Vorlesung daher, sondern als Versuch, dich da hinzukriegen, wo er selbst gerade steht. Konkret. Mit Bildern aus dem Alltag, die tragen.

Die Themen, die er abklopft, lesen sich wie eine Liste der wirklich großen Fragen:

  • Was war eigentlich vor dem Urknall – und ist die Frage überhaupt sinnvoll?
  • Warum dehnt sich das Universum immer schneller aus, und was ist diese Dunkle Energie?
  • Wie kann etwas aus dem Nichts entstehen, ohne dass die Physik dabei zusammenbricht?
  • Gibt es parallele Universen, oder ist das nur eine schöne Idee?
  • Warum haben wir nach Jahrzehnten Suche immer noch keine Spur von außerirdischem Leben?
  • Was, wenn Zeit selbst erst mit dem Universum entstanden ist?
Wo das Buch wirklich groß wird

Im Mittelteil zünden ein paar hochglänzende Farbabbildungen – Galaxien, Hintergrundstrahlung, das übliche schöne Astrobild-Material. Schmückwerk, ja. Aber sie ankern den Text. Du liest über das kosmische Mikrowellenhintergrundrauschen und denkst plötzlich: Genau, das war doch das Rauschen auf den alten Röhrenfernsehern. Lehners erzählt das in Interviews nebenbei, und im Buch zieht er ähnliche Verbindungen – kosmische Großthemen runter ins Wohnzimmer.

Stark wird’s, wenn er sich nicht zu schade ist, „wir wissen es nicht“ zu schreiben. Die Frage, ob Raum und Zeit selbst aus dem Nichts hervorgehen können, ist sein Kernthema. Er stellt Modelle vor, sagt klar, welche bisher die Nase vorn haben, und welche offenen Stellen bleiben. Das ist das Gegenteil von dem populärwissenschaftlichen Reflex, alles glatt zu erzählen.

Schmal, aber dicht

248 Seiten klingen schmal für ein Buch über das gesamte Universum. Sind sie auch. Aber das ist die Stärke: kein Wort zu viel, keine Geschwätzigkeit, kein „und nun ein Kapitel über mich“. Lehners kommt zum Punkt. Wer mit Hawkings Eine kurze Geschichte der Zeit aufgewachsen ist, findet hier die Fortsetzung — auf dem Stand von 2026, mit allem, was wir in 40 Jahren Kosmologie dazugelernt haben.

Fazit: Ein Buch, das den Himmel über dir verändert

Wer nach der Lektüre nochmal nachts rausgeht, schaut anders nach oben. Nicht weil das Universum ein anderes wäre — sondern weil man plötzlich versteht, wie wenig man bisher gefragt hat. Lehners liefert kein Lehrbuch und kein Mysterien-Geraune, sondern den klaren Versuch eines Forschers, sein Spezialwissen weiterzugeben. Für alle, die wissen wollen, woher das hier alles kommt – ohne in der Mathe zu ersaufen. Ein Sachbuch, das man in zwei Abenden durchhat und Wochen später noch im Kopf.

Autor:

Dr. Jean-Luc Lehners, Jahrgang 1978, geboren in Luxemburg, ist Gravitationsphysiker und Kosmologe. Studium am Imperial College London und in Cambridge, 2005 Promotion über Stringtheorie. Danach Forschungsstationen in Cambridge — zwei Jahre in Stephen Hawkings Kosmologiegruppe — sowie in Princeton und am Perimeter Institute in Kanada. Von 2010 bis 2024 leitete er die Arbeitsgruppe Theoretische Kosmologie am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam. Heute arbeitet er als freier Autor. Sein Forschungsschwerpunkt: der frühe Kosmos, der Urknall und die Frage, welche Rolle Quanteneffekte am Anfang von allem spielen.


Weitere Literaturrezensionen:
Schon geteilt?