Von Rüdiger Fritsch

Ein Sohn, der die Wahrheit wissen wollte
Wer nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Familie geboren wurde, in der nie offen über Schuld gesprochen wurde, kennt dieses Gefühl: Etwas hängt in der Luft, wird aber nicht benannt. Rüdiger von Fritsch ist mit diesem Gefühl aufgewachsen – und er hat Jahrzehnte damit verbracht, herauszufinden, was es bedeutet. Sein Buch ist kein bequemes Familienprojekt, das Erzählungen aus der Vergangenheit glättet. Es ist eine Auseinandersetzung mit einem Vater, der bis zu seinem Tod 2006 überzeugter Nationalsozialist blieb – und trotzdem sein Vater war.
Dass dieses Buch ausgerechnet von einem früheren Botschafter, BND-Vizepräsidenten und Unterhändler der EU-Osterweiterung stammt, ist kein Zufall. Fritsch hat sein Berufsleben der Verständigung gewidmet – mit Polen, mit Russland, mit dem östlichen Europa. Die eigene Familiengeschichte war dabei immer im Gepäck, mal schweigend, mal laut.
Zwischen Gut Plonian und der SS-Zivilverwaltung Litauens
Die Familie von Fritsch kommt aus zwei Welten, die das 20. Jahrhundert zerrissen hat. Die Mutter stammte aus deutschbaltischem Adel. Die Großeltern Annie und Paul-Adolf von Hahn lebten auf einem Gut im Norden Litauens – Plonian, ein Sehnsuchtsort, den die Familie durch den Zweiten Weltkrieg verlor. Das „Reich” war für die Deutschbalten ein Ausland, das man sprachlich und kulturell kannte, dem man aber nie wirklich angehört hatte. Der Vater Thomas von Fritsch: sächsischer Adel, 1928 in die Partei eingetreten, SS-Offizier in der Zivilverwaltung Litauens. Dazu der Großonkel Werner von Fritsch – einst Oberbefehlshaber des Heeres, 1938 von Hitler kaltgestellt und 1939 vor Warschau gefallen.
Das ist viel Stoff. Fritsch trägt ihn nicht als Familienepos auf, sondern bohrt: Was wussten die? Was haben sie getan? Was haben sie nie erzählt?
Der Vater – geliebt und unbelehrbar
Das ist der Kern des Buches, und der sitzt. Thomas von Fritsch kümmerte sich liebevoll um seine fünf Kinder, war präsent, hochintelligent, diskussionsbereit. Und doch: Kein Argument, kein Zeitzeuge, kein Dokument bewegte ihn. Alle Versuche, ihn mit den Verbrechen der Nazis zu konfrontieren, schmetterte er als Falschinformationen ab. Bis zu seinem Tod.
Das beschreibt Fritsch ohne Anklage und ohne Versöhnungsgeste zum falschen Zeitpunkt. Er schildert einfach, wie es war:
- Als Kind die Erzählungen der Erwachsenen aufzusaugen – diffus, widersprüchlich, emotional geladen
- Im Internat plötzlich auf eine andere Geschichtsschreibung zu treffen, die alles infrage stellt
- Den Vater nicht als Monster, sondern als Menschen zu kennen, der trotzdem Ungeheuerliches geglaubt hat
- Schuld, die in der Familie immer nach außen ausgelagert wurde – auf „Deutschlands Feinde”
- Das Schweigen, das Familienabende gerettet und gleichzeitig vergiftet hat
- Die Frage, was man einem Vater schuldet, dem man intellektuell widerspricht, aber emotional verbunden bleibt
Diplomat mit Gepäck
Fritschs Karriere führte ihn genau dorthin, wo seine Familiengeschichte ihre Orte hat: Warschau, Moskau, das Baltikum. Er verstand seine Arbeit als Beitrag zur Aussöhnung – und das klingt nicht nach einer aufgesetzten Formel, wenn man weiß, mit welchem Erbe er antrat. Das Buch macht diese Verbindung sichtbar, ohne sie zu überziehen. Geschichte wird hier nicht als abgeschlossene Epoche behandelt, sondern als etwas, das sich in Familien fortschreibt, in Kindern weiterlebt, in Schweigen überlebt.
Fazit: Ein Buch, das nichts aufrechnet – und genau deshalb trifft
Wer hofft, dass Fritsch am Ende mit seinem Vater ins Reine kommt, wird enttäuscht – und das ist gut so. Dieses Buch ist keine Versöhnung, es ist ehrlicher als das. Es zeigt, wie viele deutsche Familien mit einem Erbe gelebt haben, das sie nicht benennen konnten oder wollten. Für alle, die ähnliche Geschichten kennen – aus der eigenen Familie, aus Erzählungen, aus der deutschen Nachkriegsgesellschaft – ist es ein ruhiges, aber kraftvolles Buch. Eines, das lange nachhallt.
Autor:
Rüdiger von Fritsch, geboren 1953, war einer der erfahrensten deutschen Diplomaten seiner Generation. Er hielt in den 1980er Jahren in Warschau den Kontakt zur illegalen demokratischen Opposition, bereitete die EU-Osterweiterung als Unterhändler in Brüssel vor und war Vizepräsident des BND sowie Leiter des Planungsstabes des Bundespräsidenten. Von 2010 bis 2014 war er Botschafter in Polen, von 2014 bis 2019 in Russland. Seine Analyse-Bücher zu Putins Russland – Russlands Weg, Zeitenwende und Welt im Umbruch – wurden allesamt SPIEGEL-Bestseller. Die Geschichte in mir ist sein persönlichstes Buch.














