Die vergessenen Kinder

Antje

Von Emily Gunnis

Erscheinungstermin: 11.9.2024 (deutsche Ausgabe)
Genre: Roman / Psychologischer Thriller / Familiendrama
Einband: Gebundenes Buch
Seitenzahl: 444 Seiten
ISBN: 978-3-453-27496-9

Verlag: Penguin Verlag

Bewertung: 7 von 10
Klappentext:

Ein tragischer Cold Case, eine alte Schuld und ein düsteres Geheimnis Sussex 1985: Holly Moore führt ein trostloses Leben im düsteren Waisenhaus Morgate. Für ein wenig Zuneigung würde die einsame Teenagerin alles tun. Als sie einem jungen Mann begegnet, der sich aufrichtig um sie zu sorgen scheint, keimt Hoffnung in ihr auf.
2015: Jo Hamilton blickt auf eine lange Karriere bei der Polizei zurück. Als die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt wird, holt sie ein Cold Case wieder ein, der sie nie losgelassen hat: Handelt es sich bei dem Fund um Holly Moore, die damals spurlos verschwunden ist? Und was ist mit dem anderen Mädchen aus dem Waisenhaus, dessen Tod ebenfalls nicht aufgeklärt wurde? Im Zuge der Ermittlungen wird Jo klar, dass sie sich der furchtbaren Schuld stellen muss, die sie damals auf sich geladen hat.

Inhalt/ Rezension:

Emily Gunnis’ „Die vergessenen Kinder“ entfaltet seine Geschichte auf zwei miteinander verflochtenen Zeitebenen – Sussex 1985 und 2015 – und erschafft dabei ein komplexes Geflecht aus Geheimnissen, Schuld und der Suche nach Wahrheit.

Der Roman beginnt in den 1980er-Jahren im Waisenhaus Morgate, einem Ort, der mehr an eine düstere Anstalt erinnert als an einen sicheren Zufluchtsort für Kinder. Hier lebt Holly Moore, ein junges Mädchen, das geprägt ist von Einsamkeit und dem ständigen Kampf um Aufmerksamkeit und Zuneigung. Gunnis zeichnet Holly als verletzliche, aber auch entschlossene Figur, deren Hoffnung auf ein besseres Leben wie ein flackerndes Licht in einer feindseligen Umgebung wirkt. Als sie einem jungen Mann begegnet, der ihr Vertrauen zu gewinnen scheint, spürt man, dass dieser Moment für Holly alles verändern könnte – doch genau darin liegt der Beginn des zentralen Mysteriums.

Drei Jahrzehnte später begleitet die Handlung Jo Hamilton, eine erfahrene Polizistin, die mit einem Fund konfrontiert wird, der alte Wunden aufreißt. Ein menschliches Skelett wird entdeckt, und alles deutet darauf hin, dass es sich um Holly handeln könnte, die 1985 spurlos verschwand. Doch Jo wird nicht nur mit diesem Cold Case konfrontiert – es gibt noch einen weiteren, ungelösten Todesfall im Zusammenhang mit dem Waisenhaus. Mit jeder neuen Spur taucht Jo tiefer in ein Netz aus Lügen, Schweigen und ungesühnten Verbrechen ein.

Besonders fesselnd ist die Atmosphäre, die Gunnis erschafft. Das Setting in Sussex ist nicht nur Kulisse, sondern wirkt wie ein eigenständiger Charakter: nebelverhangene Küsten, verfallene Gebäude, bedrückende Geheimnisse hinter verschlossenen Türen. Die Kapitel wechseln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, was für eine stetige Spannung sorgt, während die beiden Zeitebenen Stück für Stück zusammengeführt werden.

Neben dem Kriminalfall steht auch das Thema Schuld im Mittelpunkt. Jo Hamilton trägt eine eigene Last, die mit den Geschehnissen im Waisenhaus verknüpft ist. Ihre innere Zerrissenheit zwischen professioneller Distanz und persönlicher Verwicklung macht sie zu einer vielschichtigen Hauptfigur. Auch die Nebenfiguren sind detailreich gezeichnet: von den Heimkindern, die ihr eigenes Überleben sichern müssen, bis hin zu den Erwachsenen, deren Entscheidungen lange Schatten werfen.

Stilistisch ist Gunnis’ Sprache klar, atmosphärisch und packend. Sie wechselt geschickt zwischen ruhigen, emotionalen Momenten und Passagen voller Spannung. Dabei bleibt die Autorin stets respektvoll gegenüber dem sensiblen Thema – Misshandlungen in Heimen – ohne ins Voyeuristische abzurutschen.

„Die vergessenen Kinder“ ist letztlich nicht nur ein Krimi, sondern auch eine emotionale Reise in die Vergangenheit. Es geht um Vertrauen, um gebrochene Versprechen und um die Frage, wie weit Menschen bereit sind zu gehen, um die Wahrheit zu verschleiern – oder ans Licht zu bringen.

Fazit:

Emily Gunnis gelingt ein atmosphärisch dichter Roman, der historische und psychologische Tiefe miteinander verbindet. Die Mischung aus Cold Case, düsteren Geheimnissen und emotionalen Schicksalen zieht Leser:innen in ihren Bann, ohne dabei sensationsheischend zu wirken. Ob das Buch gefällt, hängt davon ab, wie sehr man sich auf ernste Themen und langsamen Spannungsaufbau einlassen kann.

Autorin:

Emily Gunnis, geboren in Brighton, wuchs als Tochter der bekannten Autorin Penny Vincenzi auf. Sie arbeitete viele Jahre als Drehbuchautorin für das britische Fernsehen, bevor sie sich dem Schreiben von Romanen widmete. Mit ihrem Debüt „Das Haus der Verlassenen“ gelang ihr ein internationaler Erfolg. Gunnis’ Markenzeichen ist das Ineinanderweben mehrerer Zeitebenen, kombiniert mit starken Emotionen und spannenden Handlungssträngen.


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