Die Zukunft des Fußballs

Jonas

Von Tobias Escher

Erscheinungstermin: 15.05.2026
Genre: Sachbuch / Sport & Technik
Einband: Taschenbuch
Seitenzahl: 272 Seiten
ISBN: 978-3-499-01916-6
Verlag: Rowohlt Taschenbuch, Hamburg

Bewertung: 8 von 10
Wenn der Trainer plötzlich gegen den Algorithmus antritt

Fußball war mal die Sportart, bei der am Ende der bessere Wille gewinnt. Heute entscheidet oft eine Kamera unter dem Stadiondach, wer Talent hat und wer nicht. Genau da setzt Tobias Escher an: Er zeigt, wie aus neunzig Minuten Spiel ein Datenberg wird, der in Echtzeit ausgewertet wird – jede Bewegung, jeder Zentimeter, jeder Zweikampf. Kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von Analyseabteilungen, die inzwischen genauso viel Einfluss haben wie mancher Cheftrainer. Das Buch fragt dabei nicht nur, was technisch alles geht, sondern auch, wem das nützt und wem es schadet.

Escher ist dafür genau der Richtige. Er hat mit „Spielverlagerung.de” einen der bekanntesten Taktikblogs Deutschlands mitgegründet und analysiert seit Jahren Bundesliga-Spiele fürs Fernsehen und für Rocket Beans TV. Bei Rowohlt sind bereits mehrere seiner Bücher erschienen, zwei davon Spiegel-Bestseller. Wer seine Texte kennt, weiß: Er erklärt Taktik so, dass man sie danach im Wohnzimmer nachspielen könnte – und genau dieses Talent nutzt er jetzt für ein komplexeres Thema.

Vom Strichzettel zur KI

Escher holt weit aus und das tut dem Buch gut. Datenanalyse im Fußball ist keine Erfindung der letzten Jahre, sondern reicht bis vor den Zweiten Weltkrieg zurück, als erste Statistiken zur Chancenverwertung geführt wurden. Von dort spannt er den Bogen über den Expected-Goals-Wert, der heute in jeder Spielanalyse auftaucht, bis zu 3D-Erfassungssystemen, die Spieler millisekundengenau vermessen. Diese historische Einordnung macht klar: Die aktuelle KI-Welle ist nur die vorläufig letzte Stufe einer Entwicklung, die viel früher begann.

Besonders spannend wird es, wenn Escher konkret wird und zeigt, wie Klubs diese Werkzeuge tatsächlich einsetzen:

  • Eigene Datenabteilungen bei Top-Klubs, die Talente aufspüren, bevor die Konkurrenz überhaupt hinschaut
  • Der FC Liverpool als Beispiel für ein Meisterteam, das maßgeblich am Datentisch zusammengestellt wurde
  • Beratungsfirmen, die viel Geld dafür bekommen, den Erfolg auf dem Rasen zu berechnen
  • Die schrumpfende Entscheidungsmacht von Trainern gegenüber Analyseabteilungen
  • Die Frage, ob ChatGPT-artige Systeme bald mitreden, wenn es um Aufstellungen geht
Die unbequeme Seite der Zahlen

Was das Buch von reiner Technikbegeisterung abhebt: Escher blendet die Schattenseiten nicht aus. Er macht deutlich, dass Datenanalyse vor allem den reichen Klubs nützt, die sich teure Systeme und Personal leisten können – während kleinere Vereine bei diesem Wettrüsten hinterherhinken. Das verschärft eine Ungleichheit, die im Profifußball ohnehin schon groß ist. Hier merkt man, dass Escher nicht nur Fan der neuen Möglichkeiten ist, sondern auch klar benennt, wer dabei auf der Strecke bleibt.

Fazit: Ein Buch, das den Videobeweis erklärt, bevor er zum Aufreger wird

„Die Zukunft des Fußballs” ist kein Buch für Leute, die nur Tore und Emotionen wollen. Es ist für alle, die verstehen möchten, warum ihr Verein plötzlich Datenanalysten einstellt und warum der nächste Wunderspieler vielleicht zuerst am Bildschirm entdeckt wird. Escher schreibt klar, ohne sich in Fachbegriffen zu verlieren, und liefert am Ende genug Stoff für die nächste Diskussion an der Theke: Kann eine Maschine Fußball wirklich verstehen – oder fehlt ihr am Ende doch das Bauchgefühl?

Autor

Tobias Escher ist Mitbegründer des Taktikblogs „Spielverlagerung.de”, der für seine fundierten Analysen mehrfach ausgezeichnet wurde. Im Fernsehen ordnet er Bundesliga-Spiele für Sky Deutschland ein, bei Rocket Beans TV analysiert er sie in der Sendung „Bohndesliga”. Als freier Journalist schreibt er unter anderem für „11 Freunde”. Bei Rowohlt sind bereits sechs weitere Bücher von ihm erschienen, darunter die Spiegel-Bestseller „Der Schlüssel zum Spiel” und „Vom Libero zur Doppelsechs”.


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