Im Namen der Barmherzigkeit

Antje

Von Hera Lind

Erscheinungstermin: 04. November 2024
Genre: Tatsachenroman
Einband: Kartoniert / Broschiert
Seitenzahl: 464 Seiten
ISBN: 978-3-426-52837-2

Verlag: Droemer/Knaur

Bewertung: 7 von 10
Inhalt/ Klappentext:

Mitfühlend und Mut machend erzählt Spiegel-Bestseller-Autorin Hera Lind in ihrem Tatsachenroman »Im Namen der Barmherzigkeit« das Schicksal von Steffi, die Furchtbares durchgemacht hat. Aber zum Schweigen hat sie sich nicht bringen lassen.
Im Namen der Barmherzigkeit nimmt die steirische Bauernfamilie Kellerknecht jedes Jahr ein Pflegekind auf. So kommt die knapp dreijährige Steffi in den Siebzigerjahren auf den abgelegenen Bauernhof. Zwischen den anderen Pflegekindern lernt sie schnell, dass sie für ihre kargen Mahlzeiten und das Etagenbett in der Dachkammer hart schuften muss, und zwar barfuß. Ab ihrem neunten Lebensjahr wird Steffi vom Bauern regelmäßig missbraucht. Mit fünfzehn ist sie schwanger und wird in ein Kloster abgeschoben, wo sich barmherzige Nonnen um ledige junge Mütter kümmern. Steffi will ihrem Kind eine bessere Kindheit bieten und macht sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter…

Rezension:

Das Buch beginnt in den frühen 1970er Jahren in der Steiermark, in einem abgelegenen Bauernhof, weit weg von den großen Zentren, wo das Leben hart ist und soziale Kontrolle kaum existiert. Dort landet Steffi, knapp drei Jahre alt, als Pflegekind bei der Bauernfamilie Kellerknecht; eine Familie, die regelmäßig Heimkinder aufnimmt. Schon als Kind spürt Steffi, dass ihr Alltag von Entbehrung und Härte geprägt ist: karge Mahlzeiten, ein Etagenbett in einer Dachkammer, barfuß durch das raue Gelände und stumm vor Sorge und Angst. Die anderen Pflegekinder sind keine enge Gemeinschaft, eher Mit-Gefährten in geteiltem Leid.

Mit dem Heranwachsen wird die Situation zunehmend düsterer. Ab neun Jahren beginnt der Bauernvater, Steffi sexuell zu missbrauchen. Diese Dunkelheit schlägt in ihr Wut, Scham, Einsamkeit – und irgendwann Stillstand, denn sie glaubt, niemand werde ihr glauben oder helfen. Die Jahre schleifen sich. Steffi arbeitet unermüdlich, schweigt aber innerlich. Die Bauernfamilie genießt im Umfeld einen guten Ruf; niemand sieht genau hin oder hinterfragt.

Als sie mit fünfzehn schwanger wird, überschlagen sich die Ereignisse: Die Bauernfamilie kann den Skandal nicht länger ignorieren und schiebt sie ab in ein Kloster. Ein Ort, der zunächst Rettung verspricht – mit Nonnen, die sich um junge Mütter kümmern – doch auch hier ist der Weg steinig. Nicht jede seelische Narbe heilt durch einen Tapetenwechsel. Steffi kämpft mit Schuldgefühlen und dem Gefühl, zu viel verloren zu haben. Gleichzeitig wächst in ihr der Wunsch nach Gerechtigkeit und Selbstbestimmung.

Parallel zur persönlichen Entwicklung Steffis entfaltet das Buch ein größeres Panorama: Das System, das Heimkinder an arme Bauern vergibt, die soziale Verwurzelung von Scham, die Angst, als Opfer bloßgestellt zu werden – und wie Schweigen und Täuschung das Leben prägen. Es wird deutlich, dass Steffis Einzelgeschichte kein Ausnahmefall ist, sondern Teil eines gesellschaftlichen Versäumnisses, das über Jahre hin weg verdrängt, verharmlost und verschwiegen wurde.

Steffi, nun Mutter, sucht nach ihrer leiblichen Mutter – ein Versuch, sich selbst ein Stück Identität zurückzuerobern. Die Suche ist weniger geografisch als seelisch: Was heißt Familie? Was heißt Schutz? Und vor allem: Wie bewahrt man sich Würde, wenn man über lange Zeit entmündigt wurde?

Das Ende des Buches gibt keine saftige Genugtuung, aber es ermöglicht eine Art Versöhnung mit dem Unvermeidlichen: Steffis Weg aus der Dunkelheit, ihr Widerstand gegen das Schweigen und ihre Entscheidung, ihr Kind nicht in dieselbe Unsicherheit hineinzubringen, bieten Hoffnung, ohne zu beschönigen. Die Kraft liegt nicht in der Auflösung, sondern in dem Mut, den Schritt überhaupt zu wagen.

Fazit:

Im Namen der Barmherzigkeit ist ein Buch, das wehtut – und genau darin liegt seine Stärke. Es ist nicht nur die Geschichte eines einzelnen Mädchens, sondern auch ein Spiegel dessen, wie leicht menschliche Schreie überhört werden, wie tief Scham, Schweigen und Machtliegen in Strukturen verankert sind. Hera Lind schafft es, Steffis Stimme hörbar zu machen, ohne zu sensationalisieren.

Die Atmosphäre des Romans ist durchzogen von Kälte – nicht immer physisch, eher seelisch und sozial –, aber auch von einer zarten Wärme von Mitgefühl, Solidarität und der leisen Hoffnung, dass Gerechtigkeit und Eigenständigkeit möglich sind. Man leidet mit Steffi, man spürt ihre Angst, ihre Erstarrung und dann ihren zaghaften, aber unaufhaltsamen Aufbruch.

Der Spannungsaufbau ist bewusst langsam: Es sind nicht die äußeren Action-Höhepunkte, die fesseln, sondern das Wachsen der inneren Erkenntnis, das Verlangen nach Würde. Das macht das Lesen emotional intensiv und manchmal schwer.

Ein paar Schwächen sind nicht von der Hand zu weisen: Manche Passagen ziehen sich, insbesondere die Zeit, in der Steffi in ihrer Rolle als Pflegekind gefangen ist – zwar realistisch, aber doch sehr belastend. Wer solche Themen meidet, wird das Buch möglicherweise als zu düster oder bedrückend empfinden. Es ist kein Werk fürs leichte Lesen nach Feierabend – eher eine Begleitung.

Für Leserinnen und Leser, die Geschichten mögen, die etwas mit einem machen, die nachhallen und wachrütteln, ist dieses Buch hervorragend geeignet. Wer lieber Unterhaltungslektüre ohne starken emotionalen Tiefgang möchte, könnte überfordert sein.

Autorin:

Hera Lind (Pseudonym) ist eine deutsche Autorin, die Germanistik, Musik und Theologie studierte. Bevor sie sich dem Schreiben widmete, war sie als Sängerin aktiv. Sie erlangte große Bekanntheit durch Romane wie Das Superweib, Der gemietete Mann und Himmel und Hölle, meist leichte bis mittlere Unterhaltungsliteratur mit einem Hang zu romantischen Themen. In den letzten Jahren hat sie sich zunehmend Tatsachenromanen zugewandt – Geschichten, die auf realen Schicksalen beruhen und gesellschaftliche Themen aufgreifen. Sie lebt mit ihrer Familie in Salzburg.


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