Von Pauline Voss und Julian Reichelt (Hg.)
Erscheinungstermin: 16.03.2026
Genre: Sachbuch / Politik / Streitschrift
Einband: Paperback
Seitenzahl: 192 Seiten
ISBN: 978-3-98791-369-3
Verlag: Westend Verlag, Neu-Isenburg

Links – Deutsch / Deutsch – Links — ein Wörterbuch mit klarer Schlagrichtung
Es gibt Bücher, an denen man nicht vorbeikommt, ob man will oder nicht. „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ ist so eins. Im Frühjahr 2026 stand es auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste Sachbuch Paperback, blieb wochenlang in den Top 10 und ist für viele längst zum Gesprächsstoff geworden. Das erste NIUS-Buchprojekt von Julian Reichelt und Pauline Voss verspricht im Klappentext, „Schlüsselbegriffe linker Deutungshoheit“ zu dekonstruieren — von „unsere Demokratie“ über „Hass und Hetze“ bis „gebärende Person“.
Hinter dem Cover steckt ein klares Konzept: 139 alphabetisch sortierte Stichwörter, kurze, pointierte Einträge, ein paar prominente Namen wie Harald Martenstein, Waldemar Hartmann oder Gloria von Thurn und Taxis als Gastautor*innen. Reichelt, geboren 1980, ehemaliger Bild-Chefredakteur und seit 2023 NIUS-Gründer, macht aus seiner Mission keinen Hehl: Im Vorwort spricht er von einem „kulturell-medialen Gefängnis“, aus dem das Buch ausbrechen soll.
Was zwischen den Buchdeckeln steckt
Die Einträge sind kurz, oft polemisch, manchmal humorvoll, manchmal mit ernsthaftem Anliegen. „Delegitimierung“, „Demokratieförderung“, „Haltung“ — das sind tatsächlich Begriffe, über die man streiten kann und sollte. Wer politische Sprache nicht naiv konsumiert, wird einigen Beobachtungen sogar zustimmen können. Sprache ist nie neutral, das stimmt. Begriffe transportieren Wertungen. Bis hierhin ist die Grundthese unstrittig.
Spannend wird’s dann, wenn das Buch konkret wird. Manche Einträge zielen auf echte Schwachstellen im öffentlichen Diskurs — etwa wie Polizeimeldungen Taten manchmal sprachlich entschärfen oder wie schnell „Haltung“ zur Floskel wird. Andere Einträge schießen weit übers Ziel hinaus. „Geflüchtete“ wird laut Rezension im Tagesspiegel als Migranten definiert, die unter Asylrechtsmissbrauch ins Land gekommen seien, der menschengemachte Klimawandel landet zwischen Anführungszeichen unter „Voodoo Science“. Das ist dann keine Sprachkritik mehr, sondern eine eigene politische Setzung.
Was funktioniert — und was nicht
Das Buch hat seine Stärken. Es liest sich schnell, ist klar strukturiert, kommt ohne akademisches Vokabular aus. Wer eine knappe Übersicht möchte, was im konservativen und rechten Lager gerade an sprachlicher Kritik formuliert wird, bekommt sie hier kompakt. Die Lesbarkeit ist hoch, die Kapitel sind kurz, das Format passt für zwischendurch.
Das Problem ist die Asymmetrie:
- Begriffe der eigenen politischen Seite werden nicht analysiert
- Bei den Buchstaben C, X und Y stehen laut Tichys Einblick gar keine Einträge — gerade C hätte sich für einige selbstreflexive Stichwörter angeboten
- Ein paar Reizwörter wie „Demokratieabgabe“ werden aufgebauscht, obwohl sie in der Praxis kaum jemand verwendet
- Komplexere Begriffe mit echter Diskussionssubstanz werden eher mit Pointe als mit Argument abgehandelt
- Mehrere Beiträge nutzen dieselben Stilmittel, die das Buch auf der gegnerischen Seite anprangert: Verkürzung, Suggestion, moralische Aufladung
Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat in seiner Rezension darauf hingewiesen, dass das Buch oft an Pappkameraden gerät, statt sich an den eigentlich harten Begriffen abzuarbeiten. Der Punkt sitzt — auch wenn man Niggemeiers Härte nicht teilen muss.
Für wen ist das Buch eigentlich?
Ganz ehrlich: für die eigene Zielgruppe. Wer NIUS schon schaut, wird sich bestätigt fühlen. Wer das Lager skeptisch sieht, wird beim Lesen mehrfach den Kopf schütteln. Spannend wird’s eigentlich nur für die Mitte dazwischen — für Leser*innen, die mit ein paar Beobachtungen zur Sprachpolitik durchaus mitgehen, aber stutzig werden, wenn dieselben Mechanismen, die das Buch anklagt, im Buch selbst stattfinden. Ein Buch über manipulative Sprache, das selbst kräftig mit ihr arbeitet, ist erstmal — nun ja — interessant.
Was bleibt
„Links – Deutsch / Deutsch – Links“ ist kein dummes Buch, aber auch kein neutrales. Es ist eine Streitschrift, die sich als Wörterbuch verkleidet, und es funktioniert auf dieser Ebene besser als auf der enzyklopädischen. Wer’s so liest — als pointierte Kampfschrift einer politischen Strömung, die ihre eigene Sprache mitgestalten will — kriegt, was draufsteht. Wer ein analytisches Sachbuch über politische Sprache erwartet, ist mit Elisabeth Wehlings Arbeiten zum Framing oder mit klassischer Sprachkritik in der Tradition von Hans Jürgen Heringer deutlich besser bedient.
Fazit: Mehr Streitschrift als Sachbuch — und das sollte man wissen
Das Buch macht das, was es ankündigt — nur eben sehr viel einseitiger, als es sich selbst zugeben würde. Wer wissen will, wie ein Teil des konservativen und rechten Lagers gerade über Sprache denkt, kann hier reinschauen und in zwei Stunden durch sein. Wer Sprachkritik als beidseitiges Geschäft versteht — bei dem auch die eigenen Begriffe auf den Tisch kommen — wird hier nicht fündig. Drei Sterne fürs Konzept, zwei für die Lesbarkeit, der Rest geht für die fehlende Selbstkritik wieder ab. Ein Buch, das man kennen kann, ohne es feiern zu müssen.
Autoren
Julian Reichelt, geboren 1980, ist Chefredakteur des Online-Magazins NIUS, das er 2023 gründete. Nach Abitur und Volontariat bei der Bild-Zeitung berichtete er als Kriegsreporter aus Afghanistan und dem Irak und erhielt 2008 den Axel-Springer-Preis. Ab 2014 leitete er Bild.de, ab 2018 die Bild-Chefredaktion, bis er 2021 entlassen wurde. Seit 2022 betreibt er den YouTube-Kanal „Achtung, Reichelt!“ und gilt als eine der prägenden Stimmen des konservativen Mediensektors in Deutschland.
Pauline Voss, geboren 1993, ist stellvertretende Chefredakteurin von NIUS und Co-Moderatorin von NIUS Live. Ihre journalistische Karriere begann sie bei der Neuen Zürcher Zeitung. Bekannt wurde sie u. a. durch ihre Recherchen zu staatlich finanzierten NGOs. Im März 2024 erschien ihr Buch „Generation Krokodilstränen – Über die Machttechniken der Wokeness“ im Europa Verlag.














