Muscheln am Strand von Gaza

Jonas Sehlen

Von Hamza Abu Howidy 

Erscheinungstermin: 29.04.2026
Genre: Biografie / Zeitzeugenbericht / Nahostkonflikt
Einband: Gebundenes Buch
Seitenzahl: 240 Seiten
ISBN: 978-3-10-397768-4
Verlag: S. Fischer, Frankfurt am Main

Bewertung: 8 von 10
Ein Palästinenser, der keiner Seite passt – und genau deshalb gehört werden muss

Bücher über Gaza gibt es viele. Meistens sind sie schon nach wenigen Seiten so einzusortieren: pro-israelisch oder pro-palästinensisch, akademisch oder emotional, westlicher Blick oder arabischer Blick. Hamza Abu Howidy passt in keines dieser Raster – und das ist das Erste, was dieses Buch besonders macht. Der 1997 in Gaza Geborene erzählt, wie er in einer Welt aufgewachsen ist, in der Jasmin und Schießpulver gleichzeitig in der Luft lagen. Und er erzählt davon ohne Pathos, ohne Agenda, ohne Kalkül.

Das Buch ist in Zusammenarbeit mit der Journalistin Judith Poppe entstanden, die mehrere Jahre als Korrespondentin in Tel Aviv war. Man merkt das: Der Text ist flüssig, klar und trotzdem nah am Erleben des Autors. Kein aufgeblähtes Sachbuch, kein trockener Bericht.

Muscheln sammeln, während die Hamas die Macht übernimmt

Das titelgebende Bild ist kein Zufall. Abu Howidy und sein Vater, der Strand, die Muscheln – das ist der Kern von Hamzas Kindheit. Ein Mann, der seinem Sohn das Leben erklärt, während um sie herum eine Terrorherrschaft aufgebaut wird. Die blutigen Kämpfe zwischen Hamas und Fatah in den 2000er Jahren finden nicht irgendwo statt, sondern direkt vor der Haustür. Als Kind schaut man zu, versteht nicht alles, spürt aber, dass etwas nicht stimmt.

Was das Buch herausarbeitet: Gaza ist nicht nur ein Kriegsschauplatz. Es ist ein Ort, an dem Menschen lieben, träumen, heimlich mit einer Freundin spazieren gehen – und trotzdem jeden Tag mit einer Ideologie konfrontiert werden, die alles kontrollieren will.

Verhaftet, gefoltert, geflohen – weil er Nein gesagt hat

Als Hamza Abu Howidy älter wird, fängt er an, die Hamas offen zu kritisieren. Er wird Teil der Protestbewegung „Wir wollen leben”, die 2019 in Gaza auf die Straße geht. Was folgt, ist brutal: mehrfache Verhaftungen, Folter durch den eigenen Geheimdienst. 2023 flieht er – über Ägypten, dann in einem Schlauchboot über das Mittelmeer, obwohl er nicht schwimmen kann.

Das Buch schildert diese Momente nicht als Heldengeschichte, sondern so, wie sie waren:

  • Das Aufwachsen zwischen Hamas-Propaganda und familiärer Wärme
  • Die Kämpfe zwischen Fatah und Hamas, die er als Kind direkt miterlebt
  • Die erste Verhaftung durch den Geheimdienst der Hamas
  • Die Folter und das Schweigen danach
  • Die Flucht übers Meer ohne Schwimmkenntnisse
  • Der Asylantrag in Deutschland – der zunächst abgelehnt wird
Weder Opfer noch Held

Das ist die stärkste Seite dieses Buches: Abu Howidy will nicht gefallen. Er kritisiert die Hamas ohne Umwege – aber er macht Israel nicht zum Gegenmodell. Er schreibt über seine Auseinandersetzung mit dem Islam, ohne den Glauben zu verteufeln. Er liebt Gaza, das es so nicht mehr gibt, und trauert darum. Manchmal fühle er sich, schreibt er, wie der einsamste Palästinenser der Welt. Das klingt nach Selbstmitleid, ist aber das Gegenteil: Es ist die Beschreibung einer Position, die von keiner Seite gestützt wird – und die er trotzdem hält.

Fazit: Ein Buch, das man nicht weglegt – und das man braucht

Wer verstehen will, was in Gaza wirklich passiert – nicht politisch, sondern menschlich – findet hier mehr als in vielen Sachbüchern zusammen. Abu Howidy macht aus einer persönlichen Geschichte einen Blick auf ein ganzes System. Das sitzt. Und es bleibt noch lange nach der letzten Seite.

Autor:

Hamza Abu Howidy, geboren 1997 in Gaza, studierte Wirtschaft und Verwaltung an der Islamischen Universität Gaza. Er engagierte sich früh gegen die Hamas-Herrschaft und gehörte zur Protestbewegung „Wir wollen leben”. Nach mehrfacher Verhaftung und Folter floh er 2023 über Ägypten und Griechenland nach Deutschland. Heute tritt er als freier Autor und Redner in deutschsprachigen und internationalen Medien für gewaltfreie Lösungen im Nahostkonflikt ein.


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