Von Kurt Prödel
Erscheinungstermin: 26.02.2026
Genre: Roman / Coming-of-Age
Einband: Hardcover
Seitenzahl: 272 Seiten
ISBN: 978-3-9881607-0-6
Verlag: park x ullstein, Berlin

Salto — wenn das Leben anfangen soll und erstmal alles auseinanderfliegt
Es gibt diesen Moment nach dem letzten Schultag, in dem alle so tun, als wäre jetzt die große Freiheit angebrochen. Tatsächlich ist es eher der Moment, in dem niemand mehr sagt, was man tun soll — und genau das macht es so unangenehm. Genau hier setzt „Salto“ an. Marko hat das beste Abi seines Jahrgangs, will Medizin studieren — und kriegt trotzdem keinen Studienplatz in Deutschland. Seine Freundin Claire will weg, raus, rein ins „echte Leben“. Und er? Versackt erstmal zwischen TikTok, Zukunftsangst und einem Wohnblock, der nach nassem Hund und Zitronenreiniger riecht.
Kurt Prödel ist nach „Klapper“ zurück, und wer das Debüt gelesen hat, weiß: Hier schreibt jemand, der die Drumsticks der Screenshots locker dauerhaft zur Seite legen könnte. Prödel, geboren 1991, aufgewachsen in NRW, hat für „Klapper“ 2025 den lit.COLOGNE Debütpreis bekommen und steht inzwischen auch beim Deutschen Jugendliteraturpreis auf der Liste. Mit „Salto“ beweist er: Das war kein Glückstreffer.
Wenn das Erbe der Mutter den Weg nach Budapest bezahlt
Markos Vater Igor zieht irgendwann das Familienerbe aus der Schublade. Was die Mutter hinterlassen hat, soll jetzt für eine Privatuni in Ungarn draufgehen. Medizinstudium in Budapest, bezahlt von allem, was die beiden haben. Das ist der Punkt, an dem die Geschichte ins Rollen kommt — und an dem Marko und Claire eben nicht gemeinsam losrennen, sondern in komplett verschiedene Richtungen.
Was Prödel besonders gut kann: Er erzählt die Mutter nicht. Er deutet sie nur an. Der Verlust ist kein großes Drama-Setpiece, sondern ein Krater, um den herum Vater und Sohn ihr Leben weiterleben. Genauso geht er mit Geld um. Wer keins hat, spürt das in jedem Satz — und die anderen merken’s nicht.
Kleine Szenen, die einem im Kopf bleiben
Das Buch lebt von diesen Mini-Beobachtungen, die nicht groß sein wollen, aber eben sind. Solche Sachen, die man selbst irgendwann mal gemacht hat und die einem hier wieder einfallen:
- Die Turnhalle in NRW, geschmückt für die Abifeier, die plötzlich nach mehr aussieht als nur nach Sportgeruch und Tischdecken
- Das Abknibbeln der Alufolie vom Döner, mitten in einem dieser Gespräche, die mehr sagen, als sie wollen
- Vollsuff am Rand der Bowlingbahn, weil keiner sich traut, ehrlich zu sein
- Markos Vater Igor, der versucht, den Laden zusammenzuhalten, und dabei selbst halb durchhängt
- Claires Familie, in der Geld kein Problem ist und trotzdem nicht alles passt
- Das stumme Scrollen durch TikTok, wenn das eigene Leben gerade keinen Plan hat
Eine Liebesgeschichte, die sich nicht so nennen will
Prödel verkauft „Salto“ als große Liebesgeschichte, und im Klappentext klingt das fast nach Kitsch — ist es aber überhaupt nicht. Die Liebe zwischen Marko und Claire ist genau so, wie sie mit 18, 19 ist: gemeint, aber überfordert. Beide gehen aneinander vorbei, weil sie gerade selbst nicht wissen, wer sie eigentlich sind. Und genau diese Ehrlichkeit macht’s so stark. Keine kitschige Reunion. Kein großes Versöhnungsbild. Stattdessen zwei Menschen, die rauskriegen müssen, ob sie einander noch tragen können.
Warum das Buch jetzt gerade passt
„Salto“ trifft einen Nerv, weil das Generationsthema — Studienplatzfrust, Privatuni in Ungarn, finanzielle Schräglagen, psychische Themen, die nebenbei mitlaufen — gerade einfach Realität ist. Prödel macht daraus aber kein Sozialdrama, sondern erzählt es so beiläufig, dass man’s erst beim Zuklappen merkt: Das war eigentlich ziemlich viel. Das Buch ist 272 Seiten dünn, hat ein Lesebändchen und liest sich an einem ruhigen Wochenende durch.
Fazit
„Salto“ ist kein Buch, das einem die Welt erklärt — und gerade deshalb funktioniert es. Prödel schreibt mit dieser ruhigen Zärtlichkeit für seine Figuren, die einen am Ende nicht traurig zurücklässt, sondern eher mit dem Gefühl, dass das alles irgendwie schon wird. Für alle, die nach dem Abi mal in einem Wohnblock saßen und nicht wussten, was jetzt. Für alle, die in einer Beziehung waren, die zwar gemeint war, aber nicht reichte. Und für alle, die „Klapper“ mochten und sich gefragt haben, ob da noch mehr geht. Antwort: ja, deutlich.
Autor
Kurt Prödel, geboren 1991, aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, lebt und arbeitet in Köln. Bekannt wurde er ursprünglich als Twitter-Phänomen — sein zusammengeschnittenes Video vom 17-minütigen Elfmeterschießen Deutschland-Italien bei der EM 2016 ging viral, bis die UEFA es sperren ließ. Er drehte Musikvideos für LGoony und Money Boy, ist Schlagzeuger der Punkband The Screenshots und saß als Sidekick bei „Studio Schmitt“. 2025 erschien sein Debütroman „Klapper“ bei Ullstein, der mit dem lit.COLOGNE Debütpreis ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. „Salto“ ist sein zweiter Roman.













