Von Katrine Engberg
Erscheinungstermin: 02. Oktober 2025
Genre: Skandinavischer Krimi / Thriller
Einband: Klappenbroschur
Seitenzahl: 448 Seiten
ISBN: 978-3-492-06513-9
Verlag: Piper Verlag GmbH

Inhalt/ Klappentext:
Als Privatermittlerin Liv Jensen im Haus eines Klienten Sicherheitskameras installieren will, nachdem dort eingebrochen wurde, dringt erneut jemand in das Haus ein! Liv kann sich gerade noch im Keller verstecken, hört aber, wie ihr Klient getötet wird. Sie beginnt zu recherchieren und stößt auf eine Verbindung zu einem vierzig Jahre alten Fall. Damals starb ein junger Mann in der Freistadt Christiania, die Ermittlungen leitete Livs Großvater! Blieb die Wahrheit etwa all die Jahre im Verborgenen? Und schwelten die Geheimnisse all die Jahre vor sich hin? Liv taucht tiefer in ihre eigene Familiengeschichte ein – und erkennt: Ein Mörder ist auf freiem Fuß. Einer, der weiß, wer sie ist.
Rezension:
Kopenhagen, Gegenwart. Es ist kein besonderer Auftrag. Liv Jensen, ehemalige Polizistin, heute Privatermittlerin mit schmalem Budget und kleinerer Kellerwohnung, soll schlicht ein paar Überwachungskameras installieren. Ein Rechtsanwalt hat Einbruchsspuren bemerkt, ist beunruhigt, braucht Sicherheit. Routinearbeit. Doch dann ist plötzlich nichts mehr Routine.
Während Liv noch im Keller hantiert, dringt ein Fremder ins Haus ein. Sie hört es. Sie kann nicht eingreifen. Sie erlebt, wie ihr Klient erschlagen wird – und ist machtlos. Dieser Moment, in dem das Grauen durch eine Kellertür dringt, setzt den Ton für den gesamten Roman. Es ist kein distanzierter Thriller. Es ist nah. Es ist körperlich. Es trifft.
Was folgt, ist eine Ermittlung, die sich in zwei Zeitebenen entfaltet. Liv beginnt zu recherchieren und stößt rasch auf eine Verbindung, die sie nicht erwartet hat: einen Todesfall, der vierzig Jahre zurückliegt. Ein junger Mann starb damals in der Freistadt Christiania – diesem anarchischen, eigenwilligen Mikrokosmos mitten in Kopenhagen, der für seine Hippie-Kultur, seine Freiheit, aber auch seine Schatten bekannt ist. Die damaligen Ermittlungen leitete kein Geringerer als Livs Großvater.
Hier wird der Roman persönlich. Tiefpersönlich. Denn Liv hat ihren Großvater bewundert. Er war ihr Vorbild, ihr Kompass. Und jetzt liegt die Frage im Raum: Was hat er damals wirklich gewusst? Was hat er verschwiegen?
Engberg erzählt diese Geschichte auf drei parallelen Spuren. Liv steht im Mittelpunkt, aber auch ihre Freundin und Vermieterin Hannah Leon – eine Krisenpsychologin mit eigenem emotionalem Gepäck – und Nima Ansari, der iranisch-dänische Automechaniker, begleiten die Handlung. Nima gerät in dieser Folge tief in einen Konflikt mit einem lokalen Drogenboss, was dem Roman eine weitere, bedrohliche Schicht verleiht.
Die Vergangenheitsebene, die im Jahr 1984 spielt, hebt sich stilistisch ab – ein klug gewähltes Mittel, das keine Verwirrung erzeugt, sondern Spannung aufbaut. Schicht um Schicht legt Engberg frei, was damals in Christiania geschah. Die Freistadt selbst ist dabei weit mehr als Kulisse. Sie ist ein Charakter. Ihre Straßen, ihre Gerüche, ihre Ambivalenz zwischen Freiheitsversprechen und Gewalt – all das ist spürbar, fast greifbar. Wer Kopenhagen kennt, wird das Buch kaum weglegen können. Wer es nicht kennt, wird es bereisen wollen.
Was Engberg meisterhaft beherrscht, ist das Verteilen falscher Fährten. Informationen, die gesichert wirken, entpuppen sich als lückenhaft. Figuren, denen man vertraut, tragen Geheimnisse. Und Liv selbst muss erkennen, dass Wahrheit unbequem ist – besonders dann, wenn sie in der eigenen Familie liegt.
Das Tempo ist hoch, aber nie gehetzt. Die kurzen Kapitel laden zum Weiterlesen ein. Die Figuren entwickeln sich, stolpern, zweifeln, wachsen – und das ist es, was diesen Roman über reinen Handlungsthriller hinaushebt. Es geht um Schuld. Um Erinnerung. Und darum, was wir bereit sind, für den Frieden der Familie zu opfern.
„Schwelbrand“ ist zugleich der Abschluss der Liv-Jensen-Trilogie. Das spürt man. Engberg zieht Fäden zusammen, die sie über drei Bände gesponnen hat. Es ist ein würdiger Abschluss – auch wenn das Loslassen schmerzt.
Fazit:
„Schwelbrand“ ist ein ruhiger, intensiver Kriminalroman, aber kein leichtes Buch.. Es fordert. Es berührt. Es hinterfragt, wie tief Familiengeheimnisse graben können und wie lange Wahrheit unter der Oberfläche schwelen kann, bevor sie ausbricht. Engberg schreibt mit Präzision, Wärme und einem tiefen Verständnis für menschliche Verletzlichkeit. Wer skandinavische Kriminalliteratur liebt, aber mehr erwartet als bloße Spannung, ist hier richtig. Wer die Reihe kennt, wird diesen Abschluss nicht missen wollen. Und wer Liv Jensen noch nicht kennt – der sollte mit Band eins, „Glutspur“, beginnen.
Autorin:
Katrine Engberg wurde 1975 geboren.Mit ihrem Debütroman „Krokodilwächter“ (dänisches Original: 2016) gelang ihr ein international beachteter Einstieg in die Kriminalliteratur. Das Buch war in Dänemark für mehrere Literaturpreise nominiert. Es folgten die Kørner-&-Werner-Reihe sowie die Liv-Jensen-Trilogie, deren abschließender Band „Schwelbrand“ ist. Engberg lebt mit ihrer Familie in Kopenhagen. Engberg zählt heute zu den wichtigen Stimmen des skandinavischen Krimis.














