Von Philipp Jessen
Titel: Shitfluencer
Erscheinungstermin: 14. September 2026
Genre: Sachbuch
Einband: Softcover
Seitenzahl: 160 Seiten
ISBN: 978-3-98791-376-1
Verlag: Westend Verlag

Shitfluencer von Philipp Jessen: Demokratie im Algorithmus
Philipp Jessen kennt das Spiel von innen. Als Co‑Gründer der StoryMachine, einer der bekanntesten PR‑Agenturen Deutschlands, hat er zwei Jahrzehnte Journalismus hinter sich – als Chefredakteur bei Bravo, Gala und Stern – und seit 2017 die Strategie für Brands, Persönlichkeiten und politische Institutionen auf Social Media geprägt. Mit „Shitfluencer“ legt er nun kein Standard-Sachbuch vor, sondern eine Kampfansage: Aus den sozialen Netzwerken, die einst Freiheit und Transparenz versprachen, seien „brutale Demokratievernichtungsmaschinen“ geworden. Die radikalsten Mächte aus In‑ und Ausland nutzten die destruktive Kraft virtueller Plattformen, um die demokratische Grundordnung in Deutschland abzuschaffen. Währenddessen agiere die Politik hilflos oder dilettiere vor sich hin. Der Untertitel „Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird – oder retten kann“ ist dabei sowohl Warnung als auch Hoffnungsträger.
Was passiert, wenn Algorithmen über Wahlen bestimmen
Der Kern von Jessens Argumentation ist alarmierend simpel: Die nächsten Wahlen werden in den Social Media entschieden, nirgendwo anders. Wer das Feld räumt, weil ihm der Lärm nicht gefällt, überlässt die Bühne denen, die gelernt haben, die digitalen Instrumente gnadenlos zu nutzen. Und das sind aktuell vor allem die Radikalen von ganz rechts. Jessen beschreibt, wie die deutsche Politik die Gefahr zwar wahrnimmt, aber unfähig bleibt, systematisch zu reagieren. Statt Regulierung und Kontrolle steht sie am Anfang von Debatten, während die Plattformen längst Regeln setzen. Die Folgen sind sichtbar: Desinformationskampagnen, Microtargeting, organisierte Shitstorms gegen politische Gegner. All das ist keine Theorie mehr, sondern gelebter Alltag im digitalen Raum. Dass Jessen als Insider spricht, verleiht seinen Analysen besonderes Gewicht.
Von der Praxis zur Theorie eines Insiders
Die Stärke des Buches liegt in Jessens Hintergrund. Er schreibt nicht aus Beobachterperspektive, sondern aus jahrelanger Praxis. 2017 gründete er mit Ex‑Bild‑Chef Kai Diekmann und Event‑Veranstalter Michael Mronz die StoryMachine. Das Unternehmen beschäftigt rund 100 Mitarbeiter, darunter Datenanalysten, die möglichst früh erkennen sollen, wann Trends entstehen. Diese Erfahrung fließt in jede Seite ein. Wenn Jessen erklärt, dass CEOs über Social Media kommunizieren müssen und Politiker ohne Social-Media-Gen zum Scheitern verurteilt sind, klingt das nicht nach Theoretisieren, sondern nach praxisgeprüfter Einsicht. Das Buch zeigt die Mechanismen, mit denen Aufmerksamkeit erzeugt wird, wie Algorithmen funktionieren und warum emotionale Inhalte schneller verbreitet werden als faktenbasierte Nachrichten. Auf knapp 160 Seiten bleibt der Text kompakt und ohne unnötige Abschweifungen.
Die Kritik, die Jessen an sich selbst übt
Was „Shitfluencer“ von anderen alarmistischen Büchern unterscheidet, ist Jessens Selbstreflexion. Er war Teil des Systems, das er nun kritisiert. Vor der Gründung von StoryMachine arbeitete er 20 Jahre lang im Journalismus. „Ich bin vom Stern weggegangen, weil ich das Thema Journalismus für mich durchgespielt hatte“, sagte er einmal im OMR Podcast. Diese Erkenntnis, dass klassischer Journalismus allein nicht mehr ausreicht, treibt ihn an. Doch er distanziert sich nicht nur, sondern sucht nach Wegen, wie Social Media demokratisch genutzt werden kann. Der Untertitel „oder retten kann“ ist dabei ernst gemeint. Es geht ihm nicht um pauschale Verteufelung, sondern um verantwortungsvollen Umgang. Das macht das Buch komplexer als viele vergleichbare Werke, die sich entweder in Technik‑Pessimismus oder unkritischer Digital‑Euphorie verlieren.
Fazit zu Shitfluencer: eine notwendige Warnung
„Shitfluencer“ von Philipp Jessen ist kein gemütliches Lesevergnügen, sondern eine Mahnung. Jessens Analyse überzeugt, auch wenn man nicht allen Folgerungen folgen muss. Die Botschaft ist klar: Wer jetzt nicht handelt, verliert die nächste Bundestagswahl – und möglicherweise die Demokratie. Die radikalsten Kräfte nutzen die digitalen Werkzeuge längst professionell. Die Frage ist, ob Deutschland rechtzeitig lernt, mit diesen Instrumenten umzugehen. Ein Problem bleibt: Das Buch ist knapp gehalten und bietet wenig konkrete Lösungsvorschläge außer „sofort handeln“. Doch genau darin liegt vielleicht seine Stärke – es provoziert zum Nachdenken.
Erschienen im September 2026 im Westend Verlag, kostet das Buch 18 Euro und ist auf 160 Seiten verdichtet. Es richtet sich an alle, die verstehen wollen, wie unser politisches System durch Algorithmen aufgemischt wird. Vielleicht ist es genau das, was die Debatte braucht: jemanden, der beide Seiten kennt und dennoch die Seite der Demokratie wählt.
Weitere Sachbücher zu Politik und Gesellschaft besprechen wir regelmäßig, zuletzt etwa Links – Deutsch / Deutsch – Links; alle Titel stehen in unseren Literaturrezensionen.














