Zwischen Gänsehaut und Moshpit – Rock in den Mai wird zur Legende

Christian Habeck

Cuxhaven, 30.04.2026 Es gibt Abende, bei denen man schon beim Reinkommen weiß: Heute stimmt alles. Die Eventlocation Captain Ahabs hatte diese Atmosphäre. Nicht weil irgendjemand etwas besonders hergerichtet hatte, sondern weil die Menschen, die an diesem Abend dort waren, mit echter Erwartung gekommen waren. Das spürt man. Das macht einen Unterschied.

Ich stehe seit Jahren auf Konzerten. Kleine Clubs, große Hallen, alles dazwischen. Was den Captain Ahabs ausmacht, ist diese Nähe. Kein Sicherheitsabstand zwischen Bühne und Publikum, keine Absperrung, die daran erinnert, dass man Gast ist. Man ist einfach dabei. Und genau das ist es, was solche Abende von Konzerten unterscheidet, bei denen man sich vorkommt wie ein Konsument, der ein Ticket gekauft hat.

Sturms Fährmann

Alles echt“ hieß der erste Song. Und genau das war es. Sturms Fährmann haben keine Sekunde gebraucht, um anzukommen. Keine tastenden ersten Songs, kein Warmwerden mit dem Publikum, kein schüchternes Abtasten. Sie haben gespielt, als wäre es ihr letzter Abend, dabei gleichzeitig völlig entspannt gewirkt. Das ist schwerer als es klingt. Viele Bands, die diese Energie versuchen, wirken angestrengt. Sturms Fährmann wirken einfach ehrlich.

Sturms Fährmann © Nordevents

„Erinnerst du dich“ war der Moment, wo ich aufgehört habe, Konzertbesucher zu sein und einfach zugehört habe. Wirklich zugehört. Diese Songs sitzen nah am echten Leben, an echten Gefühlen, ohne dass die Band dabei ins Sentimentale kippt. Das ist eine Kunst.

Alle Mann an Deck“ hat dann den Raum verändert. Plötzlich bewegten sich Leute, die vorher noch ruhig gestanden hatten. „Bach runter“ brachte eine Rauheit ins Set, die gutgetan hat. Und „Auf welchem Weg“ war, ehrlich gesagt, einer der stärksten Momente des ganzen Abends. Die Frage im Titel blieb im Raum stehen, lange nach dem letzten Akkord. Wir bleiben einfach hier rundete das Set auf eine fast unerwartete Weise ab. Ruhig. Warm. Richtig.

Sturms Fährmann wissen, wer sie sind. Das ist seltener als man denkt.

EXAT: Operation Punkrock

Kurze Umbaupause. Dann „Operation Punkrock„, und die Frage war beantwortet, bevor sie jemand gestellt hatte.

EXAT haben eine Energie, die man nicht inszenieren kann. Die ist einfach da. Der „Captain schlägt zurück“ in einem Club namens Captain Ahabs hat dabei fast etwas Symbolisches. „Blitzkrieg Bop“ war der Moment des Abends, an dem plötzlich alle sangen, ohne darüber nachzudenken. Einfach so. Kollektives Loslassen. Diese Sekunden, in denen eine Menge aufhört, eine Ansammlung von Einzelpersonen zu sein, passieren nicht auf Bestellung. EXAT haben sie provoziert.

Laut gegen Nazis“ hat mich überrascht, nicht weil ich das Statement nicht erwartet hätte, sondern wegen der Reaktion im Raum. Laut, geschlossen, kein Zögern. In einer Zeit, in der man bei solchen Momenten manchmal nicht weiß wie die Crowd reagiert, war das schön zu erleben. Und wichtig.

Für Nichts und Niemanden“ und „Der Letzte an der Bar“ zum Abschluss: Die Band hat bis zur letzten Note alles rausgeholt. Dabei gewirkt als wäre es der erste Song.

EXAT © Nordevents

The Headlines: Der Hauptact des Abends liefert ab

Ich gebe zu: Nach zwei starken Sets hatte ich kurz die Sorge, dass der Tank leer ist. Meiner. Der des Publikums. Kerry Bomb hat diese Sorge in etwa zwanzig Sekunden erledigt.

Homewrecker“ eröffnete, und Kerry Bomb war sofort in Bewegung, nicht das einstudierte Frontpersona-Programm, sondern echter Kontakt. Sie hat Leute angeschaut. Einzelne Leute. Das macht was mit einem Publikum. Man fühlt sich nicht beobachtet, sondern gesehen. Das ist ein Unterschied, den man schwer beschreiben kann, aber sofort spürt.

Herz brennt“ war der Song, bei dem der Raum aufgehört hat, Raum zu sein. Alle haben mitgesungen, nicht weil sie den Text kannten, sondern weil man bei diesem Song einfach mitsingen muss. Das passiert selten. „Pills“ und „True Grit“ hielten das Tempo, „In the End“ und „Warpaint“ zeigten die andere Seite der Band, diese ruhigere, breitere Qualität, die nicht jede Punkband hat.

Irgendwo in der Mitte des Sets gab es eine kurze Iron-Man-Hommage. Sowas macht eine Band, die sich selbst nicht zu ernst nimmt und trotzdem jede Note ernst nimmt. „99“ und „Upstarts“ setzten den Schlusspunkt. Der ganze Raum war in Bewegung.

The Headlines © Nordevents

Ein Wort zu Sven und seinem Team

Abende wie dieser entstehen nicht von selbst. Hinter jedem gut laufenden Konzert steckt jemand, der monatelang Mails schreibt, Bands bestätigt, Technik koordiniert, Absagen wegsteckt und trotzdem weitermacht. Sven und sein Team machen das mit einer Selbstverständlichkeit, die leicht darüber hinwegtäuscht, wie viel Arbeit dahintersteckt. Rock in den Mai ist für viele in Cuxhaven längst Tradition. Dass das so ist, liegt nicht am Kalender. Es liegt an Menschen, die solche Abende Jahr für Jahr möglich machen, ohne dass ihr Name auf dem Plakat steht. Danke dafür.

Was bleibt: Das Gefühl etwas Besonderes, etwas Echtes erlebt zu haben

Erschöpfung im besten Sinne. Das Gefühl auf dem Heimweg, etwas Echtes erlebt zu haben.

Drei Bands, drei völlig verschiedene Energien, ein gemeinsamer Abend, der keiner von ihnen gehört hat, sondern allen gleichzeitig. Genau das ist es, was kleine Clubs können, was große Hallen nicht können: Diese Nähe, diese Unmittelbarkeit, dieses Gefühl von Zusammensein ohne Abstand.

Rock in den Mai 2026 im Captain Ahabs war kein großes Festival. Es war besser.


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