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ROGER CHAPMAN IN WORPSWEDE

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Roger Chapman und seine Band Shortlist traten in der Musichall Worpswede auf. Ihm sind die 69 Jahre nicht anzusehen, und wer ihn auf der Bühne sieht, der wünscht sich, in dem Alter auch noch so fit zu sein.

Diese Ikone der Rockmusik in Dörfchen Worpswede. Da bei diesem Bekanntheitsgrad war die Lokalität natürlich gut gefüllt um vielleicht zum letzten Mal in den Genuss seiner außergewöhnlichen Reibeisenstimme zu kommen.

Ohne 'Hallo' oder 'Guten Abend' fängt die Band an zu spielen, und kaum eine halbe Minute später kommt Chapman unter lautem Jubel auf die Bühne. Unscheinbar sieht er aus, in seinem dunklen Hemd und der schwarzen Hose. Das Haar sehr kurz und fast weiß, auf der Straße würde jeder an ihm vorbeilaufen. Chappo scheint allerdings etwas schlecht gelaunt zu sein. Jedenfalls nimmt er sich erst einmal den Notenständer zur Brust, auf dem seine Texte liegen, wurstelt darin herum und stößt das Wort »Fucking« aus. Während des gesamten Abends kommt mir das böse Wort mit 'F' bestimmt über fünfzig Mal zu Ohren, und irgendwann mittendrin fällt mir ein, dass er ja aus dem Mutterland des Fußballs stammt, und dort solche Kraftausdrücke an der Tagesordnung sind.
Dass Chapman schwitzt wie verrückt, ist ja nichts zu sagen, immerhin rennt er ständig hin und her, und schafft es dabei, nicht eine einzige Sekunde still zu stehen. Um seine Schweißausbrüche in den Griff zu bekommen, schüttet er sich bei jedem Song eine halbe Flasche Mineralwasser über den Kopf.

Trotzdem benimmt sich Chappo den ganzen Abend wie ein Rüpel und wirft auch mal mit einer Wasserflasche nach seinen Musikern. Nebenbei machen er und seine Shortlist aber sehr gute Musik und spielen einen Blues Rock-Titel nach dem anderen. An seiner Seite, und ständig mit ihm in Blickkontakt ist Geoff Whitehorn, Gitarrist und Wegbegleiter seit einigen Jahrzehnten. Sein Spiel ist sehr konzentriert und ohne Schnörkel auf den Punkt genau.

 

Dass sich Roger und Geoff blind verstehen ist nicht zu übersehen, und er ist auch der einzige, der von Chappos Attacken verschont bleibt. Ebenfalls eine sehr solide Arbeit an ihren Instrumenten verrichten die anderen der Shortlist. Drummer John Lingwood spielt ein kleines, aber feines Set, das von überdimensionalen Becken gekrönt wird, hinter denen er kaum zu erkennen ist. Der Bursche hat einen richtig harten Schlag und treibt die Band ständig voran. Keyboarder Paul Hirsh dagegen spielt seine Akkorde eher teilnahmslos und gibt nebenbei seine Background-Stimme zum Besten. Bassist Garry Twigg hingegen ist eine wahre Augenweide. Er steht zwar sehr weit hinten auf der Bühne, aber durch seine ständigen Verrenkungen am Bass ist er des Öfteren ein Hingucker. Auch er bevorzugt das solide und gleichmäßige Spiel, nach dem Motto 'Wenig ist Mehr'.

Niemand möchte dem Altmeister am Mikrofon die Show stehlen, und der nutzt das natürlich in vollen Zügen aus.

Nach fast zwei Stunden ist Chappo nass bis auf die Haut, vom Schweiß und vom Wasser. O.K., immerhin er hat einen kleinen Marathon hinter sich. Von Ermüdung ist allerdings keine Spur. Die Band zieht sich auch keine drei Minuten zurück, bevor der Zugabenblock aus drei Nummern eingeläutet wird. Und womit könnte das besser sein, als mit "Shadow On The Wall".

Dass niemand im Saal um diesen Song herum kommt, ist von vornherein klar, jeder hofft nur, dass er nicht so abgedroschen klingt. Und Chapman gibt in diesem Stück wirklich noch einmal alles, interpretiert ihn zum größten Teil völlig anders, und wird dafür mit einem riesigen Jubel aller Besucher belohnt. "Let's Spend The Night Together" von den Rolling Stones wird als zweite Zugabe angestimmt. Chapman trifft den Nagel auf den Kopf, und jetzt möchte niemand mehr nach Hause.

Leider ist aber auch dieser Gig irgendwann vorbei und die Band verabschiedet sich mit dem Titel, aus dem ihr Name herrührt. "Shortlist" klingt langsam und leise aus, und ebenso langsam und leise verabschiedet sich ein Musiker nach dem anderen.