Interview mit Inga Rumpf 

Von Laura Fatteicher

Nach einem halben Jahrhundert Musikgeschichte gibt es viel zu erzählen: Inga Rumpf feiert ihren 75. Geburtstag und nimmt ihre Fans mit auf eine autobiografische Zeitreise – vor und hinter die Bühne. Denn zu diesem Jubiläum überrascht sie mit einer Autobiografie („Darf ich was vorsingen?“) und dem neuen Doppelalbum „Universe Of Dreams“, welches am 30. Juli erscheint. Darunter befinden sich dreizehn bisher unveröffentlichte Songs, auf denen unter anderen der Weltstar Keith Richards (Rolling Stones) zu hören ist. Wie es zu dieser Begegnung kam, erzählte uns Inga bereits vorab in unserem Interview.

Die letzten Jahre hast du dich, zumindest im Sinne von Albumproduktionen, ein wenig zurückgezogen. Machst du immer noch privat Musik.

Inga: Ganz zurückgezogen habe ich mich nicht. Ich war viel unterwegs und habe mit meinen verschiedenen Bands Konzerte gegeben. Ich habe eine etwas größere Band, meine „Friends“, und ab und zu sind auch Gäste dabei, wie Stefan Stoppok oder Helmut Krumminga. Oder ich bin mit meinem Trio unterwegs, mit verschiedenen Programmen, auf kleineren Events, in Kirchen oder was gerade so passt. Das hat sich im Laufe der Jahrzehnte so entwickelt, sodass ich mit diesen Besetzungen alle möglichen Konzertanfragen bedienen kann. Manchmal bin ich sogar allein auf der Bühne und begleite mich mit dem Piano. Zuhause mache ich natürlich auch Musik, da komponiere und texte ich neue Songs, wenn ich auf ein Projekt hinarbeite.

Was erwog dich, deine Autobiografie zu schreiben und wieder ein neues Album aufzunehmen?

Inga: Als mir vor zwei Jahren bewusst wurde, dass ich jetzt doch bald 75 werde, habe ich gedacht, ich müsste meinen Fans noch etwas Schönes, etwas Besonderes bieten. Dazu hatte ich ein paar unveröffentlichte Aufnahmen aus meinem Archiv vorbereitet und wollte diese eigentlich herausbringen. 2019 hatte ich angefangen, meine Biografie zu schreiben. Es war ein sehr heißer Sommer und ich konnte weder draußen im Garten arbeiten noch sonst etwas machen. Da habe ich aus Langeweile in meinen Textmappen geblättert und fand ein paar Anekdoten, die ich im Laufe der Zeit geschrieben hatte. Anekdoten, was hinter und auf der Bühne passiert ist. Dabei musste ich schmunzeln und dachte, dass man das eigentlich der Öffentlichkeit zu lesen geben müsste. Ich schreibe seit vielen Jahren Tagebuch und habe meine Terminkalender und Zeitungsartikel archivarisch gesammelt und chronologisch sortiert. Vieles davon war auch schon digitalisiert. Und so ging es wie von selbst los: Ich fing an zu schreiben und konnte nicht mehr aufhören. Die Recherche meines Lebens dauerte aber tatsächlich länger, als das Schreiben selbst. So viele Daten und so viele Bands, so viele Reisen und private Erlebnisse! Erstmal habe ich viel zu viel geschrieben, dann etwa die Hälfte gekürzt oder umgeschrieben. Erst wollte ich die unveröffentlichten Aufnahmen zusammen mit der Autobiografie veröffentlichen. Dann meinte aber mein Manager, dass ich so nicht davon käme, da müsse noch etwas Neues kommen. Unser Freund Dieter Krauthausen (Produzent von Westernhagen) bot an, mir zu helfen. Ich müsste mich um die Organisation nicht kümmern, da er ein eigenes Studio besitzt und viele tolle Musiker kennt. So habe ich mich zwei Monate hingesetzt und erstmal an Ideen, die noch nicht fertig waren gearbeitet. Zum Beispiel ist der Song „Back To The Roots“ nie so richtig vollkommen gewesen. Aber wenn man älter ist, kann man einen Rückblick wagen und kommt dann etwa zu dem Ergebnis, dass meine Generation sehr viel Glück gehabt hat. Ich hatte auch noch Stücke, da fand ich nur den Groove und die Melodie gut, die habe komplett umgetextet. Neben diesen Songs kamen auch ganz neue Ideen, inspiriert durch die Pandemie, auf die ich sonst vielleicht gar nicht gekommen wäre. Und so ist das Projekt mit der Doppel-LP und der Autobiografie zustande gekommen.

Du hast bereits die bisher unveröffentlichten Songs angesprochen, die als Bonus mit auf dein neues Album kommen. Erinnerst du dich noch, wann und warum die Songs damals entstanden sind?

Inga: Ja, das waren zum Teil Produktionen, die schon als Album geplant waren. Zum Beispiel wurde ich 1987 eingeladen, mit der Bonnie Raitt Band für Island Records ein Album zu machen. Bei dieser Produktion kam überraschenderweise Besuch: zwei der Stones-Gitarristen: Keith Richards und Ron Wood. Der Produzent – der alle in der Szene kannte, ob Bob Dylan, Eric Clapton oder die Stones – hatte mir erzählt, Keith Richards hätte meine Songs gehört und sagte: „When this Lady is in town, then call me.“ Und dann kam er tatsächlich mit seinem Buddy Ron Wood, seiner Managerin und seinem Gitarrenroadie in unseren Übungsraum. Er hatte mir eine Kiste bayerisches Bier mitgebracht und für sich selbst und seinen Freund Ron zwei Flaschen Jack Daniels. Und dann ging es los, die Gitarren wurden eingestöpselt und wir haben gejammt. Und so kam es, dass die beiden auf zwei der Songs einen guten Riff fanden und diese im Studio eingespielt haben. Sogar der dritte Stones-Gitarrist Mick Taylor hat eine ganz tolle Slide- Gitarre in New York eingespielt. (Die Produktion wurde aber nie veröffentlicht.)

Die anderen Stücke, die auf der Bonus CD sind, sind ebenso spontan entstanden. Mit Nils Gessinger haben wir in den 1990er Jahren in meinem Hamburger Studio ein paar meiner Songs aufgenommen, die ich auch veröffentlichen wollte... Ich habe sie damals an verschiedene Plattenfirmen geschickt, aber niemand wollte sie haben, und so blieben sie lange Jahre in meinem Archiv. Doch ich fand es schade, sie da verstauben zu lassen. Weitere Songs sind mit dem Ex-BAP-Gitarristen Helmut Krumminga entstanden. Wir haben als Duett viele Konzerte in Deutschland gegeben, und daraus sind dann diese drei schönen Songs entstanden, die wir in unseren Home-Studios aufgenommen haben.

Du bist jetzt schon viele Jahre im Musikbusiness. Was sind für dich die größten Unterschiede im Vergleich zu heute und damals?

 

 

 

 

Inga: Da gibt es mächtige Unterschiede... Die Musik ist durch Downloadportale wie Spotify sehr inflationär geworden, dadurch ist es für uns Künstler ganz schwierig, zu existieren. Wir haben hohe Produktionskosten, und dann kommt eine Lizenzabrechnung mit fünf Stellen – aber hinter’m Komma. Der Unterschied zu früher ist auch, dass wir zum Beispiel bei einer großen Plattenfirma einen Dreijahresvertrag mit zwei Optionen bekamen. Da wurde sich um die Künstler wirklich gekümmert und ihnen Zeit gelassen, sich zu entwickeln. Das ist heute nicht mehr so. Wenn du nicht innerhalb höchstens eines halben Jahres einen Hit hast, dann wirst du weggeschossen. Und natürlich hat sich auch die Live- Szene verändert. Ich hatte bis vor kurzem 100 Auftritte im Jahr, mit verschiedenen Bands, mit Gospel, Jazz oder Rock. Aber jetzt ist es (nicht nur wegen Corona, auch schon davor) für Bands, die noch nicht so populär sind, schwierig geworden, Auftritte zu bekommen und Geld zu verdienen.

Fotocredit: Jim Rakete

Welche Menschen haben deinen Lebensweg besonders beeinflusst?

Inga: Am Anfang sind es natürlich die Eltern, die einem einen gewissen Standard vorgeben, wie man zu leben hat. Als junger Mensch ist man dann erstmal auf einem ganz anderen Weg und probiert sich aus, aber man kommt bald doch dahinter, dass da einiges dran ist, was die Eltern empfohlen haben. Bei mir war es zum Beispiel so , dass meine Eltern gesagt haben, ich solle niemals Schulden machen. Das ist mir gut bekommen. Ich habe immer so lange gewartet, bis ich Geld hatte, um mir etwas zu kaufen und habe deswegen keine Geldsorgen. Dann gab es meine musikalischen Partner. Ganz am Anfang bei den City Preachers, waren viele, die mich inspiriert haben. Und Vince Weber, der großartige Boogie-Woogie-Pianist, der mich zum Klavierspielen inspiriert hat. Natürlich auch meine Ehemänner, ich war zweimal verheiratet. Ich habe sie ja geheiratet, weil sie irgendetwas hatten, was mich spiegelt. Man braucht immer Menschen, die einem nicht nur gute Ratschläge geben und von denen man etwas lernen kann, sondern die einen auch spiegeln. “Niemand ist eine Insel”, heißt es so schön.

Du hast in all den Jahren auch viele bekannte Persönlichkeiten kennenlernen dürfen. Was war die interessanteste Begegnung?

Inga: Interessant ist es, wenn man seine Heroes das erste Mal kennenlernt. Man hat ja gewisse Vorstellungen von Menschen, die man verehrt und muss dann oft feststellen, dass man sich ganz schön getäuscht hat – oder man wird angenehm überrascht von Personen, die man unterschätzt hat. Für mich waren die Begegnungen mit den Stones- Gitarristen natürlich toll, denn da konnte ich Keith Richards erleben, so wie er ist. Und ich muss sagen, dass er ein Gentleman ist. Er hat sich sehr angenehm mir gegenüber verhalten. Dann war da noch eine Begegnung mit Dr. John "The Night Tripper", an die ich mich gerne erinnere. Dr. John war einer meiner ersten Heroes. Das ist ein Sänger/Songwriter aus New Orleans. Eines Abends, als er in Hamburg war, konnte ich ihn fragen, was diese Idiome in seinen Texten , die ich nie verstanden habe, bedeuten. Klaus Voormann, der wusste, dass ich Dr. John sehr verehre, rief mich damals an und fragte, ob ich Lust hätte, ihn kennenzulernen. Denn er hatte gerade ganz viel Zeit in seiner Garderobe im CCH Hamburg und sich furchtbar gelangweilt. Da bin ich sofort hin und habe ihn kennengelernt. Das waren zwei sehr interessante Stunden. Das kann man übrigens alles in meiner Biografie nachlesen.

Gibt es etwas, was du aus heutiger Sicht anders machen würdest?

Inga: Was wäre wenn, ... das ist Spekulation. Es gibt viele Umwege und auch viele Sackgassen, in die man gerät, aber ich glaube, für eine persönliche Entwicklung sind auch die wichtig. Denn man weiß nie, was in dieser Sackgasse zu finden ist oder welcher Umweg zum Ziel führt. Und deswegen würde ich sagen: Alles okay.

Welchen Rat kannst du Musikern mit auf den Weg geben, die gerade noch ganz am Anfang stehen?

Inga: Man muss für seine Leidenschaft brennen, sonst macht es keinen Sinn. Ich habe viele Musiker als Dozentin an der Hamburger Musikhochschule begleitet. Darunter waren auch ganz viele junge Künstler, junge “Chaoten”, die einfach erstmal nur spielen wollten. Man braucht aber Durchhaltevermögen, Mut zum Risiko und Disziplin. Außerdem ist nicht nur musisches Talent wichtig, sondern auch Kenntnis darüber, wie man mit einem Computer umgeht, um aufzunehmen und wie man mit den ganzen digitalen Tools umgeht. Man muss auch im Team arbeiten können, aber genauso als EinzelkünstlerIn klarkommen. Das ist meine Erfahrung.

Für welche Dinge in Deinem Leben bist Du am dankbarsten?

Inga: Ich bin sehr geduldig, aber gleichzeitig auch sehr impulsiv – ich bin vom Sternzeichen und Aszendenten her Sonne und Mond. Ich kann beides: Ich kann im Team, als Frontfrau oder ganz allein arbeiten. Ich langweile mich selten, habe immer noch ganz viel vor und viele Interessen. Und dann bin ich dankbar für meine Stimme, die so lange durchhält, dass ich immer noch im hohen Alter singen kann.